AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Theissen, BMW steigt aus der Formel 1 aus, weil der Konzern seine Strategie in Richtung Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit geändert hat. Passt der Motorsport überhaupt noch ins BMW-Konzept? Dr. Mario Theissen: "Der Motorsport kann auf jeden Fall noch eine Rolle spielen. Man darf das nicht schwarz-weiß sehen. Natürlich ist es im Moment so, dass mit dem Formel-1-Projekt ein Großteil des Marketingaufwandes Richtung Motorsport geht. Der soll in Zukunft breiter eingesetzt werden. Das heißt aber noch lange nicht, dass es keinen Motorsport mehr gibt. Im Gegenteil: Motorsport wird es bei BMW immer geben. Wir werden uns jetzt sehr gut überlegen, wie die übrigen Säulen des Motorsportprogramms, also Formel BMW, Tourenwagen-und GT-Sport in Zukunft aussehen werden.
Vor ein paar Monaten wollten Sie werksseitig auch aus der WTCC aussteigen. Ist das noch so? "Diese Entscheidung hängt stark davon ab, wie die WTCC sich entwickelt. Wir waren mit der Situation in der ersten Jahreshälfte überhaupt nicht zufrieden. Wir sehen mittlerweile aber schon Anstrengungen bei der FIA und beim Veranstalter KSO, die Probleme in den Griff zu kriegen. Und wir wollen mit unserer Entscheidung noch warten, bis wir wissen, wie sich das entwickelt."
Wie müsste die WTCC denn aussehen, damit BMW bleibt?
Wenn unterschiedliche Technikkonzepte schon unvermeidbar sind, müssen die zuverlässig so einreguliert werden, dass ein wettbewerbsfähiges Feld entsteht, in dem wir mit unserem Konzept eine Siegchance haben. Der nächste Wunsch wäre dann Stabilität in diesen Regeln.

DTM-Einstieg durchaus möglich

Dr. Doktor Mario Theissen Formel 1 2009 Grand Prix GP Großer Preis Belgien Spa Francorchamps Interview
Exklusiv: Dr. Mario Theissen im Gespräch mit AUTO BILD MOTORSPORT-Redakteurin Bianca Garloff.
Bild: Oliver Reck
Unter welchen Umständen können Sie sich einen Einstieg in die DTM vorstellen? Wir machen uns schon seit einiger Zeit Gedanken, was man im GT-Segment in Zukunft tun könnte. Und zum GT-Segment zähle ich die DTM. Was die Performance angeht, sogar zum oberen Rand des GT-Segments. Wenn sich hier in Zukunft Perspektiven auftun, dass man ein breit einsetzbares GT-Fahrzeug hat, das per Reglement in vielen Serien weltweit fahren kann, dann interessiert uns das. Bei der heutigen Form brauchen wir nicht überlegen, dort einzusteigen.
Sind Sie schon in Kontakt mit der ITR? Das sind wir schon lange, sowohl mit der ITR, dem ACO als auch der FIA. Die Meinungen sind ausgetauscht, die Ideen kennt jeder dort. Jetzt ist die Frage, ob man in Zukunft eine gemeinsame Interessenlage herstellen kann.
Können Sie sich auch einen Paralleleinsatz in beiden Serien vorstellen? Wir können uns vorstellen, Autos sowohl für die Tourenwagen- als auch für die GT-Kategorie zu bauen.
Was haben Sie mit dem Formel-1-Team in Hinwil vor? Priorität hat der Fortbestand des Teams. Eine Alternative wäre die Nutzung der Kompetenz der Mitarbeiter als Entwicklungsstandort.
Besteht für Letzteres wirklich Bedarf? Es kann durchaus attraktiv sein für Innovationsprojekte ein eigenes Center zu haben. Wie es bei der BMW Technik GmbH derzeit schon der Fall ist. Das können neue Fahrzeugkonzepte, aber auch neue Technologien sein.

"Hätte gerne das Projekt weitergeführt"

Dr. Doktor Mario Theissen Formel 1 2009 Grand Prix GP Großer Preis Belgien Spa Francorchamps Interview
Würde sich ein erfolgreicheres BMW-Nachfolgeteam wünschen: Dr. Theissen sieht das jetzt stärkere Ex-Honda-Team Brawn GP als positives Beispiel.
Bild: xpb.cc
Wenn Sie den anderen Weg gehen: Nach welchen Kriterien suchen Sie sich Käufer aus? Das Wichtigste ist: Das Team soll auf soliden Füßen stehen und sich nicht nach wenigen Wochen als nicht-lebensfähig erweisen. Wir haben eine Bandbreite von Interessenten. Da gibt’s einfache Anfragen mit Rechtschreibfehlern bis hin zu strukturierten Businessplänen, wo man sofort sieht: Das sind Insider, die wissen, was auf sie zukommt. Der Prozess wird in den nächsten Wochen laufen.
Muss es für BMW nicht sogar interessanter sein, das Team nicht zu verkaufen? Sonst könnte doch eine ähnliche Blamage wie bei Honda drohen, deren Nachfolgeteam plötzlich um die WM fährt. Auf keinen Fall. Das wäre für uns ein sehr positives Szenario. Denn wir sind nicht wegen der sportlichen Performance ausgestiegen. Wir haben in diesem Jahr zwar einen Rückschlag erlitten, gehen aber selbst davon aus, dass wenn wir weitermachen würden, wir im nächsten Jahr wieder vorne bei der Musik wären. Insofern erwarten wir dieses Szenario geradezu.
Was bedeutet der F1-Ausstieg für Sie persönlich? Ich hätte natürlich gerne das Projekt weitergeführt, weil ich der Meinung bin, dass wir auf dem richtigen Weg sind und dieses Jahr nur ein Ausrutscher ist.
Können Sie sich vorstellen neue BMW-Motorsport-Projekte ebenso engagiert zu leiten? Ich kann mir vieles vorstellen, schiebe das aber bewusst nach hinten.
Würden Sie auf der anderen Seite gerne Teamchef eines möglichen BMW-Sauber-Nachfolgeteams bleiben? Kein Kommentar.