Normalerweise muss man sich tief bücken, wenn man in ein Auto von Mate Rimac einsteigen will. Und man muss reich sein, sehr reich sogar. Denn egal ob der elektrische Nevera oder der neue Bugatti Tourbillion, beide sind kaum mehr als hüfthoch und ihr Preis geht in die Millionen. Doch wer im neuesten Modell des Kroaten fahren will, der kann fast aufrecht einsteigen, lässig in einem bequemen Sessel lümmeln und zahlt nur ein paar Euro. Und er braucht nicht mal einen Führerschein.
Das zumindest ist die Vision von "Verne", die jetzt so langsam Gestalt annimmt. Denn so, wie Jules Verne als Vater der Science-Fiction mit Romanen wie der Reise zum Mittelpunkt der Erde oder den 20.000 Meilen unter dem Meer die Zukunft vorweggenommen hat, will auch Rimac am großen Rad der Zeit drehen und uns endlich in die Ära der Robo-Taxen beamen. Und anders als sein amerikanisches Pendant Elon Musk spricht er nicht nur darüber, sondern lässt seinen Worten jetzt Tagen folgen: Zusammen mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und dem kroatischen Premierminister Andrej Plenkovic, die beide tief in die Kassen greifen für das Projekt, hat er jetzt auf seinem seinen neuen Campus in Kroatien jenes Auto enthüllt, das schon in zwei Jahren führerlos durch Zagreb und kurz danach auch durch vier Städte in Deutschland surren soll.
Rimac Robotaxi "Verne"
Das Rimac Robotaxi bietet zwei bequeme Sessel und viel Beinfreiheit.
Bild: Rimac
Dafür baut Rimac nahe der kroatischen Hauptstadt gerade eine Fabrik, aus der anfangs ein paar Dutzend, bis zum Ende der Dekade aber bereits 10.000 Robotaxen rollen sollen. Anders als bei Conti & Co ist das allerdings kein kantiger Kleinbus, der aussieht wie ein Toaster auf Rädern. Sondern Designchef Adriano Mudri hat einen ausgesprochen schnittigen Kompakten von rund vier Metern Länge gezeichnet, der – unten Sportwagen, oben Space Shuttle – an einen VW Golf für Captain Future erinnert.

Rimac will das edelste Robotaxi bauen

Denn erstens soll Verne – so viel sind Rimac und seine Mitstreiter Bugatti und Nevera dann schon schuldig – das schönste und edelste Robotaxi sein, in dem man stilvoll vorfahren kann. Und zweitens sind die Kunden bei acht von zehn Fahrten allein und bei der neunten maximal zu zweit unterwegs. "Deshalb quetschen wir sie nicht in einen Kleinbus, sondern bieten ihnen mehr Platz als in einem Rolls-Royce," sagt Rimac bei der exklusiven Sitzprobe von AUTO BILD. "Und fast genauso viel Komfort."
Wer durch die wegen der engen Parklücken und der kurzen Überhänge nach vorne öffnenden Schiebetüren steigt, sinkt deshalb in zwei ultra-bequeme Sessel , kann die Beine ganz weit ausstrecken und genießt ganz neue Ausblicke: Weil das Robotaxi ein reiner Zweisitzer ist, fällt der Blick ungehindert durch eine riesige Frontscheibe, das große – Jules Vernes Nemo lässt grüßen – Bullauge im Dach gibt den Blick auf die Skyline frei und vor den Knien spannt sich über die gesamte Fahrzeugbreite ein brillanter Bildschirm.
Rimac Robotaxi "Verne"
Der Blickwinkel der Passagiere im Rimac Robotaxi "Verne".
Bild: Rimac
Dazu gibts eine riesige Mittelkonsole mit universellen Cupholdern aus Memoryschaum sowie kabellosen Ladeschalen und USB-Stecker, vorne eine Quertraverse als Gepäckablage oder Hängeregal für Einkaufstaschen und Jacken, an der Seite große Haltegriffe für den bequemen Zustieg und im Heck einen gewaltigen Kofferraum.
Und natürlich hat Verne auch die Sicherheit im Sinn. Weil es je nicht nur Robotaxen gibt auf den Straßen, müssen sich die Insassen anschnallen und trotz der riesigen Crash- und Knautschzonen sowie des stabilen Leiterrahmens sind hinter den Konsolen vorn und an der Seite Airbags versteckt.
Aber wichtiger als alles, was da ist, ist aber das, was nicht da ist: Es gibt weder ein Lenkrad noch Pedale. Wo andere Robotaxen zumindest für den Anfangsbetrieb unter Aufsicht oder für den Notfall manuell gesteuert werden, verlässt sich Verne voll und ganz auf den Autopiloten, den sie zusammen mit Mobile Eye entwickeln. Und sie sind zuversichtlich, dass sie damit in zwei Jahren fertig sind. "Wir haben schon viele tausend Kilometer in Zagreb hinter uns und die Zahl der Eingriffe wird immer geringer", sagt Marko Pejković.
Rimac Robotaxi "Verne"
AUTO BILD Reporter Thomas Geiger (links) nimmt im "Verne" Robotaxi Platz.
Bild: Rimac
Er ist einer von Mate Rimac‘ besten Freunden, gehört zusammen mit Designer ccv zu den ersten Mitarbeitern und miss jetzt als Chef von Verne, beweisen dass Robotaxen mehr sind als eine fixe Idee. Dabei geht es nicht nur um die Technik, sondern vor allem ums Geschäft. Denn in einem Markt, in dem Uber & Co nur deshalb ein bisschen was verdienen, weil sie ihre Fahrer ausbeuten, ist zwar viel Arbeit zu holen, aber wenig Geld.

