Ferrari 12Cilindri und Aston Martin Vanquish: Zwölfzylinder-Vergleich
V12-Gipfeltreffen: Welcher Gran Turismo überzeugt mehr?

Feurige Boliden vor der eisigen Gletscherlandschaft des Kaunertals: Ferrari 12Cilindri und Aston Martin Vanquish treffen sich zur Charakterstudie in alpiner Umgebung.
Bild: Toni Bader
Zwölfzylinder sind der Gipfel der Motorenbaukunst – mittlerweile aber auch leider vom Aussterben bedroht. Umso erfreuter ist man natürlich über die seltenen Besuche dieser Wunderwerke der (Fein-)Mechanik. Wenn sie dann auch noch aus so legendären Häusern wie Aston Martin und Ferrari stammen, setzt schon Tage vorher ein gewisses Kribbeln ein.
Und es stellt sich die Frage: Wohin mit zwei High-End-Überfliegern mit 835 (Vanquish) bzw. 830 PS (12Cilindri), die sich als Gran Turismos – schnelle Reisewagen – verstehen, also lang, schnell und bequem ebenso beherrschen wollen wie kurz und ganz schnell?
Redaktionsleiter Manuel Iglisch hat eine Anregung: "Fahr ins Kaunertal, das ist eine tolle Foto-Location, und Kurven gibt es da auch." Klingt verlockend, also los zum Speeddating in die Alpen, die 380 Kilometer lange An- und Abreise gibt Aufschluss über die Langstreckenqualitäten der beiden Edelcoupés.

Schöner Ausblick, den man nicht lange genießen kann, wenn zwei V12 nach Bewegung gieren.
Bild: Toni Bader
Auf der Hinfahrt sammeln wir Lea Niedermeier auf, die unseren neuerlich belebten Instagram-Auftritt mit interessanten News und originellen Making-off-Szenen gestaltet. Lea ist jedoch nicht nur Social-Media-Profi durch und durch, sondern ganz nebenbei auch eine Auto-Verrückte reinsten Wassers. Sie schraubt in der Freizeit an ihren geliebten Benzen und suchte früher auch schon einmal den Adrenalin-Kick auf zwei Rädern beim Motocross. Ihre V12-Erfahrung deckt sich mit der der meisten Menschen: keine. Wie sieht sie die beiden Boliden? Dazu gleich mehr.
Zwei V12-Gran-Turismos im Fokus
Zunächst stellen wir die beiden V12-Kronjuwelen aus England und Italien erst einmal vor: Gemeinsam ist beiden die Leistungsliga, in der sie spielen. Beide sind zweisitzige Coupés, die ihren Weg zwischen sportlichem Auftritt mit entsprechender Performance und ausgeprägtem Luxus suchen. Dabei gehen sie verschiedene Wege – mit unterschiedlichen Ergebnissen.
Was Design und Technik anbelangt, stehen 12Cilindri und Vanquish als Aushängeschilder ein Stück über ihrer Restfamilie, was sich nicht nur an den Preisen zeigt: Mindestens 386.000 Euro muss anlegen, wer im Aston verreisen will, im 382.000 Euro teuren Ferrari startet das Reiseticket nur unwesentlich günstiger. Wie heißt es doch so schön? Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben – was uns zum Design bringt.

5,2 Liter, 835 PS, 1000 Nm: Der V12-Biturbo im Vanquish drückt und dreht, als gäbe es kein Morgen.
Bild: Toni Bader
Der Ferrari spielt ganz bewusst mit der grandiosen Historie der Marke und zitiert den 365 GTB/4 mit seiner Frontpartie; das Heck weckt dagegen fast schon Erinnerungen an den Breadvan. Ferrari ging es darum, die "stilistischen Codes der bisherigen V12-Front-Mittelmotor"-Sportler radikal zu verändern, was umso gelungener erscheint, je öfter man sich den 12Cilindri anschaut.
Aston Martin Vanquish: Eleganz aus jedem Blickwinkel
Und der Vanquish? Da dürfte es wie so oft beim Design von Aston Martin kaum zwei Meinungen geben: Es gibt einfach keinen Blickwinkel, aus dem der Engländer nicht athletisch, sexy, muskulös und elegant aussieht. Vom riesigen Kühlergrill bis zur abgefahrenen Heckpartie passt hier wieder einmal alles. "Rundum stimmig, vor allem von vorn extrem sportlich", meint Lea zum Aston, "der Ferrari gewinnt, je länger man ihn anschaut."
Zum außergewöhnlichen Design gibt es bei beiden nicht nur gewaltig viel Leistung, sondern auch noch jede Menge Historie: Was die Zwölfender anbelangt, kann man dem 34 Jahre jüngeren Unternehmen Ferrari eine deutlich höhere Strahlkraft bescheinigen, hier gehört der V12-Sauger von Anfang dazu und ist Teil der DNA, ein Nationalheiligtum. Und auch der hochmoderne 6,5-Liter-Brocken im 12 Cilindri führt diese Ferrari-Tradition fort; ganz nebenbei ist er der letzte verbliebene Serien-V12 ohne Hybrid-Unterstützung – und was für einer ...

