Mit unglaublichen 125 Punkten Vorsprung geht Max Verstappen in die Sommerpause der Formel 1, der dritte WM-Titel in Folge ist dem Niederländer realistisch kaum noch zu nehmen. Für Spannung an der Spitze sorgt ohne ernstzunehmende Gegner eigentlich nur die Frage, welches Ausmaß die beispiellose Rekordjagd des Red-Bull-Stars und seines Teams noch annehmen kann?
Red Bull Racing gewann bisher alle zwölf Saisonrennen, Verstappen zehn davon, die letzten acht am Stück: Ausgerechnet bei seinem Heimspiel nach der Sommerpause in Zandvoort kann der Lokalmatador damit den Allzeitrekord von neun Siegen in Serie von Alberto Ascari (1952/1953) und Sebastian Vettel (2013) einstellen.
Red-Bull-Teamchef Christian Horner strahlt angesichts solcher Zahlen: "Was wir derzeit sehen, das gibt es ganz selten in der Formel 1 - dass ein Fahrer derart überlegen ist. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich so etwas als Teamchef erleben darf", sagt der Brite, der anders als Fans und Konkurrenten auf Spannung wie beim epischen Titelkampf zwischen Verstappen und Lewis Hamilton 2021 gut verzichten kann: "Davon erhole ich mich heute noch", lacht Horner.
Teamchef Christian Horner kann Red Bulls Lauf kaum fassen
Bild: Red Bull

Selbst Teamkollege Sergio Perez zieht mittlerweile nur noch den Hut, wenn er sieht wie Verstappen, so wie zuletzt beim Belgien GP, mit gleichem Material an ihm vorbei und auf und davon stürmt: "Man kann Max da nichts absprechen, er zeigt eine gigantische Saison und ist sehr talentiert. Gemeinsam mit seinem Team holen sie einfach Wochenende für Wochenende das Maximum raus, das ist schon wirklich eindrucksvoll", staunt der Mexikaner.
Doch woher kommt der unbändige Siegeshunger beim F1-Dominator? Einer, der es wissen muss, ist Papa Jos Verstappen, zwischen 1994 und 2003 selbst in der Formel 1. Der 51-Jährige glaubt: "Max will zeigen, wer der Beste ist. Das hat er hier (in Spa; d. Red.) auch wieder. Er ist voll drauf, aber das ist auch schwierig: Immer da zu sein, in jedem Training, Qualifying und Rennen - aber das ist es, was er im Moment macht."
Dabei weiß der ehemalige Formel-1-Pilot selbstverständlich auch, dass ein derartiger Mega-Lauf nicht ohne starkes Team geht: "Man braucht natürlich ein gutes Fahrzeug und das hat er: Max mit Red Bull zusammen, das funktioniert einfach. Es ist unglaublich, wie ein Traum, nur noch besser", freut sich Papa Jos bei ServusTV.
Verstappen feierte in Spa den zehnten Sieg im zwölften Rennen
Bild: Red Bull

Sohnemann Max widerspricht seinem Vater bei der Erklärung für seine Nimmersatt-Attitüde keineswegs, gibt das Lob in gewisser Weise aber zurück: "Ich will immer mehr und versuche mir in jeder einzelnen Situation anzuschauen, was man hätte besser machen können. So wurde ich aber auch erzogen, immer mehr zu wollen und mir Details anzuschauen, selbst wenn Leute sagen, dass alles toll oder großartig ist - es gibt immer Dinge, die man noch besser machen kann", erklärt der Weltmeister.
Dass es mit seinen einsamen Spazierfahrten an der Spitze indes ewig so weitergeht, davon geht Verstappen Junior nicht aus: "Ich war ja auch mal auf der anderen Seite, wenn man Siege jagt, es aber nie reicht, weil man nicht das Paket dafür zur Verfügung hat", erinnert er sich an Jahre der Hamilton-Dominanz: "Entsprechend genieße ich das natürlich im Moment, aber ich weiß gleichzeitig auch, dass es an einem gewissen Punkt aufhören wird. Deswegen müssen wir es jetzt auskosten, weiter lernen und versuchen, uns zu verbessern."
Auch wenn Letzteres im Angesicht von Red Bulls Hammer-Zahlen 2023 schwer möglich scheint: "Bisher als Team alle Rennen gewonnen zu haben, das ist schon unglaublich", grinst Verstappen. Für seinen Rennstall geht es jetzt doch tatsächlich um den Traum von einer perfekten Saison - das ist in 73 Jahren F1-Historie bis dato noch keinem Team gelungen!
Auch Teamkollege Perez kann mittlerweile nur noch gratulieren
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Ganz nah dran war 1988 McLaren mit dem legendären MP4/4, der bis heute nicht nur als eines der schönsten, sondern vor allem auch als das erfolgreichste Formel-1-Auto aller Zeiten gilt: Ayrton Senna und Alain Prost gewannen damit 15 von 16 Rennen - und es wären wohl alle geworden, wäre Senna beim Italien GP in Monza nicht zwei Runden vor Schluss in Führung liegend mit dem überrundeten Williams-Ersatzfahrer Jean-Louis Schlesser kollidiert, wodurch Ferrari einen viel umjubelten Heimsieg abstaubte.
Dass beim Streben nach Perfektion bis zur letzten Zielflagge immer noch etwas schiefgehen kann, weiß auch Red Bulls erfahrener Motorsportberater Dr. Helmut Marko: "Wir wollen das jetzt natürlich fortführen", sagt er mit Blick auf die ungeschlagene Serie seines Teams und ein mögliches Formel-1-Novum, wohlwissend: "Es ist zwar unwahrscheinlich und unrealistisch, aber langsam glauben wir schon, dass es vielleicht doch gehen könnte." Kein Wunder, bei dieser erdrückenden Verstappen-Dominanz.