Turbulente Tage für Colton Herta: Nachdem sich Red Bull wegen des Superlizenz-Vetos der FIA gegen das US-Supertalent gezwungen sah, den Wechsel ihres erklärten Wunschkandidaten abzublasen, war vor allem die Aufregung in der amerikanischen Motorsportszene groß. Unzählige IndyCar-Piloten polterten gegen das „elitäre“ System der Formel 1 und eine vermeintliche Ablehnhaltung der Königsklasse gegenüber US-Piloten (AUTO BILD MOTORSPORT berichtete).
Allein: Hauptdarsteller Herta sieht die Sache selbst etwas gelassener als seine Kollegen. Zwar betont er: „Ich empfinde die IndyCar-Serie schon als etwas unterbewertet im Punktevergabesystem für die Superlizenz.“ Der 22-Jährige stellt jedoch auch klar: „Mit der aktuellen Struktur kann ich den Standpunkt der FIA verstehen, es ist ihre Entscheidung und sie ist schon nachvollziehbar. Ich will auch gar nicht als Ausnahme reinkommen (in die Formel 1; d. Red.).“
Vater Bryan Herta, früher selbst erfolgreicher Rennfahrer, sieht das ganz ähnlich: „Es wäre unfair gegenüber anderen Leuten, wenn er eine Spezialbehandlung bekommt. Er muss es nach den Regeln schaffen“, fordert Herta Sr. in Bezug auf seinen Sohn. „Natürlich kann man darüber diskutieren wie die Punkteverteilung für die IndyCar gerade ist, aber im Moment sind die Regeln so wie sie eben sind, das muss man respektieren.“
Mit Blick auf die Formel 1 erklärt der 52-Jährige: „Diese Türen sind schwer zu öffnen und das verstehen wir. Generell würde ich sagen, dass Colton irgendwann eine Chance in der Formel 1 verdient hätte. Aber wann, das weiß ich auch nicht.“
Colton Herta gilt in der amerikanischen IndyCar als Supertalent

Mit gerade einmal 22 Jahren scheint Hertas Formel-1-Traum alles andere als ausgeträumt, für ein Cockpit in der Saison 2023 waren die Hürden in Sachen Superlizenz aber einfach zu hoch: Die sechs ausstehenden Grand-Prix-Wochenenden hätten beispielsweise nicht gereicht, um mit Einsätzen im Freien Training die fehlenden acht Lizenzpunkte einzufahren.
Während ein geplanter Gaststart im von AlphaTauri gesponsorten AF-Corse-Ferrari bei der DTM in Spielberg wieder verworfen wurde und ohnehin mehr als Marketing-Gag anzusehen war, galt für den Winter der Antritt in einer regionalen Formel-3-Meisterschaft im asiatischen Raum schon als realistischere Option: „Diese Möglichkeit bestand. Aber ich hatte das Gefühl, ich sollte nicht wieder in eine Nachwuchsserie gehen müssen, nachdem ich seit vier Jahren Profi-Rennfahrer bin“, erklärt Herta.
Zumal Red Bull diesem Plan mangels Planungssicherheit ohnehin den Riegel vorschob: Hätte Herta im Winter aus unterschiedlichsten Gründen nicht die erforderlichen Punkte geholt, wäre seine Berufung ins F1-Team 2023 kurzfristig geplatzt: Zu viel Risiko für Fahrer und Rennstall.

Herta zieht Motivation aus dem Beispiel De Vries

Für das AlphaTauri-Cockpit des abwanderungswilligen Pierre Gasly sieht sich Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko deshalb jetzt nach Alternativen um – und hat dabei nach seinem starken Debüt für Williams in Monza vor allem Nyck de Vries auf dem Zettel: Bereits am Tag der Herta-Absage wurde der Niederländer in Markos Grazer Büro gesehen.
Kurios: Ausgerechnet Herta findet das positiv: „Das Ganze mit De Vries zeigt doch wie schnell es gehen kann. Er ist schon 27, bald 28 – aber mit dem, was er in Monza geleistet hat, hat er sich für einige Plätze ins Gespräch gebracht. Es beweist: Wenn man die Chance bekommt, muss man sie nutzen. Das hat er getan, also alle Achtung an ihn.“
Mit Blick auf seine eigene Zukunft weiß der Amerikaner entsprechend was zu tun ist und spart dabei auch nicht an Selbstkritik: „Es gibt ein paar Dinge die wir und ich verbessern müssen. Ich bin noch kein komplett meisterschaftswürdiger Fahrer, zumindest war ich das dieses Jahr nicht“, sagt Herta.
Andretti Autosport will Herta sogar irgendwann in die F1 bringen

Fluch und Segen zugleich ist dabei seine Loyalität zu Andretti Autosport: Das Team hat in den letzten zehn Jahren keinen Titel mehr in der IndyCar-Serie geholt. 2023 landeten Herta und Teamkollege Alexander Rossi punktgleich auf den Rängen neun und zehn im Endklassement, Ex-F1-Pilot Romain Grosjean sogar noch deutlich dahinter. Ob Herta dort die nötigen Superlizenz-Punkte einfahren kann, geschweige denn den Meistertitel, ist fraglich.
Allerdings: Teambesitzer Michael Andretti bemüht sich seit geraumer Zeit um einen Formel-1-Einstieg mit seinem Rennstall. In diesem Fall wäre Herta der Platz in der Königsklasse sicher: „Michael will mich in die F1 bringen und das ist auch kein kurzlebiges Angebot“, weiß Herta. Eine Übernahme des Sauber-Rennstalls scheiterte 2021 an den hohen Bankengarantien.
Der Youngster hofft: „In den nächsten Jahren gibt es vielleicht noch paar Möglichkeiten: Wenn jemand verkaufen will oder auch ein neuer Motorenhersteller dazu kommt.“ Letzteres scheint jedoch Andrettis einzige realistische Chance zu sein, an den Tisch der Großen in der Formel 1 zu kommen. Mehr als deutlich hatten die F1-Verantwortlichen zuletzt gemacht, kein Interesse an einem vergleichsweise kleinen Privatteam als Neueinsteiger zu haben. Mit einem Hersteller als Partner würde die Sache aber schon ganz anders aussehen.
Vor allem Porsche befindet sich nach dem Scheitern der eigenen Verhandlungen mit Red Bull aktuell noch auf der Suche. Ein US-Team wäre für die Zuffenhausener mit Blick auf den extrem wichtigen nordamerikanischen Absatzmarkt dabei durchaus attraktiv zu bewerten. Vielleicht macht der eine geplatzte Red-Bull-Deal den anderen geplatzten Red-Bull-Deal dann irgendwann doch noch zur glücklichen Schicksalsfügung für Herta.

Von

Frederik Hackbarth