Nur wer Sebastian Vettel (35) nicht wirklich kennt, war von seinem Rücktritt überrascht. Nur wer Sebastian Vettel nicht wirklich kennt, war von der Art und Weise überrascht, wie er seinen Rücktritt bekannt gab. Ich war es von beidem nicht. Er wählte seinen neuen "Instagram"-Kanal, obwohl er die sozialen Medien genauso nichtsnutzig hält wie ich. Den Kanal hat er erst gestern – wie sagt man eigentlich? – gegründet.
Er lief ins Bild, ganz in schwarz gekleidet, mit langer Lockenmähne, grinste kurz und legte los. Über die Formel 1, die er so sehr liebte und liebt (damit meint er aber nur noch das Fahren an sich) verlor er nicht viele Worte.
Ganz typisch für die, die ihn kennen: Er trat nicht in Farbe auf, sondern ließ sich schwarzweiß filmen. Das Ambiente erinnerte an Paul McCartney, als der 1970 erklärte, warum er die Beatles verlässt. Bloß keinen Farbtupfer zu viel wollte Sebastian Vettel zeigen, weil der am Ende doch von der einzigen Sache ablenken könnte, um die es ihm wirklich ging: sich selbst erklären.
Sebastian Vettel verkündete seinen Rücktritt in schwarzweiß.

Das Wichtigste: "Ich bin Sebastian, Vater von drei Kindern und Ehemann einer wunderbaren Frau." Mit denen wolle er in Zukunft mehr Zeit verbringen. Er habe während seiner Formel-1-Karriere auf ein normales Familienleben verzichtet und das habe ihn "viel Energie" gekostet. "Mich weiterhin in gleicher Weise für meine Leidenschaft zu engagieren, so, wie ich das für richtig halte, passt nicht mehr zu meinem Wunsch, ein guter Vater und Ehemann zu sein. Ich bin neugierig und leicht fasziniert von begabten Menschen. Ich bin besessen von Perfektion. Ich liebe es, draußen zu sein, ich liebe die Natur und ihre Wunder. Ich bin stur und ungeduldig. Ich kann einem manchmal wirklich auf die Nerven gehen. Ich mag es, Menschen zum Lachen zu bringen. Ich mag Schokolade und den Geruch von frischem Brot."
Er wollte aber auch mitteilen, worum es ihm geht in dieser Welt, die für ihn klimatechnisch gesehen kurz vor dem Abgrund steht. "Wir leben in entscheidenden Zeiten. Wie wir die nächsten Jahre gestalten, ist entscheidend. Reden ist nicht genug. Es gibt keine Alternative mehr. Das Rennen ist im Gang."
Nach seinen emotionalen Worten blickte er nochmal kurz und intensiv in die Kamera, ein Hauch von Traurigkeit lag in der Luft. Danach stand er auf und verschwand aus dem Blickfeld der Kamera.
Formel-1-Reporter Ralf Bach mit Sebastian Vettel.


Es war seine ehrliche Art den Fans Goodbye zu sagen. Kurz. Emotional und rational, kein Schlenker zu viel. Es war sein Kompromiss, die von ihm gehassten sozialen Medien einmal zu nutzen, ohne sich ihre Regel aufdrücken zu lassen. Einfach nur schön gemacht und absolut ehrlich.
Die Wochen zuvor schon, besonders aber am letzten Wochenende in Le Castellet war mir völlig klar, dass es für ihn keine andere Alternative als den Rücktritt geben konnte. Im Fahrerlager hatten wir einige Gespräche. Er fragte mich, was ich tun würde, und er hörte meinen Worten einfach nur zu: Er hätte nichts mehr zu beweisen als vierfacher Weltmeister. Außer dem Fahren am Limit gäbe es nichts mehr, was ihn in der Formel-1-Welt noch halten könnte. Denn anders als Vettel selbst geht es den Machern dort nur ums Geldverdienen, aber nicht um Werte. Er widersprach nicht. Ein leichtes Grinsen zeigten mir, dass er genauso denkt.
Sebastian Vettel, Bianca Garloff und Ralf Bach.

Fest steht: Die Formel 1 verliert nicht nur einen der größten Champions, sondern vielmehr den authentischsten und ehrlichsten Fahrer, den die Königsklasse vermutlich jemals hatte. Der Vollgaszirkus wird sich schnell wieder in seinem goldenen Hamsterrad weiterdrehen. Aston Martin wird so schnell wie möglich Ersatz suchen. Die beiden deutschen Mick Schumacher und Nico Hülkenberg sind dabei zwei Kandidaten, Vettels grünes Auto zu übernehmen.
Allein: Bei den meisten im inneren Führungszirkel der Königsklasse wird sein Rücktritt Erleichterung hervorrufen. Denn sie sind 2023 den los, der ihnen in den vergangenen Jahren immer wieder den Spiegel vorgehalten hat und sie als moralische Mogelpackung entlarvte. Die, die es gut mit ihm meinen, aber ziehen ehrlich seinen Hut vor ihm. Einer davon ist sein ehemaliger Mentor bei Red Bull, Helmut Marko. Der studierte Jurist spricht mir aus der Seele, wenn er sagt: "Ich freue mich für Sebastian. Es war richtig und konsequent zurückzutreten."

Von

Ralf Bach