Zeit für große Emotionen hat Kelvin van der Linde eigentlich keine. Der Titelkampf in der DTM tobt. Es geht eng zu. Es wird mit allem gekämpft, was dazugehört, mit Haken, Ösen und allen erdenklichen Tricks. Volle Konzentration ist also gefordert. Und Ablenkungen stören da nur.
Doch dass die Eltern aus Südafrika extra nach Hockenheim gekommen sind, um den Sohn am vorletzten Rennwochenende im Kampf um den Titel zu unterstützen, gibt dem 25-Jährigen offenbar einen Extra-Boost. Denn nach zuletzt fünf schwierigen Rennen, in denen er insgesamt nur 31 Punkte holte, waren es am Samstag in Hockenheim gleich 28 – dank Pole Position und viertem Saisonsieg. Ein doppeltes Ausrufezeichen.
„Mama und Papa sind nicht so oft hier, vor allem in den vergangenen zwei, drei Jahren war es schwer für sie“, sagt Van der Linde – und wird dann doch ein wenig emotional. „Umso stolzer macht es mich, ihnen einen Sieg zu schenken. Es war das lange und große Ziel von meinem Bruder und mir, es in die DTM zu schaffen. Wir hatten nie den Background, um die Formel 1 als Ziel zu haben. Die DTM ist so etwas wie das Endziel in meiner Karriere. Deshalb ist jeder Sieg sehr speziell.“
Speziell sind die Erfolge auch für seine Familie. Sein Großvater Hennie war einer der erfolgreichsten Tourenwagen-Fahrer Südafrikas. Papa Shaun war wiederum Südafrika-Meister im Touren- und Formelwagen. Onkel Etienne fuhr früher Formel 3 und Formel 3000. Van der Linde hat nun mit 188 Punkten die Tabellenführung zurückerobert, liegt punktgleich an der Spitze mit Liam Lawson. Der Neuseeländer wurde im Ferrari Vierter wurde und steht ebenfalls bei 188 Punkten, allerdings hat er einen Sieg weniger als van der Linde.
Kelvin van der Linde
„Es ist großartig, zurück zu kommen“, so van der Linde. „Das Team brauchte nach den vergangenen Wochen wieder ein Ergebnis. Es wird eng bleiben, wir können uns nicht zurücklehnen. Es fängt mit Liam jetzt wieder bei null an.“ Neben den Eltern ist auch der dreimalige Champion Rene Rast in Hockenheim. Van der Lindes Kumpel und Mentor weiß, wie man Titel gewinnt. Und wie man die Nerven behält, wenn es drei Rennen vor Ende weiterhin eng zugeht.
„Das Qualifying wird am Sonntag wieder wichtig sein“, weiß van der Linde: „Da wollen wir den Erfolg vom Samstag wiederholen. Es wird nicht einfach.“
Einfacher wird es aber, wenn der Teamkollege hilft. Mike Rockenfeller raste am Samstag von Startplatz 17 als Dritter auf das Podium. Wichtig dabei: In der Schlussrunde überholte der Routinier Lawson mit einem harten Manöver, der daraufhin wenig erfreut war. „Mein Englisch ist nicht so gut. Ich glaube, er hat mir zu dem Move gratuliert“, lacht Rockenfeller.
Hinter dem Top-Duo liegen die beiden anderen Titelkandidaten ebenfalls gleichauf. Maximilian Götz (HRT-Mercedes) hatte als Dritter lange das Podium im Visier, verlor Platz drei wegen Problemen mit den Bremsen am Ende an Rockenfeller und Lawson und wurde Vierter. Er hat damit 165 Zähler und ist weiterhin Gesamtvierter.
Bitter verlief der Samstag für Marco Wittmann. Der zweimalige Meister erlebte in seinem BMW M6 GT3 ein schwaches Qualifying und konnte von Startplatz 13 aus nichts ausrichten. Er gab nach 24 Runden wegen eines beschädigten Autos vorzeitig auf, ging somit leer aus und steht als Gesamtdritter weiterhin bei 165 Punkten.

Hockenheim – DTM – 1. Rennen

1. Kelvin van der Linde (Südafrika) – Audi R8 LMS GT3 1:01:14,359 Std.
2. Alexander Albon (Thailand) – Ferrari 488 GT3 +5,886 Sek.
3. Mike Rockenfeller (Landschlacht/Schweiz) – Audi R8 LMS GT3 +15,601
4. Liam Lawson (Neuseeland) – Ferrari 488 GT3 +17,233
5. Maximilian Götz (Uffenheim) – Mercedes-AMG GT3 +17,940
6. Esteban Muth (Belgien) – Lamborghini Huracan GT3 +18,779
7. Daniel Juncadella (Spanien) – Mercedes-AMG GT3 +19,966
8. Philip Ellis (Großbritannien) – Mercedes-AMG GT3 +21,119
9. Vincent Abril (Frankreich) – Mercedes-AMG GT3 +28,817
10. Timo Glock (Thurgau/Schweiz) – BMW M6 GT3 +36,432
11. Marvin Dienst (Lampertheim) – Mercedes-AMG GT3 +39,674
12. Sophia Flörsch (Grünwald) – Audi R8 LMS GT3 +40,662

Fahrer-Wertung, Stand nach 13 von 16 Rennen:

1. Kelvin van der Linde (Südafrika) – Audi 188 Pkt.
2. Liam Lawson (Neuseeland) – Ferrari 188
3. Marco Wittmann (Fürth) – BMW 165
4. Maximilian Götz (Uffenheim) – Mercedes 165
5. Alexander Albon (Thailand) – Ferrari 122
6. Philip Ellis (Großbritannien) – Mercedes 113
7. Lucas Auer (Österreich) – Mercedes 98
8. Mike Rockenfeller (Landschlacht/Schweiz) – Audi 77
9. Sheldon van der Linde (Südafrika) – BMW 55
10. Nico Müller (Schweiz) – Audi 52

Von

Andreas Reiners