Das Training ist beendet, jetzt wird es ernst. Sechs Testtage in Barcelona hatte die Formel 1, bei der nächsten Ausfahrt geht es schon ans Eingemachte: Sie wird das erste freie Training beim Saisonauftakt (Rennen findet am 15. März statt) in Melbourne sein.
Was haben wir gelernt nach all den Bestzeiten und Longruns, ohne die genaue Benzinmenge und Motoreinstellungen bei den einzelnen Runden zu kennen?
Mercedes ist wieder das Team, das es zu schlagen gilt. Der Finne Vallteri Bottas setzte schon in der ersten Testwoche mit 1.15,7 Minuten eine Bestzeit, die gut eine halbe Sekunde schneller war als die Bestzeit des ersten Nicht-Mercedes, Max Verstappen (Red Bull).
Bottas' Bestzeit sticht so heraus, dass sie nur schwer zu bewerten ist. Wie auch immer: Die meisten Experten sehen die Silberpfeile vorn, wenn auch nicht ganz mit einer halben Sekunde.

Stellvertretend sagt AlphaTauri-Teamchef Franz Tost zu AUTO BILD MOTORSPORT: "Mercedes hat wieder das schnellste Auto, dahinter sehe ich Red Bull. Im Mittelfeld wird es richtig eng. Da geht es sogar um Hundertstel. Ein kleiner Fehler im Set-up und du kannst plötzlich 14. statt Sechster sein."
Im Mittelfeld tummeln sich sein eigenes Team, Racing Point mit dem "Mercedes-Jahreswagen" von 2019, Renault und McLaren.
Interessant ist auch: Williams, 2019 noch abgeschlagener Letzter, hat den Anschluss zu Alfa Romeo und Haas gefunden. Beide Ferrari-Kunden müssen sogar fürchten, vom Mercedes-Kunden überholt zu werden.
Red Bull
Formverbessert: Wird Red Bull erster Mercedes-Jäger?
Schwer einzuordnen ist noch Ferrari - nicht nur für Franz Tost. Teamchef Mattia Binotto stapelt tief und reiht die eigene Leistungsfähigkeit vor Saisonbeginn hinter Mercedes und Red Bull ein. Er fürchtet sogar Racing Point. Beobachter an der Strecke wie Max Verstappens Vater Jos berichteten von starkem Untersteuern.
Fest steht: Ferrari hat ein Problem. Das Auto ist nicht schnell genug, besonders im Topspeed - 2019 noch seine größte Stärke - hinken die Italiener hinterher. "Zu viel Abtrieb und deswegen zu viel Luftwiderstand auf der Geraden", ist Ferraris Begründung dafür, "aber wir arbeiten daran."
Schlimmer aber ist: Ferrari darf bestimmte Systeme im Motorumfeld nicht mehr einsetzen, die ihre Power Unit 2019 so überlegen gemacht haben. Das hat die FIA kurz vor Testende öffentlich gemacht. Zwischen den Zeilen heißt das: Ferrari hat im Vorjahr illegale Hilfsmittel verwendet, um mehr Power zu entfalten.
Deshalb, so vermutet man in der Formel-1-Szene jetzt, ist der Topspeed des SF1000 plötzlich wie weggezaubert. Ferrari ist in der Klemme. Die Frage, die man sich stellen muss, drückt das Desaster von Sebastian Vettels Teams am besten aus: Wenn sie es schon 2019 mit "Tricks" nicht schafften, die WM zu gewinnen; wie sollen sie es in diesem Jahr dann ohne schaffen?

Von

Ralf Bach
Bianca Garloff