Sebastian Vettel, Sie steuern auf Ihr letztes Formel-1-Rennen zu. Zeit zurückzublicken. Wir haben Sie kennengelernt, als Sie sich in der Formel-BMW-Saison 2004 darüber geärgert haben, nur 18 von 20 Rennen gewonnen zu haben. Wie hat dieser junge Pimpf mit Zahnspange getickt?
Sebastian Vettel (35): Der Ehrgeiz von damals ist auch heute noch nicht verflogen. Für mich gab es immer nur den Wettkampf. Den Spaß am freien Fahren habe ich erst später entdeckt.
Wie meinen Sie das?
Manche sind vielleicht schon zufrieden, wenn sie im Fußball ihren eigenen Spielstil oder im Auto ihre eigene Fahrtechnik weiterentwickeln. Ich jedenfalls wollte immer besser werden. Nur weil ich das letzte Rennen gewonnen habe, heißt das ja nicht, dass ich das nächste Rennen auch gewinnen werde. Deswegen muss man nach einem Sieg mindestens genau soviel arbeiten, wenn nicht sogar härter, da die Gegner angestachelt sind. So führt dann das eine zum anderen.
Wie brutal ist die Formel 1 in ihrer Bewertung? Im Aston Martin wurden Sie für Platz acht gelobt, im Ferrari dagegen abgestraft. 
Ja, in der Hinsicht ist die Formel 1 und der Motorsport insgesamt unfair, weil man so abhängig ist von seinem Material. Der Sieger bekommt am meisten Aufmerksamkeit und der Rest läuft nur mit. Ich kann das aber heute alles besser einschätzen. Der Sport entwickelt sich eben immer weiter: Es gibt neue Fahrer, neue Helden, neue Teams. Heute redet kaum noch jemand über Ayrton Senna, sondern über Max Verstappen. In zehn Jahren ist es wieder jemand anders. So ist der Lauf der Dinge.
Sebastian Vettel fährt in Abu Dhabi sein letztes Formel-1-Rennen.

Ein Blick in den Rückspiegel: Was sind die positiven und negativen Momentaufnahmen Ihrer Karriere?
Bei den Positiven ist es der erste Erfolg mit Platz vier im Toro Rosso in China. Dass die Leute das nicht so auf dem Schirm haben, ist klar, aber für mich war das unter den Bedingungen ein Riesenerfolg. Auch 2008 muss da natürlich mit rein: mein erster Sieg in Monza. 2009 der erste Sieg mit Red Bull. Jetzt könnte ich natürlich lange weiter machen, weil ich auch das Glück habe aus so einer langen Liste wählen zu können. Die Meilensteine halt. Die erste WM, dann aber auch und gerade die Momente davor, der Niederschlag in Korea zum Beispiel.
Als Ihr Motor geplatzt ist.
Genau. Der Abend danach war sehr prägend. In den Meetings habe ich mich noch zusammengerissen. Ich war ein richtiger Motivator, obwohl ich total fertig war. Weil ich wusste, was das bedeutet: 25 Punkte verloren und der andere (Fernando Alonso; d. Red.) sackt die ein. Das war ja wie ein  Elfmeter für mich, aber der andere hat gewonnen. In dem Moment brach die Welt für mich zusammen. Da habe ich mir einen Fußball genommen und in der Hospitality erst mal zwei Stunden auf die Wand eingedroschen.
Bereuen Sie Ihren Unfall in Hockenheim?
Eigentlich nicht. Weil es einen langfristig stärker macht. Wenn man immer an solchen Dingen hängen bleibt wie eine Platte, die einen Sprung hat, kommt man ja nicht weiter. Da braucht es manchmal einen Stupser, damit es voran geht – weniger fürs Ergebnis, sondern für mich. Ich glaube heute bin ich an dem Punkt, dass ich sagen kann: Es ist wichtig für mich, was ich erreicht habe und dass ich zufrieden damit bin.
Gibt es auch aus menschlicher Sicht Situationen, die Sie heute anders handeln würden? Beispielsweise Malaysia 2013, als Sie Ihren Teamkollegen Mark Webber trotz Nichtangriffspakt überholt haben?
Nein, das würde ich nicht ändern. Zu der Situation mit Mark Webber hatte ich ja schon immer eine klare Meinung. Ich habe danach ja auch mit ihm gesprochen und ihm gesagt: „Unser Verhältnis war nicht das Beste. Du hast mir nicht geholfen und deswegen fand ich, dass du es nicht verdient hattest, den Sieg geschenkt zu bekommen. Ich hatte ihn mir in dem Rennen fair und hart erkämpft.
Und beim Rennen in Baku, als Sie Lewis Hamilton in die Seite fuhren?
Das würde ich ändern. Einfach weil es unsportlich war. In dem Moment war es eine falsche emotionale Reaktion. Es war, als hätte ich ihm auf dem Fußballplatz eine gescheuert. Es hat ihn jetzt nicht verletzt wie eine Backpfeife, weil die Autos dazwischen waren, aber ich bin danach auf ihn zugegangen und genau diese Situation hat uns am Ende dann doch näher zusammen geführt.
Nach einer Strafe musste Vettel den Sieg beim Kanada Grand Prix 2019 Lewis Hamilton überlassen.

