Formel 1: Hans-Joachim Stuck wird 70

Formel 1: Hans-Joachim Stuck wird 70

„Bin froh, überlebt zu haben“

Exklusiv-Interview mit Hans-Joachim Stuck zu seinem 70. Geburtstag: Über seine Karriere, über Mick Schumacher und über den Motorsport an sich.
Herr Stuck, herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag. 70 Jahre Hans-Joachim Stuck – was fällt Ihnen dazu ein?
Hans-Joachim Stuck (70): Als erstes, dass ich das überlebt habe. Man muss sich nur mal anschauen, was ich in den 1970er und 1980er Jahren alles für Autos gefahren bin und wie gefährlich die Formel 1 damals war. Ich war bei einigen Unfällen dabei – ob bei Tom Pryce oder Ronnie Peterson, Manfred Winkelhock oder Stefan Bellof – ich war immer vordere Reihe in der Mitte. Da bin ich schon froh, dass ich das überlebt habe, dass ich noch gesund und fit bin und das Leben genießen kann.
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Das sagen Sie jetzt im Rückblick. Aber wie haben Sie das als aktiver Fahrer empfunden?
Bei diesen ganzen Unfällen war es immer so, dass es mich wahnsinnig belastet hat. Aber sobald ich im Auto saß und der Motor anging, war alles weg. Das war auch gut, weil: Wenn ich während des Rennfahrens diese Gedanken gehabt hätte, hätte ich auch nie die Leistung bringen können. Das war ein wichtiger Schalter bei mir, den ich da immer umlegen konnte. Was richtig extrem war: Als Ronnie Peterson in Monza 1978 gestorben ist. Er war am Mittwoch davor noch bei mir und meinen Eltern und wir sind dann von da aus zusammen nach Monza gefahren. Am Sonntag war der Unfall und seitdem hat meine Mutter nie wieder Formel 1 angeschaut. Die hat das nicht verkraftet, dass er am Mittwoch noch bei ihr war. Obwohl sie das ja schon von ihrem Mann, meinem Vater, und auch von mir gewohnt war.
Was war Ihr schlimmster Unfall?
Ich glaube, dass die Phase mit dem 962 Porsche am gefährlichsten war. Der war aerodynamisch das Maximum, das ich je gefahren bin. Aber du siehst ja, was einem Manfred Winkelhock, Jo Gartner und Stefan Bellof passiert ist. Da muss man sich schon der Gefahr bewusst gewesen sein. Vor allem bin ich ja mit dem Auto die meisten Testkilometer gefahren. Das war auch von den Kurvengeschwindigkeiten her schon heftig. Aber der schlimmste Unfall war mit Sicherheit am Nürburgring 2010, als ich am Schwedenkreuz (im Audi R8 LMS; d. Red.) auf feuchter Strecke abgeflogen bin. Da bin ich mit 220 km/h eingeschlagen und hab mir ein Aneurysma zugezogen, das auch operiert werden musste. Ich hatte da wirklich Glück, dass ich auch einen sehr guten Operateur hatte. Das war von der Sache das Gefährlichste, da geht es um Millimeter bei diesen Blutungen.
Heute ist die Formel 1 viel sicherer. Aber der Unfall von Romain Grosjean in Bahrain hat gezeigt, dass es auch heute noch heftige Unfälle geben kann. Gehen die Fahrer damit anders um als früher?
Das kann ich nicht sagen. Der Unfall von Romain hat gezeigt, dass es nie eine 100-prozentige Sicherheit geben wird. Da war auch mit den Leitplanken was nicht in Ordnung. Sein Glück war, dass der Halo eingeführt und sein Kopf nicht abgetrennt wurde wie damals bei Helmut Koinigg, dessen Kopf von der Leitplanke auf den Heckflügel direkt vor mir geknallt ist. Das bringt alle mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Deswegen verstehe ich auch nicht, warum über das Gehalt von Lewis Hamilton geschimpft wird. Die riskieren ihr Leben und da ist jede Entlohnung recht.
Gehen wir Ihre erfolgreiche Karriere mal etwas durch. Sie sind durch ihren Vater zum Rennsport gekommen – einen der erfolgreichsten deutschen Rennfahrer, Bergkönig und GP-Sieger 1935 in Italien.
Ich habe ihn sehr bewundert. Schade, dass ich nie gegen ihn gefahren bin. Ich habe von ihm vor allem gelernt, mich auf den Punkt zu konzentrieren. Das hat er mir vorgelebt. Ich habe ihn noch in den 1960er Jahren bei Bergrennen begleitet und er war da immer für mich da. Aber eine halbe Stunde vor dem Rennen war seine Abschaltphase, da hat er sich gezielt auf das Rennen fokussiert. Was ich von ihm auch gelernt habe: Selbst, wenn er ausgefallen ist oder mal nicht gewonnen hat, dann war das für ihn ein Rückschlag – aber auch Ansporn, es nächstes Mal besser zu machen. Diese positive Grundeinstellung habe ich mitgenommen.

Porsche 962

©Porsche

Sie waren in der Formel 1 der zweite Sohn eines früheren F1-Fahrers. Hat das geholfen oder war da eher mehr Druck da?

