Einst hat er bei Red Bull Sebastian Vettel entzaubert und Max Verstappen Paroli geboten. Doch bei McLaren kommt Daniel Ricciardo nicht auf Touren. Sein bestes Ergebnis 2022: ein sechster Platz bei seinem Heimrennen in Australien. Auf Teamkollege Lando Norris (Platz sieben) fehlen ihm auf Rang elf 28 WM-Punkte. Teamboss Zak Brown hat Ricciardo deshalb bereits scharf kritisiert. Selbst in Monaco läuft es nicht: nur Platz 14 im Qualifying, während Teamkollege Lando Norris Fünfter wird. Wir hatten den Australier am Donnerstag im Interview.
Herr Ricciardo, wenn Sie an Ihren Monaco-Sieg 2018 zurückdenken, was fühlen Sie dann?
Daniel Ricciardo (32) zeigt sein breitestes Lächeln und malt es mit den Zeigefingern nach: Ich fühle pure Freude. Als ich zurück ins Motorhome kam, hat mich jeder bejubelt. Das war, als hätte ich die WM gewonnen. Ein verrückter Empfang. Meine Eltern und mein Onkel waren auch da und all die Liebe, die mir in diesen Minuten entgegengebracht wurde, war überwältigend. Ich erinnere mich noch ganz genau.
Ricciardos berühnter Pool-Sprung nach seinem Monaco Sieg 2018.

Auch an Ihren Sprung in den Swimmingpool, der mittlerweile weltberühmt ist?
Klar! Dabei war das ganz spontan, ich hatte das nicht geplant. Aber ich bin froh, dass ich es getan habe, denn jetzt ist es ein ikonischer Moment der Formel 1.
War das Ihr bestes Rennen bisher? Sie hatten gegen Ende Probleme mit dem Antrieb und haben die Führung trotz 160 PS weniger verteidigt.
Es war definitiv eins meiner besten. Ich bin jetzt mehr als 200 Rennen gefahren. Da ist es schwer, eins rauszupicken. Aber es war mental wirklich schwer. Als mein Renningenieur mir von dem Problem berichtete, wollte ich meine Augen schließen und weinen. Denn zwei Jahre zuvor hatte ich den Sieg wegen eines unglücklichen Boxenstopps verloren. Ich dachte schon, auf mir lastet ein Fluch, dass ich dieses Rennen nicht gewinnen kann. Aber ich habe die negativen Gedanken beiseite geschoben und es geschafft.
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Wie wichtig sind solche Erlebnisse – genau wie der Sieg in Monza 2021 – in schwierigen Momenten wie jenen, die Sie derzeit durchmachen müssen? Sie können aus Ihrem McLaren einfach nicht das rausholen, wozu Ihr Teamkollege Lando Norris in der Lage ist.
All die schwierigen Tage wirken immer noch okay, wenn ich an solche Erfolge zurückdenken kann. Es ist Wahnsinn, was ein tolles Resultat für dich tun kann. Ich wusste immer, dass ich das kann, aber es war wichtig, solche Ergebnisse auch tatsächlich einzufahren. Und in Monza 2021 habe ich mich ähnlich stark gefühlt wie in Monaco 2018.
Aber wenn Sie doch wissen, dass Sie es drauf haben: Was läuft aktuell schief?
Es fühlt sich komplizierter an als je zuvor. Solche Probleme wie in den letzten 18 Monaten hatte ich noch nie. Selbst nicht in anderen Teams wie HRT oder Toro Rosso. Auch wenn es da mal ein schlechtes Rennen gab, waren Konstanz und Speed immer da. Das ist für mich schwer zu verstehen und ich habe auch selten eine Schwarz-weiß-Antwort, warum ich die drei Zehntel an diesem Wochenende nicht finden konnte. Das Wichtige dabei: Ich muss sicherstellen, dass ich klar im Kopf bleibe und mein Selbstvertrauen nicht verliere. Denn das braucht man, um am Limit zu fahren. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass ich nicht zu alt bin oder meine Fähigkeiten und meinen inneren Antrieb verloren habe. Das Feuer brennt noch, sonst wäre ich nicht mehr hier.
Bei McLaren kommt Daniel Ricciardo nicht auf Touren.

