Mike Krack, wie lautet Ihr Fazit nach den ersten Monaten als Teamchef von Aston Martin?
Mike Krack
 (50, lacht): Wie lange haben wir Zeit? Ich könnte ein Buch darüber schreiben. Im Ernst: Es gab Achtungserfolge, mehr noch nicht. Das Team ist über die letzten zwei Jahre extrem expandiert. Vielleicht ist es zu schnell gewachsen. Da kann es schnell passieren, dass Effizienz und Strukturen nicht schnell genug mitwachsen können. Ein kleines Team wird von einzelnen Personen geführt. Wächst dieses Team zu schnell, gehen die Informationen, die von den einzelnen Personen kommen, meistens unter. Das ist das Hauptproblem. Man braucht oft Jahre, um dieses Defizit wieder auszugleichen.
Wie haben sie da gegengesteuert?
Wir mussten das schnelle Wachstum verlangsamen. Das aber ist natürlich eine große Herausforderung. Grundsätzlich war es nicht einfach am Anfang, weil das Auto zu Beginn alles andere als konkurrenzfähig war. Erschwerend kam dazu, dass Sebastian Vettel die ersten beiden Saisonrennen Covid-bedingt passen musste und es unnötige Unfälle gab, die auch nicht gerade hilfreich war.
Positiv aber ist: Man kann in einer solchen Situation viele Dinge bewegen, weil es – anders als in einem Konzern – so gut wie keine Politik gibt. Dafür haben wir mit Lawrence Stroll einen sehr ambitionierten Teambesitzer, der uns auf der anderen Seite auch viele Möglichkeiten gibt, uns zu entfalten.
Wie schwierig ist der Umgang mit dem impulsiven Lawrence Stroll? Auch was den Druck betrifft.
Ihm wird oft Unrecht getan. Er lässt uns freie Hand und mischt sich nicht alle zehn Sekunden ein. Dass er einmal pro Woche ein Update über das Team haben will, ist in meinen Augen völlig legitim.
Wie ist der beste Umgang mit ihm?
Ehrlich zu ihm zu sein. Immer genau beschreiben, wie und warum die Situation gerade so ist. Ohne um Probleme herumzureden.
Wie kann man die Probleme des Autos kurz beschreiben und wie viel Potential steckt im AMR22?
Besonders auf Strecken mit vielen Hochgeschwindigkeitspassagen haben wir schwer zu kämpfen. Beispielsweise in Barcelona, in Silverstone oder auch in Spielberg. In Baku und Montreal, wo es viele langsame Kurven mit entsprechenden Bremsphasen gibt, tun wir uns leichter. Da sind wir bei der Musik. Aber leider besteht eine normale Rennstrecke nicht nur aus solchen Ecken. Grundsätzlich kann man sagen: Je mehr schnelle Kurven es gibt, desto schwerer tun wir uns.
Aston Martin-Teamchef Mike Krack würde gerne mit Sebastian Vettel weiter zusammenarbeiten.