Der Papa hat die ganzen Leute gekannt. Durch seine guten Kontakte und Beziehungen hat er schon viel machen können. Das war schon wichtig für mich. Der Name hat mir immer geholfen, bei jeder Gelegenheit. Und es ist ja auch heute noch so: Ich bekomme viel Fanpost und da schreiben mir Leute mit 80 oder älter, die noch Fotos mit meinem Vater gefunden haben. In meinem ganzen Leben war es immer ein Vorteil, den Namen Stuck zu tragen. Du konntest überall hinkommen, ob das Argentinien war oder sonstwo – überall haben sie gesagt, dass er ein toller Typ war und ein guter Fahrer. Da habe ich immer vom Namen, von den Erfolgen, aber auch vom Auftreten meines Vaters profitieren können. In den 1970er Jahren kamen dann auch immer viele attraktive Frauen, die älter waren als ich, auf mich zu und haben gesagt: Ah, du bist der Sohn vom Hans. Der war ja immer so lieb. Die hat er wahrscheinlich alle irgendwo mal kennen gelernt (lacht).
Welchen Stellenwert hatte die Formel 1 in den 1970er Jahren, als sie in die Königsklasse gekommen sind?
Die hatte damals noch nicht den Stellenwert wie heute. Das kam erst durch die Erfolge von Michael Schumacher. Zu meiner Zeit waren wir nie die großen Helden, weil wir a) nichts gewonnen haben. Das muss man klar sagen. Und b), weil wir auch keine großen Sponsoren hatten. Das hat alles erst Michael Schumacher mit seinen Erfolgen angerührt.
Wobei Sie 1979 ja die Chance hatten, zu Williams zu gehen, als die Mannschaft gerade zum Weltmeisterteam wurde...
Beim letzten Rennen in Watkins Glen 1978 habe ich nachts um halb eins mit Frank Williams eine Sitzprobe gehabt und das hätte auch alles gepasst. Ich hätte mich bei jedem europäischen Grand Prix vorqualifizieren müssen, was ich natürlich geschafft hätte, aber es war halt umständlich. Und beim Günther Schmid war ich die Nummer eins im ATS-Team mit nur einem Auto. Da hätte ich meinen Vater gebraucht, um die richtige Entscheidung zu treffen. Aber auch wenn das vielleicht ein Fehler war; ich bereue nichts in meinem Leben. Was ich alles erleben durfte: Ich durfte Königshäuser kennen lernen, ich stand im Rampenlicht und war erfolgreich, habe auch gut Geld verdient. Die ganze Reiserei, die wir in andere Länder gemacht haben, das kann mir keiner mehr nehmen.
Und die 1970er gelten auch als die wilde Party-Zeit in der Formel 1.
Da war einiges los. Da sind wir auch alle mit demselben Flugzeug hingeflogen zu den Überseerennen. Diese Flüge waren alle legendär. Von Japan 1976 zurück saß ich weiter hinten und alle haben geschlafen. Dann habe ich 50 Paar Schuhe von hinten nach vorn vertauscht und am Flughafen haben sie die Schuhe nicht mehr gefunden (lacht).
1976 war das Jahr des Lauda-Unfalls, bei dem Sie nicht unwesentlich geholfen haben.
Der Niki lag auf der Baare, war ansprechbar, sah auch gar nicht so schlimm aus, war halt bisschen rot im Gesicht. Dann sollte der Krankenwagen der Richtung folgend ins Krankenhaus fahren, aber Luftlinie war das gerade mal einen Kilometer weg. Also habe ich den Fahrer überzeugt, entgegen der Fahrtrichtung zu fahren, weil ja keiner mehr kommen konnte. Da konnten sie früher die Lunge abpumpen. Das war also schon keine schlechte Sache. Hinterher hat sich Niki auch bei mir bedankt.
Was war Ihr Karriere-Highlight?
Mit Sicherheit der erste Le Mans-Sieg (1986 im Rothmans-Porsche; d. Red.). Wenn man ein guter Rennfahrer ist, muss man unbedingt mal das Indy 500, den GP von Monaco oder Le Mans gewonnen haben. Und in Le Mans ist mir das gelungen. Als ich da das erste Mal in der Mitte auf dem Stockerl stand, das werde ich mein Leben nicht mehr vergessen.
Beim Indy 500 waren Sie ja nie am Start.
Da war ich nah dran. Als Porsche in den 1980er Jahren in die IndyCar eingestiegen ist, hätte ich das Auto mitentwickeln können, aber da hab ich nicht reingepasst. Da ist die Chance vorbeigegangen.

Hans-Joachim Stuck vor seinem DTM-Audi

©Audi

Dafür haben Sie 1990 die DTM gewonnen.

Die war hart umkämpft, vor allem, weil wir immer wieder Gewichte ins Auto bekommen haben. Das Jahr mit dem Titel abzuschließen, war auch erleichternd. Das war unglaublich emotional.
Die DTM steigt ab 2021 auf GT3-Fahrzeuge um – was ja auch Ihre Idee war.
Ich bin ja ein Nachbar vom Gerhard (Berger; d. Red.). Wir hatten viele Gespräche. Ich bin jetzt froh, dass das Fahrt aufnimmt. Ich denke schon, dass es in die richtige Richtung geht, weil es weltweit keine GT3-Sprintserie gibt. Ich denke schon, dass wir da den Leuten ein gutes Wochenende und guten Sport bieten können – gerade mit der Markenvielfalt.
Abschließend: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Formel 1?
Du brauchst einen gescheiten Motor mit richtig viel Leistung. Eine Kombination mit Hybrid zum Überholen fände ich cool, damit du den depperten Flügel (DRS; d. Red.) nicht mehr auf und zu machen musst. Dann sollte man über die Regularien bei den Reifen und die Kosten nachdenken. Es kann nicht sein, dass von 20 Autos nur vier gewinnen können. Da muss das Feld kompakter werden, das wäre wichtig.

Fotos: Audi

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