Und als Sie die Schilder in Montreal vertauscht haben?
(lacht) Das würde ich wieder machen. Was ich ändern würde, wäre die Kurve nicht zu verpassen!
Wie sehr hat Ihnen der Wechsel zu Aston Martin nach Ihren Selbstzweifeln geholfen? 
Ich glaube, da hat mir mehr die Zeit geholfen. Am Schluss habe ich bei Ferrari etwas den Fokus verloren. Als mir klar wurde, dass das mit dem Titel in Rot nichts werden würde, gab es einen Bruch in meinem Denken. Gleichzeitig habe ich Charles gesehen, in dem ich mich in meiner Anfangszeit wiedererkannt habe. Ich will mir da jetzt nicht selbst auf die Schulter klopfen, aber ich glaube Charles und ich haben ein sehr gutes Verhältnis. Ich habe ihm nie im Weg gestanden, habe nie einen auf Platzhirsch gemacht. Heute bin ich auch stolz darauf, dass ich so sportlich fair mit umgegangen bin.
Fühlen Sie sich insgesamt fair behandelt oder stört Sie die oberflächliche Betrachtungsweise in der Formel 1?
Oberflächlichkeit gibt es überall. Die Formel 1 erzeugt sehr viel Interesse, zum Glück. Natürlich geht damit einher, dass man sehr oft vorschnell beurteilt wird. Ich glaube, das passiert in anderen Sportarten, die nicht so dieses Interesse erzeugen, nicht so oft, und es geht dort vielleicht oft familiärer, fairer und besser zu. Aber es ist immer ein Geben und Nehmen. Missverstanden vielleicht ab und zu, aber grundsätzlich fühlte ich mich immer gerecht und fair behandelt.
Sie sind nach Michael Schumacher der erfolgreichste Rennfahrer Deutschlands. Sind Sie sich dessen überhaupt bewusst?
Natürlich bin ich mir dessen bewusst. Manchmal denkt man bei all den Erfolgen: Das ist schon alles verrückt. Ich glaube, eine der größten Vorteile, wenn ich jetzt zurückdenke, ist dass man früher gar nicht wusste, wie gut man ist. Ich sehe das mit ein bisschen mehr Horizont und Verständnis von heute als sehr großes Glück und Geschenk.
Was würden Sie dem Jungen mit der Zahnspange sagen, wenn Sie ihm einen Tipp geben könnten?
Die Zeiten sind andere. Wenn ich heute 20 wäre, würde es bestimmt eine andere Reise werden. Aber eins würde ich ganz bestimmt sagen, das hat mit Zivilcourage zu tun: Mach deinen Mund auf, wenn es um eine gute Sache geht!

Von

Ralf Bach
Bianca Garloff