Formel 1: Verstappen und Hamilton stellen neue Regeln infrage
Zu kompliziert? Die neue Antriebs-Ära spaltet die Formel 1

Die neue Motoren-Ära sollte die Formel 1 nachhaltiger und moderner machen. Doch schon bei den ersten Tests zeigt sich: Die Serie steht vor einem Kommunikationsproblem.
Bild: Red Bull Content Pool
Max Verstappen, Lewis Hamilton und Fernando Alonso sind nicht gerade die Art von Formel-1-Fahrer, die Herausforderungen meiden. Insgesamt 13 WM-Titel haben die drei Hochkaräter der Szene gemeinsam errungen. Unter anderem in hochkomplexen Hybridautos und kaum zu bändigenden V10-Biestern.
Wenn nun also selbst dieses infernale Trio der Formel-1-Historie nach den ersten Testfahrten sagt, das neue Energiemanagement sei "lächerlich komplex" (Hamilton), mache die Königsklasse zur "Formel E auf Steroiden" (Verstappen) oder befähige sogar den Teamkoch durch Kurven zu fahren (Alonso), steht die Formel 1 vor einem echten Problem.
Neue Formel-1-Antriebe zu kompliziert?
Zur Erinnerung: Ab 2026 verschiebt sich das Kräfteverhältnis der Antriebe deutlich. Fast 50 Prozent der Leistung stammen aus dem Elektromotor. Das bedeutet: Energie wird nicht nur eingesetzt, sondern berechnet, gespeichert, wieder freigesetzt. Permanent. An Nico Hülkenberg Audi-Lenkrad war zu erkennen, wie die Batterie innerhalb weniger Sekunden voll geladen war – und genauso schnell wieder leer.
Heißt auch: Der Fahrer dreht zwar noch am Lenkrad, doch Software-Algorithmen bestimmen zunehmend, wann Energie optimal abgegeben oder zurückgewonnen wird. Die neue Realität zwingt ihn dazu, über eine Runde hinweg den Energiemanager zu spielen. "Lift-and-Coast" über mehrere hundert Meter im Qualifying, Herunterschalten bis in den ersten Gang, um zusätzliche Rekuperation zu erzwingen.
Das führt zu ungewöhnlichen Fahrstilen: langsam durch Kurven, schneller in der Mitte der Geraden, Lupfen zum Ende hin. Der Gladiator am Steuer ist weniger gefragt als der Schachspieler im Cockpit.

Das neue Energiemanagement sei „lächerlich komplex“ sagt Lewis Hamilton.
Bild: Pirelli
„Keiner der Fans wird es verstehen“, sagt Hamilton. Das ist weniger offener Frust als eindringliche Warnung. Die Frage dahinter: Wird der Sport durch die neue Technik anspruchsvoller oder einfach nur komplizierter?
Fest steht: Die Formel 1 wollte mit der Regelrevolution nachhaltiger werden, technologischer, relevanter für die Serie. Das ist politisch und industrie-strategisch nachvollziehbar, ja sogar logisch. Audi wäre ohne die neuen Power Units nicht eingestiegen. Doch je stärker Algorithmen den optimalen Einsatz berechnen, desto schwieriger wird es, die fahrerische Leistung sichtbar und als Pilot den Unterschied zu machen.
Das Problem dabei: Die Formel 1 lebt eben genau davon. Vom direkten Duell. Von der Idee, dass der Schnellste gewinnt. Vom Sport eben. Wenn Energieprofile, Software und KI im Hintergrund dominieren, verschiebt sich der Fokus. Weg vom Fahrer, hin zur Technik.
Verstappen, Hamilton und Co. lassen sich nicht das Wort verbieten
Dass Verstappen, Hamilton, Alonso und Co. jetzt rebellieren, war abzusehen. Beim Shakedown in Barcelona war bewusst keine Presse erlaubt. Deshalb platzt es erst jetzt aus den Stars heraus. Da wird es auch nicht helfen, dass man sich Verstappen hinterher vorgeknöpft hat und um Mäßigung bat. Die Reaktion des Niederländers können Sie sich vorstellen. Einen Maulkorb lässt sich der wahrheitsliebende Champion nicht verpassen. Im Gegenteil: Der macht alles nur noch schlimmer.
Stürzen Verstappen und Co. die Serie jetzt gleich in eine tiefe Krise? Noch nicht. Dafür sind bisher zu wenige Meter gefahren. Es ist immer noch möglich, dass die Rennen spannend sind.
Fest steht aber schon jetzt: Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die Macher der Königsklasse rund um Formel-1-Boss Stefano Domenicali ab sofort bewegen. Sie müssen den Widerstand gegen die Innovation brechen und gleichzeitig die Rennfahrer in ihren immer noch schnellen Maschinen zurück von dem Mittelpunkt rücken. Wenn die Piloten Spaß haben, springt der Funke auch auf den Fan über.
Allein: So technologisch beeindruckend die neue Formel 1 auch ist; sie muss verständlich bleiben. Eine bessere Einbindung auch von uns Erklärern des Sports könnte da nicht schaden. Denn am Ende entscheidet nicht der Algorithmus über die Faszination der Königsklasse, sondern das menschliche Publikum.
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