Einen triftigen Grund zu feiern hatte Flörsch, die im Chaos am Samstag ihre ersten sechs DTM-Punkte einfuhr. Den freudigen Anlass nutzte Sie, um gleich mal etwas hinsichtlich ihrer Zukunft klarzustellen. Denn die sieht sie im Formel- und Prototypensport, hatte sie vor Assen betont. Aber eben auch in der DTM, was im Vorfeld ein wenig untergegangen war. „Der Formelsport ist das, wo ich wieder hin will“, sagt sie zu ABMS.
„Endurance macht Spaß und da sollte man als Rennfahrer ein Standbein drin haben. Aber die DTM ist trotzdem weiterhin eine Option“, so Flörsch, die verrät: „Das Projekt mit Abt und Schaeffler war über zwei Jahre aufgebaut. Als junge Rennfahrerin muss man von Jahr zu Jahr schauen und sehen, was am meisten Sinn macht. Deshalb werden wir uns in den kommenden Wochen zusammensetzen und offen reden, wie es weitergeht.“
Abt-Teamchef Thomas Biermaier hatte ABMS verraten, dass Flörsch sich in ihrer DTM-Debütsaison bisweilen selbst zu sehr unter Druck gesetzt hat. Und natürlich ist Motorsport vor allem auch Kopfsache. Ist die Punktefahrt deshalb vielleicht der ersehnte Knotenlöser? „Es ist kein Geheimnis, dass ich nicht zufrieden mit den Plätzen war, wo ich herumgefahren bin. Ich bin mit anderen Erwartungen in die Saison gestartet“, stellt sie klar. Mit Platz neun sei ihr „ein Stein vom Herzen gefallen.“ Die Münchnerin: „Das hat gut getan, uns allen. Ich hoffe, dass die Stimmung jetzt noch mal besser ist und ich in den letzten Rennen wieder angreifen und hoffentlich noch mehr Punkte einfahren kann.“ Am Sonntag reichte es allerdings nur zu Platz 16.
Dass der Ärger bei ihrem Team Abt im Moment groß ist, liegt aber nicht daran, sondern am Boxenstopp-Zoff hinter den Kulissen. Teams wie Abt und auch Walkenhorst haben mit ihrem Audi beziehungsweise BMW gegenüber dem Ferrari und dem Mercedes der Titelkonkurrenten AF Corse und HRT einen konzeptionell bedingten Nachteil beim Boxenstopp, der bis zu zwei Sekunden kosten kann.
Sophia Flörsch
Hintergrund: Die Radmuttern bei den Boliden von Ferrari und Mercedes bleiben beim Reifenwechsel an der Felge, wodurch beim Stopp durch Zeit gespart werden kann. Die Konkurrenz kann nicht einfach umrüsten, hatte deshalb einen zeitlichen Ausgleich in der Boxengasse gefordert. Das Problem für van der Linde und Wittmann: Eine Lösung wurde nicht gefunden und wird es 2021 auch nicht mehr geben, wie die ITR mitteilte. Heißt: Sie müssen mit den Nachteilen klarkommen.
Die Vorteile liegen deshalb aktuell bei einem Rookie: In der Gesamtwertung führt vor den letzten vier Rennen in Hockenheim und am Norisring Liam Lawson (AF-Corse-Ferrari) mit 175 Punkten vor Marco Wittmann (Walkenhorst/165), Kelvin van der Linde (Abt/160) und Maximilian Götz (HRT-Mercedes/155).
„Selbstverständlich sind wir enttäuscht, dass keine Lösung gefunden wurde, die Boxenstopps anzugleichen“, sagt Abt-Teamchef Thomas Biermaier zu ABMS: „Es hätte aus unserer Sicht eine einfache Lösung gegeben. Wir gehen mit einem Nachteil in die letzten vier Rennen, der die Meisterschaft entscheiden kann. Wir hoffen es natürlich nicht und versuchen weiter, so gut wie möglich mit dem Nachteil umzugehen, der uns immer wieder zu riskanten Strategien zwingt.“
Wie in Assen, wo van der Linde in beiden Rennen im Gegensatz zur Konkurrenz länger draußen blieb, um auf der Strecke einen Vorsprung herauszufahren und den Nachteil beim Stopp auszumerzen. Am Samstag ging der Plan fürchterlich schief, da das Safety Car zur Rennmitte ausrückte. Da hatte der Südafrikaner aber noch nicht gestoppt. Es gab immerhin noch einen Trostpunkt. Am Sonntag verbesserte er sich durch die Taktik dann aber von Startplatz acht auf Rang fünf.
Riskant bleibt es trotzdem. Nicht nur deshalb steuert die DTM auf ein bewegtes und emotionales Saisonfinale zu.

Von

Andreas Reiners