Kaum ein Name steht so für die Scuderia Ferrari wie Luca Cordero di Montezemolo (75). Der italienische Landgraf war von 1991 bis 2014 Ferraris Präsident. Gemeinsam mit Michael Schumacher, Ross Brawn und Jean Todt feierte er große Erfolge, musste anschließend aber auch mit ansehen, wie Ferrari seit 2008 ohne Titel bleibt.
Das wird sich auch 2022 nicht ändern. Nach fünf Verstappen-Siegen in Folge hat Charles Leclerc bereits 116 Punkte Rückstand auf den Champion aus Holland. Ferrari liegt in der Konstrukteurs-WM 139 Zählern hinter Red Bull auf Platz zwei.
Auch beim Heimrennen in Monza patzte die Scuderia wieder. Wegen eines zu frühen Boxenstopps hatte Pole-Sitter Leclerc keine Chance mehr auf den Sieg.
Ferraris Teamchef Mattia Binotto steht in der Kritik

Auf die hohe Fehlerquote von Ferrari angesprochen, sagt Di Montezemolo zur L‘Equipe: „Na und? Zu meinen Zeiten haben wir auch Fehler gemacht, so wie das bei Mercedes und Red Bull Racing auch geschehen ist. Nur ist Ferrari viel mehr der Aufmerksamkeit der Medien ausgesetzt. Und Ferrari wird nichts verziehen, weil es eben Ferrari ist.“
Die Folge: In Monza machten erstmals Gerüchte die Runde, Rennleiter Mattia Binotto stehe aufgrund zu vieler Pleiten, Pech und Pannen auf dem Prüfstand. Mehr noch: Ihm drohe die Ablösung.
„Mattia Binotto ist intelligent genug, sein Team immer zu schützen“, betont Di Montezemolo und schafft es, ihn zeitgleich zu loben und zu kritisieren. „Er fängt sich für seine Leute die Kugeln ein. Fehler muss man verstehen und dann bereinigen. Binotto ist ein exzellenter Technischer Direktor, aber die Rennabteilung von Ferrari zu führen ist anders.“
Würde also auch er den Teamchef auswechseln? Der Italiener: „Wer bin ich schon, um das zu sagen? Ferrari ist wie die italienische Flagge – ein National-Denkmal. Bevor ich 1993 Jean Todt nach Maranello holte, dachte ich eine lange Zeit über diese Wahl nach. Es gab einen riesigen Zirkus in den Medien. Wenn ich nach einem neuen Chef suchen würde, so würde ich mich auch außerhalb der Formel 1 umschauen.“
Nicht nur in Monza: Ferrari ist in Italien ein Heiligtum

Sein Rat an die Scuderia: „Wenn wir nur darauf achten, was Red Bull Racing oder Mercedes-Benz machen, dann wird das Problem nicht gelöst. Wir müssen uns neu erfinden, eine neue Dynamik erzeugen. Ferrari hat ein überaus konkurrenzfähiges Auto gebaut. Eine Person alleine gewinnt keine WM-Titel. Die Formel 1 ist ein Team-Sport.“
Deshalb empfiehlt er auch dem aktuellen Präsidenten John Elkann und CEO Benedetto Vigna, sich mehr in die Geschicke des Rennstalls einzumischen. „Die Formel 1 ist etwas ganz Besonderes. Nur ein guter Manager oder Marketing-Mann zu sein, das garantiert in der Königsklasse nicht den Erfolg. Du brauchst Leidenschaft und Hingabe. Du musst Tag und Nacht präsent sein. Du muss sehr politisch vorgehen, um dein Team zu unterstützen. Du musst stark sein und deine Truppe beisammen halten.“

Von

Bianca Garloff