Von Platz sechs aus ist der Sohn von Michael Schumacher in den GP Kanada gestartet – nach einem starken Qualifying auf nasser Strecke. Auf Platz acht liegend hatte er im Grand Prix am Sonntag seinen ersten Punkt im Visier, als das Hybridsystem seines Ferrari-Motors den Geist aufgab. „Sch….“, fluchte Schumi junior am Funk. Später verriet er: „Einer der Elektromotoren ist komplett kaputt, weshalb wir das Auto stoppen mussten. Immer hart, sowas zu akzeptieren, aber noch härter, wenn du in den Punkten liegst und dann aufgeben musst.“
Das viel größere Problem: Ein Defekt im Antriebsbereich ist bei Ferrari nicht neu. Es ist die Achillesferse des Traditionsteams aus Maranello und seiner Motorkunden. Charles Leclerc musste in Montreal von hinten losfahren, weil sein Antrieb beim Rennen davor in Baku in Rauch aufgegangen ist. Mehr noch: Schon in Barcelona waren ihm Turbo und Wärmemaschine um die Ohren geflogen. Der Defekt aus Baku – offenbar eine Folge eben jenes Schadens.
Doch damit ist Ferraris Antriebsdilemma längst nicht beendet. Auch die Kundenteams leiden unter der fehlenden Zuverlässigkeit: In Baku fiel so Kevin Magnussen (Haas) aus. In Monaco traf es im freien Training schon mal Mick Schumacher: Da musste der Deutsche die Übungseinheit mit defektem Elektromotor (MGU-K) vorzeitig beenden.
Die Ferrari-Kundenteams leiden unter der fehlenden Zuverlässigkeit.

Mittlerweile ist der Grund für die Antriebs-Misere der Italiener klar: Ferrari hat die Leistung seiner Power Unit auf Kosten der Zuverlässigkeit erhöht. Ein Spagat, der nötig war. Nach dem immer noch mysteriösen Deal mit der FIA Anfang 2020 war der Ferrari-Motor zur Luftpumpe mutiert. Schrittweise machte die Scuderia 2021 wieder Boden gut auf die PS-stärkere Konkurrenz. Allein: Im Winter musste ein letzter Sprung her, um auf Augenhöhe um WM-Titel fahren zu können.
Das Dilemma: Zur Saison 2022 wurden die Antriebseinheiten bis Ende 2025 eingefroren. Nur Arbeiten an der Zuverlässigkeit sind jetzt noch erlaubt. Ferrari musste Risiko gehen – doch das kostet die Italiener jetzt womöglich die WM und Mick Schumacher seinen ersten Punkt.
Immerhin: Sollte sein Turbolader halten, droht dem Haas-Pilot zunächst keine Startplatzstrafe. Noch ist er mit all seinen Antriebs-Komponenten im grünen Bereich.
Für Ferrari gilt es nun, das Zuverlässigkeitsproblem endgültig zu beheben. Man habe bereits Gegenmaßnahmen getroffen, hieß es zuletzt von den Technikern.
"Nach den letzten drei Rennen und den Problemen, die wir hatten, ist es für das Team jetzt natürlich eine schwierige Zeit“, räumt Charles Leclerc nach Platz fünf in Kanada ein, gibt sich angesichts des zweiten Rangs für seinen Teamkollegen Carlos Sainz aber kämpferisch: „Wir müssen ruhig bleiben und uns bewusst sein, dass wir dieses Problem so schnell wie möglich lösen müssen. Aber ich denke, wir haben das richtige Gleichgewicht gefunden.“
Dass das auch für die Kundenteams wie Haas gilt, muss die Scuderia nun als nächstes beweisen. Auch im Sinne von Mick Schumacher.

Von

Bianca Garloff