Filigran, fast feminin wirkt er, der Mustang. Bis ein plötzliches Wachstum einsetzt, das Biologen als Mutation bezeichnen würden. Ford-Fans nennen eher einen Namen: Semon E. "Bunkie" Knudsen. Ja, richtig, der mit der Nase am deutschen Taunus, 1968 frisch gebackener Ford-Präsident. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehört, den Mustang zum Muscle Car zu machen. Das betuliche Pferdchen-Schema schafft er zugunsten eines sportlichen Images ab und überlässt auch das motorsportliche Engagement nicht mehr nur Tuner Shelby allein.
Ford Mustang Boss 302
Vom Pony- zum Muscle Car: Biologen würden von einer Mutation sprechen.
Bild: Christian Bittmann
Die Rundstreckenmeisterschaft Trans Am ist populärer denn je, wird aber leider vom Chevrolet Camaro Z/28 dominiert. Ford baut für die 1969er Saison den Mustang Boss 302, von dem für die Homologation 1000 Stück entstehen müssen. Immerhin erwartet Bunkie Knudsen das Auto "mit dem besten Fahrverhalten auf dem amerikanischen Markt". Härtere Federn stützen sich in versteiften Federbeindomen ab, die hintere Starrachse erhält zwei Stoßdämpfer pro Seite – vor und hinter dem Achskörper je einen. Die Meisterschaft holt sich Ford zwar erst 1970, überschreitet das Produktions-Soll aber dennoch um 628 Stück. Unser Testwagen ist einer davon, gebaut am 6. Juni 1969 und verkauft für 4264 Dollar – inklusive einiger Extras wie dem Heckflügel und den Heckscheibenlamellen, dem Sperrdifferenzial und einem kurz übersetzten Getriebe. Wer hier einsteigt, fühlt sich wie das Hacksteak in einem Hamburger: Von unten drückt das Schwarz des Cockpits, von oben das Dach, und die Auspuffanlage heizt den Innenraum wie Glühdrähte einen Toaster.
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Hauptsache hohe Drehzahlen

Ford Mustang Boss 302
Der Motor im Boss basiert zwar auf herkömmlichen Teilen, ist aber drehzahlfest bis 6150 Touren.
Bild: Christian Bittmann
Schon im Leerlauf macht der Motor dem Fahrer deutlich klar, wer hier der Boss ist: 290 PS aus 302 ci, also 4,9 Liter Hubraum – und doch brät der Mutanten-Gaul mit seinen Brachialreifen keine Streifen in den Asphalt: Der erste Gang ist lang, die Schaltwege ebenfalls, und weil die vier Gänge so nah beieinanderliegen, will der Hurst-Schalthebel mit wissender Hand geführt werden. Je öfter, desto besser – Hauptsache, die Drehzahl klettert dorthin, wo herkömmliche V8 ihre Ventile zu Büroklammern zerkleinern würden. Nein, hier blubbert das Drehmoment nicht einfach so aus den Zylindern – es perlt in einem kreischenden Inferno aus Drehzahl und illegal hoher Geschwindigkeit direkt auf die Straße. Ein wenig gewunden sollte sie sein oder richtige Kurven haben, denn es macht wenig Spaß, den Boss auf Geradeaus-Kurs zu halten. Sein Ding sind schnelle Runden. Der Fahrer muss dabei fürchten, jeden Moment vom wild auskragenden Cockpit verschluckt, in den Ansaugtrakt geschlürft und über dicke Auspuffrohre wieder ausgespien zu werden. Was uns abermals an seinen Schöpfer Bunkie Knudsen erinnert, der schon 1969 wieder gefeuert wird. Nicht etwa wegen schlechter Arbeit, sondern weil er nie anklopfte, bevor er das Büro von Übervater Henry Ford II betrat. Der Boss machte eben seine eigenen Gesetze.

Fazit

von

AUTO BILD
Von der ursprünglichen Idee des alltagsmilden Pony Car ist der Boss weit entfernt. Das allerdings im positivsten Sinne: Als reinrassiger Rennwagen fühlt er sich nur bei hohen Drehzahlen und auf kurvigen Strecken richtig wohl. Der Fahrer sollte kein Weichei sein und sich mit kräftigen Armen und Beinen gegen die enormen Bedienkräfte stemmen können.