V12, 6,5 Liter, 830 PS, 678 Nm: Der letzte nicht elektrifizierte V12-Sauger im Ferrari dreht ekstatisch und lässt sich extrem fein dosieren.
Bild: Toni Bader
Bei Aston Martin begann die V12-Ära deutlich später: Der erste Zwölfzylinder kam mit 5,9 Litern als Sauger 1999 im DB7 Vantage; 2016 machten dann die Abgasvorschriften den Wechsel zum mit 5,2 Litern kleineren Biturbo nötig, der jetzt komplett überarbeitet 835 PS und 1000 Nm auf die Hinterachse wuchtet.
Die Werte allein beeindrucken, was sie anrichten, geht unter die Haut. Ein verstärkter Zylinderblock und Pleuelstangen, neu gestaltete Zylinderköpfe und Nockenwellen, modifizierte Ein- und Auslasskanäle, neu positionierte Zündkerzen und Einspritzdüsen sorgen im Untergrund dafür, dass der Vanquish ein Beschleunigungsspektakel inszeniert, das alle Sinne erfasst.

Zusammen kommen sie auf fast eine Million Euro Testwagenpreis: Ihre V12-Kronjuwelen lassen sich Aston Martin und Ferrari entsprechend gut bezahlen. Gibt ja auch kaum noch Konkurrenz im V12-Oberhaus ...
Bild: Toni Bader
Eine Aufführung, die natürlich auch der 12Cilindri aus dem Effeff beherrscht – wie schon Legionen Ferrari-V12-Motoren vor ihm. Sein Herz ist eine Weiterentwicklung des Motors aus der Sonderserie 812 Competizione, mit Titanpleueln, Kolben mit neuer Alu-Legierung, neu kalibrierter und leichterer Kurbelwelle oder einer neuen Möglichkeit der Drehmomentoptimierung für Saugmotoren namens ATS (Aspirated Torque Shaping), die sich vor allem im dritten und vierten Gang bemerkbar machen soll.
Kurz: Beide Aggregate haben das Potenzial für aberwitzige Tempo-Orgien, die sie jedoch etwas unterschiedlich abfeiern. Den Druck, den der Aston Martin abliefert, sobald nach einem Gedenksekündchen der Ladedruck reinhaut, kann der Ferrari nicht ganz reproduzieren. Aber das gilt auch nur für die niedrigeren Tourenbereiche, schließlich braucht ein Sauger Drehzahl. Zwar zeigt der 12Cilindri bereits ab 2000 Touren ordentlich Biss. Doch gerät das Spektakel immer heftiger, je näher man dem 9500 Touren hohen Gipfel kommt.
Feinfühligkeit und Sound: Der Ferrari brilliert
Mit den schönen Schaltwippen, die leider auch für die in diesem Fall nur schwer gewöhnungsfähigen Blinker im Lenkrad verantwortlich sind, flippert man von Gang zu Gang, das Ausdrehen geht so schnell, dass man schon mal in den Begrenzer ditscht. Aber das Beste an diesem Traum-V12: Er lässt sich so wunderbar dosieren, scheint selbst auf das Zucken des großen Zehs zu reagieren – das ist schlicht beeindruckend.
Und neben der Ehrfurcht, die dieser aus einer langen Reihe stammende und vielleicht letzte reine V12-Sauger überhaupt verbreitet, ist es auch seine Stimme. Das berühmte "Lied der zwölf", das mit fast animalischem Kreischen und schönen Akkorden definitiv nicht zu toppen ist. Punkt.
Aston Martin: Kraftvoll, aber distanzierter
Nicht dass der Aston nicht auch mit Drehfreude und der ebenso speziellen, aber mit rauchigerem Timbre tönenden Soundkulisse für Gänsehaut auf den Trommelfellen sorgen würde. Auch er dreht natürlich gern und schüttelt die Urgewalt seiner bis zu 1000 Nm unfassbar lässig aus dem Ärmel. Was ihm aber nicht so gut gelingt, ist das verzugfreie, feinnervige Ansprechen. In diesem Punkt schmiedet der Ferrari einfach die innigere Verbindung.
