René Rast, wie fühlt man sich als Doppelchampion?
René Rast (32): Gar nicht viel anders als vorher. Der zweite Titel ist immer anders als der erste. Er ist nicht weniger wert, aber du bist etwas gefasster und nicht mehr so überrascht.
Sie haben die DTM so langweilig gemacht wie Schumi und Hamilton die Formel 1. Fühlen Sie sich eher als Schumi oder als Hamilton der DTM?
Das sind tolle Rennfahrer, die alles dominiert haben. Ich sehe mich selbst nicht so.
Man kann durchaus sagen, dass Sie als Meister 2017, Vize 2018 und Meister 2019 dabei sind, eine DTM-Ära zu prägen…
Das ist ein Phänomen, das mich seit 2005 begleitet. Ich habe seitdem viele Meisterschaften oder 24-Stunden-Rennen gewonnen. Der Sieg war schon immer auf meiner Seite. Warum, kann ich gar nicht erklären. Klar ist aber: Der Erfolg kommt nicht vom Himmel geflogen, ich weiß, wie viele Stunden Arbeit der Erfolg mich kostet.
Welche Macken machen Sie so stark?
Ich lasse zum Beispiel den Anzug an, wenn ich am Tag vorher gewonnen habe. Auch wenn das meinen Mechanikern stinkt. (lacht). Ich habe auch immer das gleiche Shirt an. Das sind mentale Hilfen. Wenn ich manche Dinge immer wiederhole, gibt mir das Selbstvertrauen, einen Boost. Dann denke ich, dass nichts mehr schiefgehen kann und steige mit einem ganz anderen Gefühl ins Auto ein. Vor dem Start verdrücke ich mich auch für zehn Minuten, um meine Ruhe zu haben.
Trotz Ihrer Stärken: Was würden Sie sich von Hamilton und Schumacher abschauen?
Michael Schumacher spricht sehr viele Sprachen, kommunikativ war er immer ein brutales Tier. Bei Lewis ist es vielleicht die Coolness und seine Überlegenheit in der Formel 1, sein Lifestyle ist nicht so mein Ding.
Rast: Bin kein Schumi
Rast sicherte sich schon vor dem Finale in Hockenheim den DTM-Titel 2019.
Was können sich andere bei Ihnen abschauen?

