Rund 20 Kilometer entfernt von der Rennstrecke in Jeddah in Saudi-Arabien schlägt eine Rakete ein – doch die Formel 1 gibt weiter Vollgas. Business as usual sozusagen.
Noch am Abend hatten Formel-1-Boss Stefano Domenicali (56) und FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem (69)  angekündigt: Das Rennwochenende wird fortgesetzt. Die Sicherheitsbehörden hätten Entwarnung gegeben. Zivile Ziele würden von den Rebellen im Jemen nicht angesteuert. Und ohnehin funktioniere das Raketenabwehrsystem wunderbar. Sorgen um die Sicherheit seien deshalb fehl am Platz.
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Allein: Die Fahrer schienen da zunächst nicht von überzeugt zu sein. Erst nach einer vierstündigen Krisensitzung änderten sie um 3 Uhr morgens (!) ihre Meinung und gaben bekannt, am Samstag völlig übernächtig zum Training und Qualifying antreten zu wollen.
Grund für den überraschenden U-Turn – nachdem die Piloten zuvor so einig in ihrer Meinung schienen wie selten zuvor: Offiziell haben die saudischen Behörden den schnellsten Autofahrern der Welt ihre hochmoderne Technik erklärt und versichert: Durch den Abwehrschild kommt keine weitere Rakete und auch keine Drohne durch.
Doch am frühen Morgen sickerten auch noch andere Informationen durch den Fahrerlagerzaun. Die BBC berichtete als erstes, dass noch weitere Faktoren eine Rolle gespielt haben sollen beim Sinneswandel der Piloten. Demnach könnte es für den Formel-1-Tross gewisse Probleme bei der Ausreise aus Saudi-Arabien geben, wenn das Rennen nicht ausgetragen werde. Die einen sprechen von einer sanften Warnung durch das autoritäre Regime des Königreiches, die anderen von einer diskret vorgetragenen Erpressung. Fest steht: Das Gerücht lässt viel Platz für Interpretationsspielraum.
Dazu passt allerdings: Es existiert ein Präzedenzfall aus dem Jahr 2019. Damals wurden rund 200 Mitglieder der Profi-Wrestling-Serie WWE mehr als sechs Stunden lang am Flughafen festgehalten, weil es Diskussionen mit den saudischen Veranstaltern über Geld und eine zu kurze TV-Übertragung gab.
Lewis Hamilton spricht seinen Fahrerkollegen aus der Seele.

Eine Stellungnahme der Fahrervereinigung GPDA sprach jedenfalls Bände. Dort war von einem „belastenden Tag“ für die Formel-1-Fahrer die Rede. Soll heißen: Den Gladiatoren der Formel 1, die mit mehr als 300 km/h an den Mauern des Jeddah Circuits vorbeirasen, war unwohl angesichts der Bilder einer brennenden Anlage des saudischen Öl-Multis Aramco.
Klar ist aber auch: Selbst wenn der GP ohne weitere Zwischenfälle ausgetragen werden kann, darf das Thema nicht einfach zu den Akten gelegt werden. Zwar bringt ein Zehnjahres-Kontrakt den Formel-1-Machern jedes Jahr mehr als 60 Millionen Dollar. Aber sowohl die Agression Russlands in der Ukraine als auch der Raketeneinschlag am Freitag in Jeddah haben die Formel-1-Welt grundlegend verändert.
Mit Russland wurden alle Verträge richtigerweise bereits gekappt. Aber kann man in Saudi-Arabien weiter in einem Land fahren, in dem immer noch massive Menschenrechtsverletzungen stattfinden – und das seit 2015 einen Angriffskrieg im Jemen führt, der zu einer der größten humanitären Katastrophen weltweit geführt hat?
Lewis Hamilton spricht seinen Fahrerkollegen aus der Seele, wenn er sagt: „Ich würde gerne sagen, es fühlt sich gut an herzukommen. Aber das tut es nicht angesichts der Menschenrechtsverletzungen.“
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Doch nicht nur die Formel-1-Bosse stehen in der Verantwortung. Auch die anderen Mitglieder des Formel-1-Zirkus sollten genauer hinsehen. Dem Narrativ der Saudis, die jemenitischen Rebellen seien Terroristen, deren „verbrecherischen Anschlägen man nicht nachgeben darf“, sollte kein Teamchef wie Red Bulls Christian Horner auf den Leim gehen.
Immerhin: Andere Teamchefs fordern bereits eine Debatte über die Zukunft des Rennens in Jeddah. „Ich glaube, man hätte die Diskussion vorab führen sollen“, räumt Williams-Teamchef Jost Capito ein. „Jetzt findet sie eben nach dem Rennwochenende statt, nicht währenddessen.“ Auch Mick Schumachers Haas-Teamchef Günther Steiner sagt: „Jetzt ist nicht der Moment, um darüber zu diskutieren, ob es richtig oder falsch ist, dass wir überhaupt hier sind. Das kommt noch, und wir werden darüber sprechen.“
Das ist dringend nötig, denn die so gern vorgebrachte Argumentation, der Sport könne zu einer Demokratisierung beitragen, ist zumindest aktuell und besonders im Fall von Saudi-Arabien nicht mehr haltbar. Mehr noch: Der Imageschaden für die Formel 1 kann durch den finanziellen Gewinn kaum noch aufgewogen werden.

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Von

Bianca Garloff