Dafür punktet der Aston in einer Disziplin ganz deutlich: "Im Vanquish fühlt man sich auf Anhieb wohl", findet auch Lea. "Die Sitze sind sehr komfortabel und für einen GT absolut passend", wo hingegen der Ferrari mit seinem sehr dünn gepolsterten, optionalen Schalensitz gar nicht sooo sehr auf die Langstrecken-GT-Karte zu setzen scheint.
Fahrzeugdaten | Aston Martin Vanquish | Ferrari 12Cilindri |
|---|---|---|
Motorbauart/Aufladung | V12, Biturbo | V12 |
Einbaulage | vorn Mitte längs | vorn Mitte längs |
Hubraum | 5204 cm3 | 6496 cm3 |
kW (PS) bei 1/min | 614 (835)/6500 | 611 (830)/9250 |
Nm bei 1/min | 1000/2500 | 678/7250 |
Getriebe | 8-Stufen-Automatik | 8-Gang-Doppelkupplung |
Antriebsart | Hinterrad | Hinterrad |
Maße L/B/H | 4850/2120/1290 mm | 4733/2176/1292 mm |
Radstand | 2885 mm | 2700 mm |
Leergewicht (trocken) | 1774 kg | 1560 kg |
Tank-/Kofferraumvolumen | 82/248 l | 92/270 l |
0-100/0-200 km/h | 3,3 s/k. A. | 2,9 s/< 7,9 s |
Höchstgeschwindigkeit | 345 km/h | > 340 km/h |
WLTP-Verbrauch/100 km | 13,7 l Super Plus | 15,5 l Super Plus |
Grundpreis | ab 386.000 € | ab 382.000 € |
Was aber auch schon der einzige Punkt ist, den man am Komfort des 12Cilidri bekritteln könnte. Denn wie der Aston zeigt auch der Ferrari gute Manieren beim Federn, gepaart allerdings mit einem ausgeprägten Spieltrieb, der blendend zu den Bergpassagen im kurvendurchzogenen Kaunertal passt.
Wer vom gemütlichen Cruisen in die härtere Gangart wechselt, spürt sehr schnell, wie sich beide charakterlich unterscheiden. Will man den Vanquish auf einer mittelmäßig guten Straße jagen, sollte man mindestens den Sportmodus bemühen. "GT", der Basismodus, ist hier zu entspannt, die Karosserie zu sehr in Bewegung, die Lenkung mit dem arg dicken Volant zwar exakt, aber auch einen Tick zu diskret.

Beide setzen auf Front-Mittelmotoren und Transaxle-Antrieb – mit Doppelkupplungsgetriebe im Ferrari und Achtstufenautomatik im Aston Martin.
Bild: Toni Bader
Beim 12Cilidri braucht man den Manettino eigentlich gar nicht zu bewegen, denn hier passt alles so perfekt, dass man auf Anhieb großes Vertrauen entwickelt. Auch der Aston gibt keine Rätsel auf, aber im Vergleich scheint er den Fahrer immer ein wenig auf Distanz zu halten. Das beginnt beim Einlenken und der Reaktion darauf, die im Ferrari den Anschein von Gedankenübertragung annimmt, und zieht sich über die Gasannahme bis zum Bremsgefühl, das im Ferrari glasklar, im Aston dagegen weniger definiert ist. Bemüht man im 12Cilindri den Race-Modus, wird die Nähe fast familiär, der Flow kommt schnell und klar.
Vanquish: perfekter Einklang aus Kraft und Feinsinn
Wer den Aston bis zum Letzten auspressen will, braucht einfach etwas mehr Zeit – und im Idealfall auch mehr Platz. Denn das große Coupé lebt von seiner großen Aura; und diese wiederum maßgebend von seinem großen Drehmoment. Ein lupenreiner, hochemotionaler Luxus-GT, der einen geradezu perfekten Einklang aus Kraft und Feinsinn kultiviert.
Ganz anders der Ferrari, der dem Ideal vom Sportwagen für einen GT schon sehr, sehr nahekommt. Nicht zuletzt natürlich wegen seines V12-Saugers, der mit seiner exzentrischen Leistungsentfaltung und seiner Feinnervigkeit schlichtweg brilliert.
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