Das Wolfsburg der Reisemobilbranche heißt Bad Waldsee. Und liegt, nun ja, noch mehr in der Provinz. Knapp 40 Minuten nördlich des Bodensees befindet sich der Hauptsitz von Deutschlands größtem Reisemobilhersteller.
65.000 Fahrzeuge hat die Erwin Hymer Group im Geschäftsjahr 2020/2021 verkauft, einen Rekordumsatz von 2,7 Milliarden Euro erzielt (+23 %). Seit vergangenem Sommer führt ein neuer Chef das Unternehmen: Alexander Leopold. Der 50-Jährige übernimmt das Lenkrad in einer heiklen Phase.
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Genau wie die klassische Automobilindustrie ächzt auch die Campingbranche unter fehlenden Bauteilen und: Fahrern. "Was uns gerade auch fehlt, sind Lkw-Fahrer, die uns Chassis bringen könnten", sagt Leopold. Also Basisfahrzeuge wie den Fiat Ducato, auf denen die Hymer-Leute dann ihre mobilen Häuser bauen. Dieses Problem werde sich auch in den nächsten Monaten nicht einfach lösen lassen.

100.000 Lkw-Fahrer fehlen

Bis zu 100.000 Lkw-Fahrer fehlen laut Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung aktuell in Deutschland. Etwa aus Russland und der Ukraine, seit dort der Krieg ausgebrochen ist.
Der Kleinstwagen Delta war das erste "Camping auto", das Erwin Hymer zusammen mit Claudius Dornier jr. konzipierte.
Bild: Holger Karkheck

"Meine erste Aufgabe war es daher, eine Strategie aufzustellen, wie wir gut durch diese Zeit kommen“, sagt Leopold.
Nachdem die Branche jahrelang von Rekord zu Rekord geeilt ist, gibt sie sich jetzt verhaltener. Die Zahlen des Branchenverbands CIVD sprechen für sich: Im Vergleich zum Vorjahr wurden 2022 mit 66.507 Einheiten rund 18,3 Prozent weniger Reisemobile neu zugelassen, vermeldete der Verband gerade auf der Messe CMT in Stuttgart.

Kurzarbeit trotz voller Auftragsbücher

Dabei mangelt es nicht an Nachfrage. Die Auftragsbücher seien voll, sagt Leopold. Vor allem Premium-Modelle stehen gerade hoch im Kurs. Das führt zu einer merkwürdigen Situation: Zum Teil musste man Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, obwohl es eigentlich reichlich Aufträge gab – aber eben keine Teile.
Anfang 2019 hat der amerikanische Thor-Konzern die Erwin Hymer Group für rund 1,9 Milliarden Euro übernommen. Zu Thor gehört unter anderem die Wohnwagen-Kultmarke Airstream. "Wir sind froh, dass unser Eigentümer aus der Branche kommt und weiß, wie zyklisch unser Geschäft sein kann", sagt Leopold.
Blick in das sehenswerte Erwin Hymer Museum in Bad Waldsee bei Ravensburg. Es wurde 2011 eröffnet.
Bild: Holger Karkheck

Knapp 9.000 Mitarbeiter hat die Hymer Group, aufgeteilt unter anderem auf 15 Hersteller-Marken wie Dethleffs, Bürstner oder Eriba. Bei Reisemobilen liegt der Marktanteil europaweit bei 26 Prozent, bei Wohnwagen sind es 20 Prozent. Zudem gehören zur Hymer Group Firmen wie Europas größter Wohnmobilvermieter McRent mit rund 100 Stationen in Europa, Neuseeland – und sogar Japan, wo man hierzulande unbekannte Vans auf Toyota-Basis mieten kann und ungewöhnliche Tourvorschläge erhält ("Ein sehr spezielles Ziel ist die Katzeninsel Tashirojima, wo mehr Katzen als Menschen leben und Hunde verboten sind").

"Innovation Camp" in Süddeutschland

Aber zurück zu den hiesigen Fahrzeugen: Für deren Entwicklung betreibt der Hersteller seit 2018 ein eigenes "Innovation Camp"
in Süddeutschland. In dem Ideenlabor ist unter anderem das aufblasbare Dach des Vorzeige-Campers Venture S entstanden.
Es ist mehrschichtig, isoliert und pumpt sich von selbst auf. 
Insgesamt hat sich das Aussehen der Wohnwagen und Reisemobile verändert. Bambusholz, aufwendige LED-Lichttechnik mit verschiedenen Stimmungen, Filz an den Wänden – mit jüngerer Kundschaft kommt auch jüngeres Design.
Das spektakuläre neue Reisemobil Venture S auf Sprinter-Basis gibt es ab 225.000 Euro.
Bild: Holger Karkheck

Das nächste große Thema sei die Autarkie. Auch hier hat das firmeneigene Innovationslabor schon mit der Entwicklung eines 48/230-Volt-Energiesystems mit Schnellladefunktion geholfen.

Umweltfreundliche Materialien im Trend

"Die Leute möchten unterwegs unabhängiger sein“, sagt Manager Leopold. Bestes Beispiel ist auch da der Venture S, das Vorzeige-Reisemobil auf Mercedes-Sprinter-Basis, das gerade noch einmal auf der CMT in Stuttgart zu sehen war. Bis zu zehn Tage ist man damit unabhängig unterwegs, dank Batterie und Solardach. Unabhängig sollte man in diesem Fall allerdings auch finanziell sein – bei einem Ab-Preis von 225.000 Euro für das Reisemobil und einer Aufpreisliste, bei der allein die Lackierung in "Quellblau Metallic" 8.700 Euro extra kostet.
Ein weiterer großer Trend: umweltfreundliche Materialien. "Wir wollen nachhaltiger werden", sagt Leopold. Erste Reisemobile haben bereits Polsterstoffe, die zu 100 Prozent aus recycelten PET-Flaschen bestehen.
Alexander Leopold begann seine Karriere beim Trecker-Hersteller Deutz-Fahr.
Bild: Holger Karkheck

Ein weiteres großes Projekt ist die Digitalisierung der Fahrzeuge. Mittels eigener App soll das Reisemobil zukünftig ein Smart Home auf Rädern werden. Per Handy lassen sich etwa Lichtstimmungen einstellen – oder der Wasserstand kontrollieren.
Auch das Thema Elektrifizierung kleinerer Camper spielt zunehmend eine Rolle. Als erstes Modell kommt in diesem Jahr auf Basis des Opel Zafira-e Life ein Camper der Hymer-Marke Crosscamp. Der Elektrobus hat ein Doppelbett im Aufstelldach, eine kleine Küche, drehbare Vordersitze – und kann auch Alltag.
Alexander Leopold war früher übrigens in der Trecker-Branche beim Hersteller Deutz-Fahr tätig. Was ist schwieriger an den Mann zu bringen? "Das unterscheidet sich gar nicht so sehr", sagt der Manager. "Beides ist ein sehr emotionales Geschäft."