Mit großen Premieren, etwa bei den Filmfestspielen von Venedig, London und New York, wurde vergangenes Jahr das Hollywood-Epos "Ferrari" vorgestellt. Wenig später lief das Enzo-Ferrari-Biopic Ende 2023 in den internationalen Kinos an – in Italien bereits Anfang Dezember, in den meisten anderen Ländern zu Weihnachten. Nur in Deutschland und Österreich ließ ein Kinostart vergeblich auf sich warten.
Nun ist klar: Das wird auch so bleiben, denn im deutschsprachigen Raum schauen die Kinofans im wahrsten Sinne des Wortes in die Röhre! "Amazon hält die Rechte an 'Ferrari' in Deutschland und Österreich", teilt die für den Film zuständige PR-Agentur auf AUTO BILD-Nachfrage mit. Doch der Streaming-Riese entschied sich offenbar im Sinne besserer Quoten für sein On-Demand-Segment gegen einen Kinostart – und verramscht den Film nun ab 1. März auf Prime Video.
Ferrari – der Film
Ferrari: Die Mythosmarke mit den roten Autos aus Maranello erhält ihr eigenes Hollywood-Epos von Miami-Vice-Schöpfer Michael Mann.
Bild: Ferrari-Film / Neon Rated
Schade ist das vor allem für die Zuschauer, denn Michael Manns Werk lebt von großflächigen Bildern und dem starken Sound dröhnender Motoren, die im Kinosaal definitiv besser aufgehoben sind als auf dem heimischen Flatscreen. AUTO BILD hat den Film im Zuge der Viennale im Oktober auf großer Leinwand sehen können – ein mehr als exklusives Erlebnis, wie sich nun leider herausstellt!
Dass die Marke Ferrari es Miami-Vice-Schöpfer Mann angetan hat, ist indes keine Neuigkeit – man denke nur an den schwarzen Ferrari Daytona und den weißen Ferrari Testarossa von Crockett und Tubbs in der Kultserie der Achtzigerjahre. Über zwei Jahrzehnte feilte der Star-Regisseur eigenen Angaben zufolge an seiner Adaption des Buchs "Enzo Ferrari – The Man, The Cars, The Races, The Machine" von Autor Brock Yates, um das Ferrari-Biopic endlich zu realisieren. Gedreht wurde an vielen Originalschauplätzen in Modena und der Emilia-Romagna, also tatsächlich vor Ferraris Haustüre: Das gibt dem Hollywood-Projekt optisch einen authentischen Look.

Ferrari-Film: Kritik an kultureller Aneignung

Auf weniger Gegenliebe stieß vor allem beim italienischen Publikum aber die Besetzung: Der bekannte italienische Charakterdarsteller Pierfrancesco Favino bemängelte beispielsweise: "Es gibt ein Problem der kulturellen Aneignung. Die Rollen sollten nicht an ausländische Schauspieler vergeben werden, die von den eigentlichen Protagonisten der Geschichte weit entfernt sind", erklärte Italiens aktuell größter Leinwandstar in der heimischen Presse und benennt damit definitiv einen Schwachpunkt des Films.
Ferrari – der Film
Regisseur Mann (r.) mit Hauptdarsteller Driver als Enzo Ferrari.
Bild: Ferrari-Film / Neon Rated
Dass Hauptdarsteller Adam Driver so kurz nach "House of Gucci" die nächste italienische Ikone verkörpert, mutet schon ein bisschen komisch an. Immerhin: Das außerordentliche schauspielerische Talent des Amerikaners trägt den Film aber trotzdem, zumal die ursprünglich vorgesehenen Alternativen für den Part mit Christian Bale und Hugh Jackman wohl eine deutlich schlechtere Wahl gewesen wären. Lässt man sich erstmal auf Driver als Enzo Ferrari ein, vermag er in der Rolle durchaus zu brillieren.

