Jean Alesi (57) kennt sich aus. Der Franzose fuhr einst im Ferrari gegen Michael Schumacher im Benetton. Auch damals, in den 90er Jahren, lebte die Legende des springenden Pferdes aus Maranello, doch der Formel-1-Ferrari war mehr Ackergaul denn Rennpferd.
Alesi ist also leidgeprüft und wenn er ein innovatives und aggressives Design unterm roten Karbonkleid sieht, erkennt er sofort die Bedeutung für die Scuderia. Und so zeigte sich der Ex-Ferrari-Star bei der Präsentation des F1-75 ganz verzückt. „Der neue Ferrari ist ein echtes Wunderwerk“, sagt er bei Canal Plus. „Sehr, sehr schlank, mit einer etwas raffinierten Nase. Das Auto ist schon beeindruckend, ein Juwel. Der Red Bull war nichts Besonderes, weil es ein Showcar ist, aber Ferrari ist ein Schock.“
Ein positiver Schock. Und das muss das Auto auch sein. Die Italiener wollen im 75. Jahr des Bestehens ihrer Sportabteilung endlich wieder um Siege und Titel kämpfen. Nach dem Debakel im Jahr 2020 (Platz sechs) und WM-Rang drei im Vorjahr geht die Scuderia voll auf Angriff – auch farblich.
Der neue Ferrari F1-75 ruft bislang ausschließlich positive Reaktionen hervor.

Die neue rote Göttin trägt schwarz. Front- und Heckflügel sind nicht traditionell in rot lackiert, sondern dunkel abgesetzt. Spannender und wegweisender aber ist die Form. Die Scuderia beeindruckt die Technik-Experten mit einem spannenden Seitenkasten-Design. Die Kühleinlässe sind schmal und oval geformt, wirken fast wie Briefkastenschlitze. Auf den Seitenkästen ist eine Delle erkennbar, die an den McLaren aus der Saison 2011 erinnert. Sie sind vorn und hinten leicht unterschnitten, das Heck ist dennoch sehr schmal. Genau wie die Nasenspitze, die wie ein Pfeil nach vorne hin zuläuft.
„Ein sehr interessantes Auto“, schreibt Formel-1-Zeichner Craig Scarborough. In seinen Augen sollen die Dellen in den Seitenkästen die Luft gezielt auf das untere Heckflügelelement lenken, den sogenannten Beam-Wing. Dafür allerdings müssen die Kühler ungewöhnlich positioniert werden. Es bleibt der Eindruck: Ferrari hat keine Mühen gescheut, um zurück auf die Siegerstraße zu fahren.
Das bestätigt auch Teamchef Mattia Binotto: „Wir haben andere Entscheidungen getroffen als andere, vielleicht weniger konventionell. Ich würde dieses Auto als mutig bezeichnen, weil es das Kind eines Teams ist, das in den letzten Jahren schwierige Zeiten durchgemacht hat, aber immer geschlossen geblieben ist und versucht hat, sich zu verbessern.“
Vorteil Ferrari: Nach der Seuchensaison 2020 hat man auch 2021 teilweise geopfert, um sich schon früh auf das neue Auto nach den neuen Regeln zu konzentrieren. Die Traditionsmannschaft setzt damit alles auf eine Karte – aber keine Scheuklappen auf.
Denn Binotto räumt ein, dass man sich nicht nur auf die eigenen Fähigkeiten verlässt. Spionieren ist auch anno 2022 wieder an der Tagesordnung in der Formel 1. „Wir werden sehen, ob es irgendwelche interessanten Ideen gibt, die wir übernehmen können“, räumt er ein. „Am F1-75 gibt es bereits ein Detail aus einem Auto, das in den vergangenen Tagen präsentiert wurde, und vor allem in dieser ersten Phase werden wir uns alle gegenseitig sehr genau beobachten.“
Ferraris größter Coup aber könnte der Antrieb werden.

Offenbar ist die Rede von den unterschnittenen Seitenkästen des Aston Martin, die Ferrari besonders im vorderen Bereich unter den Kühlschlitzen und teilweise auch im Heck adaptiert hat.
Ferraris größter Coup aber könnte der Antrieb werden. Die Elektro-Motoren hat die Scuderia bereits in der vergangenen Saison entscheidend verbessert. Über den Winter haben die Techniker sich nun dem V6-Turbo gewidmet. „Wir haben den Antrieb in all seinen Aspekten überarbeitet, die Ventilwinkel, das Verdichtungsverhältnis und viele andere Parameter“, verrät Binotto. „Die Antriebseinheit als Ganzes stellt einen Meilenstein auf unserem Weg der Innovation dar, ein wichtiger Meilenstein auch deshalb, weil die Motoren für die nächsten vier Saisons eingefroren werden.“
Die Fahrer jedenfalls sind der neuen roten Göttin genau wie Ex-Pilot Jean Alesi jetzt schon jetzt verfallen. „Ich habe mich direkt in das Auto verliebt“, schwärmt Charles Leclerc. „Das Auto sieht aggressiv, radikal und auch sehr schön aus und wie Charles hoffe ich natürlich, dass es auch schnell sein wird“, ergänzt Carlos Sainz.
Ab jetzt ist aber erst einmal Geduld gefragt. „Ich denke, wir werden fünf oder sechs Rennen abwarten müssen, um das volle Potenzial des Autos zu verstehen“, warnt Binotto. „Die wahren Werte der Autos werden sich erst nach ein paar Rennen herausstellen.“ Einen Plan B hat Ferrari aber nicht. „Wenn wir uns die Daten ansehen, sind wir überzeugt, dass das Auto funktionieren wird.“
Wenn es nach Ferrari geht, soll die neue, rote Göttin radikal und kompromisslos zurück an die Spitze der Formel 1 rasen.

Von

Bianca Garloff