Stefano Domenicali, wie sehr freuen Sie sich auch auf eine Fortsetzung des Duells zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton?
Stefano Domenicali (56):
Ich hoffe natürlich sehr, dass das Duell fortgesetzt wird. 2021 war das Interesse dank Max und Lewis enorm. Ich hoffe aber auch, dass weitere Piloten in den Titelkampf eingreifen können. Wir haben derzeit so viele junge und talentierte Piloten, ein extrem starkes Fahrerfeld. Deshalb liegt der Fokus derzeit darauf, ob die neuen Autos es mehr Piloten erlauben werden, um Siege und den Titel zu kämpfen. 
Die Formel 1 boomt – aber nicht mehr in Deutschland.
Das ist auch für mich enttäuschend. Der deutsche Grand Prix ist mir wichtig. Ich sehe aber leider kein wirkliches Interesse aus Deutschland, wieder Teil des Formel-1-Kalenders zu werden. Das ist schade. Ich kann es eigentlich auch nicht so recht glauben, dass der deutsche Markt kein Interesse mehr an der Formel 1 haben soll. Mit Seb [Vettel; d. Red.] habt ihr einen viermaligen Weltmeister. Und ihr habt Mick Schumacher, der am Anfang einer hoffnungsvollen Karriere steht. Ich werde mich bemühen, den deutschen Markt wachzurütteln.
-Boss Stefano Domenicali hofft bald wieder auf einen deutschen Grand Prix.
Mit Vettel haben Sie allerdings einen neuen Chefkritiker. Für ihn kommen die neuen Antriebe mit CO2-neutralem Sprit 2026 zu spät.

Ich will das nicht als Kritik verstehen. Ich sehe das als positiven Anstoß von jemandem, der sich ernsthaft Gedanken um die Zukunft macht. Ich habe mit ihm darüber unzählige Male gesprochen. Konstruktive Kritik nehme ich mir zu Herzen. Aber wir müssen realistisch bleiben. Die Formel 1 lebt den Nachhaltigkeitsgedanken längst und gibt auch in Zukunft den richtigen Weg vor. Wir haben seit 2014 die mit Abstand effizientesten Antriebseinheiten (1.6-V6-Turbo-Hybrid; Anm. d. Red.). Wir planen mit nachhaltigem Benzin, ein Schritt, der großen Einfluss auf die globale Mobilität und die Automobilindustrie haben wird. Und gleichzeitig drängen wir die Promoter, die Rennen CO2-neutral zu veranstalten. Aber wenn Seb uns erinnert, noch mehr zu tun und noch besser zu werden, nehme ich das ernst. 
Der Volkswagen-Konzern hat am neuen Regelwerk mitgewirkt. Was würde Ihnen ein Einstieg bedeuten?
Ein Einstieg wäre großartig, aber ich kann nicht im Namen von VW sprechen. Unser nachhaltiges Benzin, das wir parallel zu neuen Hybridmotoren mit höherem Elektroanteil (ca. 350 kW; Anm. d. Red.) einsetzen werden, kann ihnen einen zweiten Weg neben der Elektromobilität eröffnen. Und nicht nur Volkswagen, sondern jedem Hersteller. 
Was erwarten Sie in Zukunft von Mick Schumacher?
Mick macht seinen Job sehr gut. 2021 hat er allerdings darunter gelitten, dass er kein Auto hatte, mit dem er seine Fähigkeiten unter Beweis stellen konnte. Ich hoffe wirklich, dass der neue Haas ihm die Chance gibt, sein Talent zu zeigen. 
Würden Sie einen Schumacher auch gerne wieder im Ferrari sehen?
(lacht) Ich hatte ja das Privileg, mit Michael bei Ferrari zu arbeiten. Und natürlich wäre Mick im Ferrari ein großartiger Ausblick auf die Zukunft. Aktuell hat Ferrari mit Charles Leclerc und Carlos Sainz zwei fantastische und auch noch junge Fahrer. Aber wenn Mick bereit ist und sich ihm eine Möglichkeit bietet, wird er sie sicher ergreifen.

Von

Bianca Garloff