Von Cruz bis Dempsey: Besetzung zündet nicht

Ganz anders verhält sich das allerdings in den Nebenrollen, spätestens hier trifft Favinos Kritik ins Mark: Penélope Cruz hat mit der von ihr porträtierten Laura Ferrari, die als schießwütige Ehefrau dargestellt wird, recht wenig gemein – eine Spanierin ist eben keine Italienerin. Die Amerikanerin Shailene Woodley wirkt als Enzos Geliebte Lina Lardi sogar noch deplatzierter.
Ferrari – der Film
Gewöhnungsbedürftig: Patrick Dempsey als blonder Piero Taruffi.
Bild: Ferrari-Film / Neon Rated
Auch Hollywood-Schönling Patrick Dempsey kommt als blonder Rennfahrer Piero Taruffi eher kurios daher – zumal der Grey's-Anatomy-Star und passionierte Hobbyrennfahrer seit Jahren eigentlich eng mit der Marke Porsche verbandelt ist und 2015 sogar einen zweiten Platz in der GT-Klasse bei den 24 Stunden von Le Mans holte. Für ein Schmunzeln sorgt zumindest bei Motorsport-Freunden ein Cameo-Auftritt von Ex-Formel-1-Fahrer Marc Gene, der als Fabrikmitarbeiter vor Enzos Augen einen gelben Ferrari auf den Werkshof fährt.
Ohnehin: Richtig gut wird der Film immer dann, wenn Autos fahren – hier macht Michael Mann seinem Ruf alle Ehre: Die Fahraufnahmen, speziell rund um die Mille Miglia 1957 und den legendären Kampf gegen Maserati, sind teilweise sensationell.

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Bis die Bombe einschlägt, beziehungsweise der Ferrari von Alfonso de Portago in eine Menschenmenge am Straßenrand: Der Unfall in dem Örtchen Guidizzolo, bei dem elf Menschen starben, darunter fünf Kinder, gilt bis heute als eine der schwärzesten Stunden des Motorsports. In dieser Szene wird "Ferrari" kurzerhand zum Kriegsfilm, ein Schlachtfeld aus herumliegenden Körperteilen soll das ganze Ausmaß des Leids zeigen und den Zuschauern so wohl auf brutale Art und Weise die Tragödien vor Augen führen, die auch Teil von Ferraris Historie sind.

Familiendrama und Finanzkrise bei Ferrari

Weder mit der ausgeschlachteten Katastrophenszene noch mit den anderen Unfällen, die teilweise grotesk wirken, wenn Menschen wie Puppen in Slow Motion durch die Luft fliegen, tut sich der Film wirklich einen Gefallen. Ansonsten kommen Autofans mit herrlich donnernden Motorgeräuschen, wunderschönen Fahrzeugen und tollen Rennsequenzen aber schon auf ihre Kosten, wenngleich es davon gerne noch ein bisschen mehr hätte sein dürfen.
Ferrari – der Film
Sein Name ist Programm: Adam Driver setzt sich als Enzo Ferrari aber nur selbst hinters Steuer, wenn er zu seiner Geliebten fährt.
Bild: Ferrari-Film / Neon Rated
Im Zentrum des Films steht allerdings die Familiengeschichte und der Privatmann Enzo Ferrari: Kurz nach dem Tod seines geliebten Sohnes Dino kommt es zum Disput mit seiner trauernden Frau Laura, die dann zu allem Überfluss auch noch herausfindet, dass ihr Gatte eine zweite Familie und einen unehelichen Sohn vor ihr versteckt hält. Darüber hinaus versucht der Film auch die wirtschaftliche Komponente und Ferraris finanzielle Schieflage zum damaligen Zeitpunkt zu beleuchten, kratzt in diesen Bereichen aber oft nur an der Oberfläche.
Im Großen und Ganzen ist "Ferrari" trotzdem gute Unterhaltung, zumindest wenn man über gewisse historische Ungenauigkeiten hinwegsieht: Diese sind auch durch die Tatsache unausweichlich, dass der abgebildete Zeitraum im Jahr 1957 ein äußerst kurzer ist, um den ganzen Mythos der Marke und das Leben Enzo Ferraris zu erzählen. Realität und Fiktion gehen dadurch schon mal öfter ineinander über – typisch Hollywood eben.

Fazit

von Frederik Hackbarth
Anschauen lohnt sich – auch wenn Amazon dem deutschsprachigen Publikum mit seinem völlig sinnbefreiten Kino-Veto leider ein faules Ei ins Nest gelegt hat!