Trotzdem: Können Sie das Auto so verbessern, dass bald der Anschluss ans vordere Mittelfeld gelingt?
Ja. Denn wenn mal die großen Drei – Red Bull, Ferrari und Mercedes – weglässt, ist der Abstand dahinter sehr eng. Das heißt: Wenn man zwei Zehntel pro Runde findet, kann man einen großen Sprung machen. Genau daran arbeiten wir.
Aus deutscher Sicht interessiert natürlich Sebastian Vettel. Sie haben die klare Ansage gemacht, dass Sie seinen Vertrag, der dieses Jahr ausläuft, gerne verlängern wollen. Warum ist er so wichtig für das Team?
Es fängt damit an, dass er ein vierfacher Weltmeister ist, dementsprechend einen riesigen Erfahrungsschatz mitbringt und immer noch superschnell ist. Dazu kommt: Er hat eine Arbeitsauffassung, die ich so intensiv noch bei keinem anderen Rennfahrer erlebt habe. Er war schon aber immer so, von Anfang an war er ein extrem harter Arbeiter. Er ist oft schon vor den Meetings da, um in Ruhe noch mal Daten einzusehen, um dann Vorschläge machen zu können. Aber er gibt nicht nur technische Tipps.
Er beschäftigt sich mit allem und macht beispielsweise auch Vorschläge, wie man die Teamstruktur verbessern kann. Er macht das aber alles auf eine nette und konstruktive Art. Das kann wirklich nicht jeder. Viele Rennfahrer sind schnell frustriert und machen über die Medien unnötigen Druck. Das habe ich bei Sebastian noch nie erlebt. Dazu kommt: Er ist sehr selbstkritisch, gibt Fehler gleich zu. Welcher mehrfache Weltmeister kann das schon von sich behaupten?
Und: In Monaco zum Beispiel konnte man sehen, wie er als Fahrer den Unterschied machen kann. Da konnte man auch sein Lächeln wieder sehen. Und genau das wollen wir: ihn Lachen sehen! Und das noch lange bei uns. Wir müssen als Team alles versuchen und auf seine Wünsche eingehen, wenn es ums Auto geht.
Wann können die Fans mit einer Entscheidung rechnen, was seine Zukunft mit Aston Martin betrifft?
Wir haben ein sehr gutes Verhältnis mit Sebastian, deshalb wollen wir keine Deadline setzen. Er kennt unsere Meinung. Er weiß, dass wir unbedingt mit ihm weitermachen wollen. Es gibt Gespräche, bei denen wir uns grundsätzlich austauschen, wie wir uns eine gemeinsame Zukunft vorstellen können. Wir lassen uns damit Zeit.
Klar, irgendwann kommt es zum Punkt, wo man sich entscheiden muss. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass er auf Zeit spielt, sondern es sofort sagt, wenn er sich über seine Zukunft im Klaren ist. Ich denke, nach der Sommerpause ist die Zeit, wo man konkreter werden kann und muss. Bis dahin haben wir auch keinen Plan B.
Könnte Mick Schumacher eine Alternative sein? Er gilt ja als Vettels Schützling.
Wir sprechen nicht über potentielle Nachfolger. Weder mit ihm, noch mit anderen. Weil wir ja wollen, dass Sebastian bei uns bleibt.
Mit welchen Argumenten können Sie ihn denn überzeugen?
Ich bin kein Fan davon, ihn jeden Tag anzurufen und gebetsmühlenartig zu berichten, was wir gerade gemacht haben. Wir müssen ihn mit den Fortschritten und Ergebnissen auf der Rennstrecke überzeugen. Leider fehlen die im Moment noch in der Realität. Wir müssen einfach sehr hart weiterarbeiten, damit er das Gefühl hat, dass es in die richtige Richtung geht. Wir haben auch neue Leute im Team, die in Zukunft etwas bewegen können.. Zum Beispiel Dan Fellows. Ihn kennt Sebastian und er kennt seine Fähigkeiten. Wie gesagt: Wir müssen Taten sprechen lassen, nicht Worte!
Wie steht Aston Martin zu Vettels großem Engagement für Umwelt und Gleichberechtigung? Es ist kein Geheimnis, dass er sich mit seiner unbequemen, direkten Art nicht nur Freunde im PS-Zirkus macht.
Jeder hat seine Meinung dazu. Ich denke, man kann Top-Sportlern, die auch noch intelligent sind, keinen Maulkorb verpassen. Sebastian wird kritisiert für sein Engagement, aber das ist nicht fair. Was in Kanada passiert ist, war das beste Beispiel dafür (Kritik der Politiker an Vettels Kampagne gegen den Abbau von Teersand; d. Red.).
Was ich mir als Teamrepräsentant allerdings wünsche: Dass Sebastian bei seinen Aktionen noch enger mit uns zusammenarbeitet und im Vorfeld seiner Aktionen noch mehr mit uns spricht. Zusammen kann man mehr erreichen. Sebastian hat zum Beispiel gefragt, warum man Transporte vom Flughafen in die Firma und umgekehrt nicht mit reinen Elektroautos machen kann. Jetzt haben wir damit begonnen, weil es Sinn macht.
Eine persönliche Frage noch: Die Formel 1 gilt als großes Haifischbecken, in dem Politik meistens unter der Gürtellinie gemacht wird. Wie gehen Sie damit um?
Ich gebe zu: Es hat mich überrascht, über welches noch so kleine Detail in der Formel 1 berichtet wird. Und wie Medien oft benutzt werden, um Politik zu machen. Ein Beispiel: In Spielberg haben wir alle abgestimmt, dass unser vorher festgelegtes Mindestbudget wegen erhöhter Kosten durch Pandemie und Ukraine-Krieg um vier Millionen Euro erhöht wird. Und trotzdem rannte ein Teamchef direkt danach zu den Medien und lamentierte, dass die Erhöhung nicht hoch genug war. Obwohl er auch dafür gestimmt hat. Ich würde stattdessen lieber über den Sport sprechen. Die Fans interessieren sich für Rundenzeiten, weniger für Budgets oder zu flexible Unterböden. Vielleicht bin ich aber zu wenig Politiker. Fest steht: Man darf alles das auch nicht überbewerten und muss immer Ruhe bewahren.

Von

Bianca Garloff