Wie können Sie Ihre Probleme im Auto beschreiben?
Als Rennfahrer musst du eins sein mit deinem Auto. Aber besonders letztes Jahr hatte ich das Gefühl, dass ich immer einen Schritt hinterher hinke. Erst reagiert das Auto, dann ich. Um am absoluten Limit zu fahren, muss man die Reaktionen des Autos aber schon vorher antizipieren. Diese Synchronisation zwischen mir und dem Rennwagen hat nicht gepasst. Das ist wie im Ballett oder beim Tanzen: Wenn der Rhythmus nicht stimmt, können die Schritte noch so schön sein…
Das haben wir aus dem Mund von Sebastian Vettel auch oft gehört, zum Beispiel, als Sie ihm 2014 das Leben bei Red Bull so schwer gemacht haben. Warum aber ist es für Top-Rennfahrer wie Sie beide so schwierig, ihren Fahrstil an das neue Auto anzupassen?
Ich wünschte, ich wüsste es! Schauen Sie: Wir sind alle sehr stur. Wir denken, wir sind unglaublich und unverwundbar. Aber vielleicht haben wir doch die ein oder andere Schwäche, die manchmal zum Vorschein kommt. Es ist trotzdem komisch. Ich bin so viele verschiedene Rennwagen gefahren. Viele Leute sagen, ein Rennfahrer muss mit allem schnell sein, was er in seine Hände bekommt. Dem stimme ich sogar zu! (lacht verschämt). Aber vielleicht ist es eben doch so, dass die Geschwindigkeiten in der Formel 1 so hoch sind, dass alles stimmen muss, damit du deine perfekte Leistung abrufen kannst. Und es wäre naiv oder ignorant zu behaupten, dass man nur mit dem Finger schnippen muss und schon läuft es. Ich will aber nicht sagen, dass es vorbei ist und ich keinen Weg finden kann, eins zu werden mit diesem Auto.
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Haben Sie mit Vettel mal über diese Probleme gesprochen?
Nicht im Detail, aber vielleicht sollte ich das mal tun. Wie gesagt, sind wir alle sture Typen und wollen uns eigentlich nur auf uns selbst fokussieren, aber vielleicht gibt es mehr Dinge von anderen zu lernen, als wir glauben wollen. Vielleicht treffe ich Seb ja mal in einem Pub (lacht).
Wie sehr steigt der Druck, wenn Sie Quotes von Ihrem Boss Zak Brown sehen, der mehr von Ihnen erwartet hat und das auch noch offen sagt?
Ich denke, man kann das aus zweierlei Perspektive sehen. Natürlich würde ich mir wünschen, dass er nettere Dinge über mich sagt. Aber man kann es auch so interpretieren: McLarens Erwartungen an mich sind hoch – und das wiederum ist positiv. Die Wahrheit ist ja; ich bin in diesem Jahr noch nicht supertoll gefahren. Da ist es normal, dass man mich kritisch betrachtet. Und ich nehme das nicht persönlich.
Was können Sie tun, auch weiterhin positiv zu bleiben? Sie sind ja eigentlich für Ihr sonniges Gemüt bekannt.
Im Sport spielt das Mentale manchmal eine größere Rolle als das Talent. Es geht darum, ohne Gewicht auf den Schultern frei auffahren zu können. Die Formel 1 ist zu schnell für negative Gedanken. Und manchmal sind die einfachsten Dinge die wichtigsten: Spaß haben, schnell fahren und einfach nur fantastisch sein!

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Von

Ralf Bach
Bianca Garloff