Er wäre wohl lieber ein nachhaltig rasender Zeitreisender geblieben…
Im aktuellen Aston Martin AMR22 kommt Sebastian Vettel (35) einfach nicht auf Touren. Im Qualifying zum Großen Preis von Frankreich in Le Castellet landet er auf Rang 14 – und schlägt immerhin seinen Teamkollegen Lance Stroll (Platz 17).
Zwei Zehntel fehlen für den Einzug in den zweiten Qualifyingabschnitt. „Der neue Unterboden kam bei mir erst heute“, verrät Vettel, nachdem er den alten am Freitag beim Räubern über die Kerbs beschädigt hatte. „Es war schwer reinzufinden, aber ich hatte einen guten zweiten Schuss. Im Vergleich zu den anderen haben wir nicht den Luxus, dass wir uns warmfahren können. Ich hoffe, dass wir bei der Hitze mit dem Reifenmanagement morgen den Unterschied machen können.“
Im aktuellen Aston Martin AMR22 kommt Sebastian Vettel (35) einfach nicht auf Touren.

Auch sein Teamchef Mike Krack bleibt optimistisch: „Da (Carlos) Sainz und (Kevin) Magnussen vom letzten Startplatz aus ins Rennen gehen werden, weil beide ihre vierte Power Unit verbraucht haben, wird Sebastian morgen von Platz zwölf und Lance von Platz 15 starten. Wir hatten gestern eine gute Long-Run-Performance, also ist es unser Ziel, in die Punkte zu fahren."
Sein Wochenend-Highlight dürfte Vettel indes schon am Freitag erlebt haben. Mit dem 100 Jahre alten Aston Martin-GP, der liebevoll auch „Green Pea“ (Grüne Erbse), genannt wird, hat er da Demo-Runden gedreht. Der Oldtimer startete 1922 beim Großen Preis von Frankreich in Straßbourg – und durfte nun erstmals CO2-neutral rennen.
Hintergrund: Vettel hat den nachhaltigen Sprit, mit dem er bereits den Williams FW14B von Nigel Mansell in Silverstone befeuert hat, auch mit nach Frankreich gebracht. Der Aston Martin-GP-Renner aus 1922 ist damit das älteste Automobil, das je mit CO2-neutralem Benzin betrieben wurde.
Sebastian Vettel am Steuer des Aston Martin Grean Pea TT1.

Vettel sei Dank, denn der Heppenheimer hat den Kraftstoff selbst besorgt. Lieferant ist die Berliner Firma P1, die den Sprit in Belgien produziert. Auto Bild hat mit den Machern des nachhaltigen Kraftstoffs gesprochen.
„Sebastian Vettel hat eine Vorliebe zu historischen Fahrzeugen und gleichzeitig zur Nachhaltigkeit, deshalb wollte er die beiden Themen kombinieren“, sagt Benjamin Cyut von P1. „Und wir sind ihm auch wirklich dankbar, dass er das Thema so einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht.“
Die Macher sind erleichtert, denn der Einsatz lief am Donnerstag problemlos. Cyut: „Es war tatsächlich sehr einfach, da es das ganz normale Benzin ist, mit dem man auch normale Verbrenner betreibt. Es ging also nur darum, den fossilen Brennstoff abzutanken und unseren nachhaltigen Sprit einzufüllen.“
Das Benzin wird dabei völlig CO2-neutral hergestellt. „Wir produzieren aus Wasser über Elektrolyse grünen Wasserstoff“, erklärt der Belgier. „Dazu nehmen wir CO2 aus der Luft oder Biomasse und synthetisieren beides zum Kraftstoff. Dadurch lassen wir das CO2 nur zirkulieren, setzen aber keine zusätzlichen Kohlenstoff-Gase aus fossilen Energieträgern frei.“
Vettel will noch viel mehr Menschen erreichen, denn das Benzin soll und kann massentauglich werden.

Dass das auch im Rennsport funktioniert, beweist die Firma bereits in der Rallye-WM und der WTCR (World Touring Car Racing). Jetzt sorgt Vettel dafür, dass das Thema noch größer wird. „Seb war für seine Fahrt sogar im Stil der 20er Jahre gekleidet“, sagt Cyut. „Da spürt man regelrecht seinen Spaß und Enthusiasmus an dem Thema.“
Der Hesse will so noch viel mehr Menschen erreichen, denn das Benzin soll und kann massentauglich werden. Der P1-Techniker zu Auto Bild: „Bei uns kostet der Liter derzeit etwa sechs Euro. Aber je effizienter und je mehr Sprit man produziert, desto weniger kostet das Endprodukt. Wir bauen derzeit größere Werke und können garantieren, dass der Sprit bald genauso teuer sein wird wie das klassische Benzin heute. Der Zeithorizont liegt dabei auf den nächsten zwei bis drei Jahren. Dabei geht es darum, die Energie dort herzuholen, wo es die grüne Energie gibt. Das kann eine Wüste oder ein Windpark sein. Daran arbeiten wir.“
Das Ziel: Alle Verbrennungs-Motoren mit nachhaltigem Sprit zu befeuern. „Jede größere Entwicklung startet im Motorsport“, weiß Cyut. „Für jeden, der mit einem Auto fährt – auch die Formel 1 – sollte das der richtige Weg sein. Wir sind motorsportbegeisterte Menschen und wissen gleichzeitig, dass die Klimaprobleme gelöst werden müssen. Alle müssen ein Teil der Lösung sein.“
Sebastian Vettel hat diese Botschaft längst verstanden – und trägt sie auch in die Formel 1. Die will ab 2026 ebenfalls mit nachhaltigem Kraftstoff antreten. Hat P1 schon Kontakt aufgenommen? Cyut lacht: „Wir sind ja jetzt mit Sebastian in Kontakt und er ist ein Teil der Formel 1.“

Von

Bianca Garloff