Formel 1: Kolumne aus Baku
Im Land des Feuers

In seiner neuen Kolumne nimmt unser Formel-1-Reporter Ralf Bach Sie mit ins Fahrerlager: Das erlebte er im Vorfeld des Europa GP in Aserbaidschan.
Bild: Picture-Alliance
- Ralf Bach
Der erste Eindruck von Aserbaidschans Hauptstadt Baku war die Fahrt am Mittwochabend vom Flughafen zum Hotel. Ein netter Mann von circa 40 Jahren fragte mich schon beim Ausgang, ob ich ein Taxi bräuchte. Sofort nahm er meinen Koffer, rannte fast vorneweg. Er schaute sich öfters um und wirkte wie jemand, der nicht erwischt werden wollte. Er hatte keine Taxilizenz, sondern wollte sich privat ein paar Euro verdienen. Er sprach gebrochenes Englisch, aber gut genug, um mir meine Fragen zu beantworten. "Ja," sagte er, "wir haben eine Diktatur."
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Aber, fügte er hinzu, Aserbaidschan wäre mit seinen vielen Völkergruppen noch nicht soweit, eine Demokratie zu haben. "Noch brauchen wir eine harte Hand, die mit festem Griff für Ordnung sorgt. Sonst würden wir uns die Köpfe einschlagen." Man dürfe das Land mit türkischen Wurzeln und russischer Vergangenheit nicht nur mit westlichen Augen betrachten. Die Fahrt dauerte circa 20 Minuten. Weil es um 21 Uhr immer noch dreißig Grad hatte, öffnete ich das rechte Fenster am rechten Rücksitz.
Die neuen Hochhäuser, die vorbeiflogen, gaben sich sehr westlich. Grelle Leuchtreklamen auf englisch blendeten die Nacht. Es gab keinen Stau, alles wirkte so sauber, als würde jemand alle drei Minuten auch die kleinsten Papierkrümel aufsammeln, um das schönste Gesicht einer Stadt zu zeigen.
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Das Motto: 'The speed is higher in the land of fire'
Wo in Baku das Geld herkommt, konnte man riechen. In der Luft lag ein beißender Geruch. Er kam von den unzähligen Ölquellen und Raffinerien, die rechts und links der Stadtautobahn liegen. Sie geben dem Land den Beinamen Land des Feuers. Die letzten fünf Minuten musste ich laufen, weil das Hotel inmitten der Rennstrecke liegt und deshalb für die Zeit des Rennens nicht mit dem Auto zu erreichen ist.
Alle fünfzig Meter bewachte ein Polizist oder Soldat die Eingänge des circa sechs Kilometer langen Stadtkurses. Allein: Gäbe es einen Stadtkurs in Berlin, München oder Frankfurt – das wäre in den heutigen Zeiten nicht anders. Was anders ist: Bei den zwei staatlichen Sendern Aserbaidschans ist oben rechts ständig das Konterfei vom Präsidenten İlham Heydər zu sehen. ZDF und ARD mit dem Photo von Angela Merkel als ständiger Begleiter vom Sportstudio oder Tatort ist nicht vorstellbar.
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Hintergrund: Ismayilova wurde am 25. Mai wieder freigelassen, wahrscheinlich weil der Druck von Organisationen wie "Amnesty International" im Vorfeld des Welt-Schaufensters Formel 1 zu groß wurde. Bleibt die spannende Frage? Ist es Altersweisheit oder Verwirrtheit, dass den kleinen Diktator zu diesem Versprechen trieb? Und wird er es auch einhalten?
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