Ferrari-Teamchef Mattia Binotto muss sich wie auf der Anklagebank gefühlt haben während seiner Presserunde nach dem Rennen. Immer wieder kam die Frage: Hat Ferrari Charles Leclerc den Sieg gestohlen? Warum gab es keinen Platztausch? Ist ein Undercut im selben Team sportlich fair?
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Ohne die deutsche Vettel-Brille aufzuhaben, sage ich: Alles richtig gemacht. In Singapur war ein früher Vettel-Stopp die einzige Möglichkeit, sich nach hinten gegen Max Verstappen abzusichern und nach vorn Lewis Hamilton anzugreifen. Leclerc hatte 3,5 Sekunden Vorsprung auf Vettel. Da ist nicht davon auszugehen, dass ein Stopp, der nur eine Runde früher angesetzt wird, für den Undercut reicht.
Fakt ist also: Leclerc hat an der Spitze einfach zu sehr gebummelt! Sein Ziel: die Lücke zwischen Spitze und Mittelfeld für einen Undercut so klein wie möglich halten. Dabei war die Lücke längst da. Das Rennen hatte einen Zeitpunkt erreicht, wo es auch in den letzten Jahren immer hieß: Gas geben! Diesen Moment hat Leclerc nicht nur verpasst. Mit einer 1,49-er-Zeit fuhr er so langsam wie selten zuvor.
Warum Ferrari richtig gehandelt hat
Leclerc hat an der Spitze einfach zu sehr gebummelt!
Vettel dagegen wusste: Jetzt oder nie! Er scheuchte seinen Ferrari durch die Gassen Singapurs – und war plötzlich Erster. Warum jetzt nicht gleich die Plätze tauschen? Erstens drohte von hinten weiter Gefahr von Hamilton und Verstappen. Zweitens: Vettel setzte sich ab von seinem Teamkollegen. Und wie!
Er überholte Lance Stroll, Daniel Ricciardo, Pierre Gasly und Antonio Giovinazzi innerhalb von vier Runden und fuhr sich so einen Vorsprung von fünf Sekunden auf den Teamkollegen heraus, der größere Schwierigkeiten hatte, sich an den Mittelfeld-Piloten vorbeizuzwängen. Man könnte auch sagen: Vettel war on fire!
Mittlerweile war sein Vorsprung also größer, als sein Rückstand es vor den Boxenstopps je war. Dazu kommt: Leclerc machte auch nach den Safetycar-Phasen nicht den Anschein, als könne er schneller. Ein Platztausch wäre in dieser Situation nur eins gewesen: eine Demütigung des vierfachen Weltmeisters.
Alles richtig gemacht also, das habe ich Mattia Binotto auch persönlich gesagt. Zumal er damit auch Charles Leclerc ein wenig Bescheidenheit einimpfen konnte. Ikarus-gleich war der junge Monegasse sowohl im Qualifying von Monza (als er Vettel den Windschatten verweigerte) als auch am Boxenfunk in Singapur (als er seinem Team Unfairness unterstellte) der Sonne zu nah gekommen. Aufmüpfigen Jungvögeln muss man manchmal die Flügel stutzen, damit sie nicht irgendwann mit dem ganzen Nest abstürzen.

Von

Bianca Garloff