Nicht viel teurer als ein Uber-Trip

Und viel mehr als ein Uber-Trip soll auch eine Verne-Fahrt nicht kosten, verspricht Pejković und will perspektivisch sogar billiger werden. Deshalb sei es der Service, der den Unterschied macht. "Wir wollen die Menschen nicht nur sicher und komfortabel von A nach B bringen, sondern wir wollen ihnen verlorene Zeit zurückgeben. Was bislang Wegezeit war, wird dann wertvolle Zeit zum Ausruhen, Arbeiten oder Entspannen. Und zwar in einer ungestörten Privatsphäre."
Dafür registriert man sich bei Verne und hinterlegt seine Präferenzen in der App, über die alle Fahrten gebucht werden. Wenn dann ein Robo-Shuttle vorfährt, begrüßt es den Benutzer nicht nur mit seinem Namen am Display neben der Tür. "Sondern läuft deine Musik im Auto, es herrscht dein bevorzugtes Klima, es riecht so, wie du es willst, und niemand quatscht die blöd von der Seite an" , skizziert er die Annehmlichkeiten einer Fahrt, wie man die zumindest in Zagreb bislang offenbar selten erlebt. Und im Rest der Welt ist es wahrscheinlich kaum besser. "Und pieksauber ist das Auto natürlich auch." Außerdem ist natürlich das Smartphone schon automatisch gekoppelt und auf dem 43-Zoll-Display gespiegelt, die persönlichen Accounts von Netflix, Spotify & Co integriert und wer nicht streamen, sondern spielen will, der kann sogar den Controller seiner Playstation mit ins Auto bringen, skizziert Pejković die unendlichen Möglichkeiten der digitalen Zerstreuung.
Rimac Robotaxi "Verne"
Auch von hinten ein futuristischer Hingucker.
Bild: Rimac
Oder man wechselt auf dem Median als Zentralem Bedienelement in der Mittelkonsole – nach dem Anschnallen und dem Start-Kommando natürlich – in den Oasis-Modus, lässt den Sessel in eine Liegeposition surren und döst mit bis zu 130 Sachen seinem Ziel entgegen.
Damit das mit der Entspannung auch klappt und sich die Kunden auf das führerlose Abenteuer einlassen, baut Pejković ein paar vertrauensbildende Maßnahmen ein: Wer will, kann auf dem Bildschirm in der Mitte verfolgen, wie sich das Robotaxi seinen Weg durch das Verkehrsgetümmel sucht und wie seine drei Longrange- und sechs Shortrange-Lidarsensoren sowie die 13 Kameras die Welt sehen. Und wem das alles gar zu gespenstisch wird, der drückt auf die Sprechtaste in der Mittelkonsole und hat dann Kontakt zu einem Menschen aus Fleisch und Blut.
Rimac Robotaxi "Verne"
Das Robotaxi ist mit 400-Volt-Akkus ausgestattet, die eine Reichweite von 240 Kilometer ermöglichen.
Bild: Rimac
Zwar sind die 211 PS starken Robotaxen darauf ausgelegt, dass sie 24/7 unterwegs sind und damit sie sich amortisieren, müssen sie 600.000 Kilometer durchhalten. Doch mindestens einmal am Tag macht auch Kollege Computer Pause. Dafür ruft Verne seine Shuttle zurück zum Mutterschiff. So nennt Pejković die Hubs, in denen die Autos regelmäßig innen gereinigt und außen gewachsen werden, in denen mit ein paar Handgriffen verschlissene Konsolen oder Sitzbezüge ausgetauscht werden können und in denen die für bis zu 240 Kilometer ausgelegten 400 Volt-Akkus mit preiswerter Lithium-Eisen-Phosphat-Chemie wieder mit 60 kWh nachgeladen werden.
Angst, dass jemandem dabei der Fahrer fehlen würde oder gar der Fahrspaß, haben Mate und seine Freunde offenbar nicht. "Denn so richtig viel Spaß macht das Autofahren im Alltag doch heute ohnehin nicht mehr", sagt Pejković: Es sei denn natürlich, man hat das Glück, in einem Nevera zu sitzen oder in einem Bugatti.
Chapeau, Mate! Schon jetzt hat der in Frankfurt aufgewachsene Kroate mehr erreicht, als die meisten anderen PS-Pioniere. Doch während Nevera und Tourbillion nur eine winzig kleine Zielgruppe haben, will er mit Verne unser aller Leben, na ja zumindest, unser Mobilitätsverhalten auf den Kopf stellen. Natürlich klingt das ganz schön abgehoben und ziemlich visionär. Aber das haben sie bei Jules Verne damals auch gesagt. Und statt in 80 Tagen ist man heute in nicht einmal 24 Stunden um die Welt.