Es gibt viele in der DTM, die viel tun, um erfolgreich zu sein. Es gibt aber andere Namen, die weniger tun und mehr Erfolg haben könnten, wenn sie mehr tun würden. Das ist aber eine Typfrage. Doch mein „Arbeitsgen“ könnte der eine oder andere gut gebrauchen. Wobei das nicht heißt, dass sie damit erfolgreicher wären.
Woran merkt man, dass ein Konkurrent nicht genug tut?
An den Fragen, die kommen. In lockeren Gesprächen oder in der Fahrerbesprechung. Da denke ich mir: ‚Das müsstest du wissen, wenn du dich gut vorbereitet hättest.‘ Und das ist bei überraschend vielen Fahrern so. Daran merkt man, dass manche Fahrer mit dem Ende des Rennwochenendes mit der DTM abschließen und erst dann wieder anfangen, wenn sie wieder zur Strecke kommen. Jeder ist
anders und geht anders damit um. Das ist nicht negativ gemeint, aber ich könnte es nicht. Ich bin jemand, der perfekt vorbereitet sein will.
Wie kann man Sie aus der Ruhe bringen?
Ich habe mittlerweile so viel gesehen und erlebt, dass ich mit jeder Situation umgehen kann. Selbst wenn ich am Start mit drei Rädern stehen würde, würde mich das nicht mehr aus der Ruhe bringen.
Gibt es denn eine Schwäche, die Sie haben?
Im Auto hatte ich mich früher nicht gut unter Kontrolle, wenn mir etwas gegeben den Strich gegangen ist. Ich habe immer noch meine emotionalen Schrei-Phasen, aber das hat sich gebessert. Das bestätigen auch meine Mechaniker (lacht). Für mich ist es ein Ventil.
Wie wichtig ist Ihr Team beim Titelgewinn?
Seit 2017 habe ich fast die gleichen Mechaniker, außerdem den gleichen Renn- und Dateningenieur. Die haben einen riesigen Anteil am Erfolg. Wenn ich neben meinem Ingenieur sitze, erkenne ich mittlerweile anhand von Atmung und Körpersprache, was in ihm vorgeht und umgekehrt. Auch mit meinen Mechanikern verstehe ich mich blind. Dieses Eingespielte ist ein Schlüssel zum Erfolg. Außerdem ist das Team Rosberg abgehärtet, was den Titelkampf und Druck betrifft.
Was sind die Stärken des Audi RS 5 DTM?
Der Audi war das überlegene Auto, seit Mitte des Jahres waren wir fast unschlagbar. Das Auto war zuverlässig, auf eine Runde im Qualifying extrem stark, aber auch im Renntrimm auf einem höheren Level als BMW und Aston Martin.
Kommt ein Herstellerwechsel für Sie infrage oder sind Sie treu?
Ich bin sehr glücklich bei Audi, es gibt keinen Grund für mich zu wechseln. Wir hatten in den vergangenen drei Jahren viel Erfolg und ein starkes Auto. Man soll niemals nie sagen, aber im Moment sehe ich mich bei Audi.
Es könnte Sie wohl nur ein Formel-1-Team weglocken….
(lacht). Ach, die Formel 1. Das ist ein schwieriges Thema. Ich würde gerne ein Formel-1-Auto fahren, weil es mich reizt. Mehr würde sich aber wohl nicht daraus entwickeln. Wenn sich ein Team melden würde, müsste ich sicher mal mit Dieter (Gass, Audi-Motorsportchef., Anm.d.Red.) sprechen, welche Möglichkeiten es gibt.
DTM-Boss Gerhard Berger erklärte zuletzt, wenn Sie etwas jünger wären, würde er Sie ganz klar in der Formel 1 sehen….
Alter bedeutet nicht zwangsläufig etwas Negatives. Man hat vielleicht keine ewig lange Karriere mehr vor sich, aber man könnte in der Zeit dem Team mehr Wert bringen als ein junger Fahrer. Ich habe Erfahrung, Rennintelligenz, kann mit Druck umgehen, hinzu kommt meine Arbeitsmoral – das sind Faktoren, die nicht schlecht zu einem Formel-1-Team passen würden. Was ich gelten lasse: die fehlende Erfahrung in einem Formelauto. Aber: Früher hat man auch über mich gesagt, dass ich zwar im Carrera Cup alles abgeräumt, ich aber in einem aerodynamischen Auto nichts verloren habe. Da habe ich bereits bewiesen, dass man sich als guter Fahrer auf jedes Auto einstellen kann.
Wen aus der Formel 1 hätten Sie gerne mal als Gegner?
Hamilton und Vettel, vielleicht ja mal als DTM-Gaststarter. Mich würde interessieren, wie das dann aussehen würde.
Sie werden im Oktober 33. Wie lange soll es noch gehen?
Ich mache es so lange, wie ich mich wohlfühle und erfolgreich bin. Wenn ich merke, dass ich mit der ganzen Arbeit nicht mehr den Erfolg habe, muss ich mir die Frage stellen, ob ich nicht aufhören sollte. Ich hoffe, dass ich noch ein paar Jährchen vor mir habe.
Was bleibt in der DTM als Ziel?
Bernd Schneider ist mit fünf Titel extrem weit weg. Einen dritten Titel hat außer Bernd Schneider und Klaus Ludwig niemand geschafft, das wäre ein Ziel. Mattias Ekström zu schlagen als bester Audi-Fahrer auch, dazu fehlen noch sieben Siege.

Von

Andreas Reiners