Ross Brawn (64) hat sich mit seinen Qualifying-Ideen keine Freunde unter den Fahrern gemacht. Der britische Sportchef des Formel-1-Vermarkters Liberty hatte vorgeschlagen, schon ab 2020 das dreigeteilte Qualifying zu ändern und stattdessen ein Qualifikationsrennen zu fahren, das über die Startplätze im Rennen entscheidet.
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Die Fahrer lehnten geschlossen die Idee ab. Sebastian Vettel bezeichnete sie sogar als „Bullshit.“
Vor dem Großen Preis von Russland am Sonntag in Sotschi rechtfertigt sich Brawn. Der ehemalige Technikchef von Ferrari stellt klar: "Ich habe in den vergangenen Tagen viele Stellungnahmen von Fahrern und Experten gehört, was die Spannung des Rennformates betrifft. Um die Situation aufzuklären und Missverständnissen vorzubeugen: Es finden Diskussionen über Experimente in der Saison 2020 statt. Die Startaufstellung für das Qualirennen würde sich aus der WM-Tabelle ergeben, das Ergebnis des Quali-Rennens dann die Startaufstellung für das Hauptrennen am Sonntag bestimmen. Dadurch soll das Wochenende weniger vorhersehbar werden. Und die Rennen sollen das Highlight des Wochenendes werden, nicht die Trainings."
Brawn hält weiter daran fest, bei vier ausgewählten Rennen ein neues Qualiformat zu testen. Brawn: "Auf welchen Strecken wurde noch nicht entschieden. Ich verstehe, dass die Puristen besorgt sind, aber wir sollten vor solchen Experimenten keine Angst haben, ansonsten können wir uns nicht weiterentwickeln. Wie auch bei der Entwicklung eines Fahrzeuges gilt hier: Wenn man stillsteht, riskiert man zurück zu rutschen."
Qualifying-Ideen gehen weiter
Ross Brawn (64) hat sich mit seinen Qualifying-Ideen keine Freunde unter den Fahrern gemacht.
Stellvertretend für die Fahrer erklärt Ferrari-Pilot Sebastian Vettel (32), warum er und seine Kollegen das angedachte Sprintrennen ablehnen. Vettel: "Das ist doch nur ein Pflaster, das über die wahren Probleme geklebt wird. Wenn man die Show verbessern will, dann muss das Feld enger zusammen. Wir brauchen besseres Racing."
McLaren-Pilot Carlos Sainz ergänzt: "Wenn wir 2021 Autos haben, die sich gegenseitig folgen können, das ganze Feld innerhalb einer Sekunde liegt und der Fahrer den Unterschied macht, dann brauchen wir solche Änderungen nicht. Das könnte dann die beste Formel 1 aller Zeiten werden."
McLaren an sich steht Diskussionen über verschiedene Ideen für 2021 offen gegenüber, betont Teamchef Andreas Seidl. Im Moment sei das Quali-Rennen "nur eine Idee". "Es ist immer noch weit entfernt davon, tatsächlich in den Regeln festgeschrieben zu werden."
ABMS erfuhr: Seidl lässt gerade ein anderes Konzept prüfen, das er spannend findet. Dabei würde das Qualifying seinen ursprünglichen Wert erhalten, das Rennen aber trotzdem besser werden.
Die Idee: Der Teamkollege ist der erste Feind. Heißt: Im ersten von wie bisher drei Segmenten (allerdings 25 Minuten) kommen zehn Piloten weiter. Dabei handelt es sich um die jeweils schnellsten Piloten eines jeden Teams. Vorteil der Verlierer: Sie haben im Rennen freie Reifenwahl. Im nächsten Segment scheiden weitere fünf Piloten aus. In Q2 wird wie bisher festgelegt, mit welchen Reifen die Piloten starten müssen. In den letzten zehn Minuten kämpfen dann die übriggebliebenen fünf Fahrer um die Pole Position.
Vorteil: Das Feld wird durchmischt. Unter den ersten Zehn ist ein Fahrer jedes Teams. Toppiloten, die gegen ihren Teamkollegen verloren haben, müssten sich nach vorne kämpfen. Stallorder im Rennen – nicht mehr so leicht wie bisher.
Fest steht: Die Diskussionen werden weitergehen.

Von

Ralf Bach
Bianca Garloff