Die Formel 1 hat also einen neuen Sieg-Fahrer: Charles Leclerc, der beim Belgien-GP in Spa erstmals in der Königsklasse als Gewinner über die Ziellinie fuhr. Das war zuletzt Valtteri Bottas gelungen – vor mehr als zwei Jahren oder umgerechnet 50 Rennen. Noch nie zuvor lagen so viele Rennen dazwischen.
Es ist paradox: Obwohl es immer mehr Rennen pro Saison gibt, bringt die Formel 1 immer weniger neue Sieger hervor. Im aktuellen Jahrzehnt ist Leclerc erst der sechste Premieren-Gewinner nach Nico Rosberg, Pastor Maldonado, Daniel Ricciardo, Max Verstappen und Valtteri Bottas. Dabei wurden in diesem Jahrzehnt bereits 190 Grands Prix gefahren (acht stehen noch aus) – so viel wie noch nie.
Zum Vergleich: Im vergangenen Jahrzehnt, also von 2000 bis 2009, gab es 14 neue Formel-1-Sieger, aber nur 174 Rennen. Damals siegten erstmals Rubens Barrichello, Ralf Schumacher, Juan-Pablo Montoya, Kimi Räikkönen, Giancarlo Fisichella, Fernando Alonso, Jarno Trulli, Jenson Button, Felipe Massa, Lewis Hamilton, Robert Kubica, Heikki Kovalainen, Sebastian Vettel und Mark Webber.

Nie war es wichtiger, im richtigen Auto zu sitzen

Rubens Barrichello
Emotionaler 1. Sieg: Barrichello weinte hemmungslos
Dass sich die Zahl der neuen Rennsieger mehr als halbiert hat, hat mehrere Gründe: Der erste wird deutlich, wenn man sich die Teams anschaut, für die die Premieren-Sieger am Start standen. Von 2010 bis 2019 gewannen nur Piloten erstmals ein F1-Rennen, die für Mercedes, Williams, Red Bull oder Ferrari fuhren. Von 2000 bis 2009 fuhren sie für Ferrari, Williams, McLaren, Jordan, Renault, Honda, BMW-Sauber, Toro Rosso und Red Bull. Das sind fünf Teams mehr als im aktuellen Jahrzehnt. Nie war es also wichtiger, im richtigen Auto zu sitzen.
In den 90er-Jahren gab es in 162 Rennen zehn neue Rennsieger. Den Anfang machte Michael Schumacher, es folgten noch Damon Hill, Jean Alesi, Johnny Herbert, David Coulthard, Jacques Villeneuve, Olivier Panis, Heinz-Harald Frentzen, Mika Häkkinen und Eddie Irvine. Die 90er-Jahre waren das Jahrzehnt, in dem sich die Fahrer ewig an die Teams gebunden haben: Schumacher bei Ferrari, Häkkinen und Coulthard bei McLaren. Auch das machte viele neue Premieren-Gewinner unwahrscheinlich.
Und das lässt sich auch heute beobachten: Hamilton fährt schon seine siebte Saison für Mercedes, Vettel seine fünfte für Ferrari, Verstappen seine vierte für Red Bull. Nur im zweiten Cockpit können daher – wie im Fall Leclerc – neue Talente zu ihrer Chance kommen. Den Rekord der meisten neuen Rennsieger halten die 50er-Jahre mit 24, gefolgt von den 70er-Jahren mit 22. Das nächste Jahrzehnt, das ab 2020 beginnt, könnte durch die Regelreform 2021 wieder mehr Sieger hervorbringen. Dann sollen auch Mittelfeldteams wieder Chancen auf Erfolge haben, weil der Abstand zu den Top-Mannschaften deutlich reduziert werden soll.