Wer vor einem Jahr behauptet hätte, dass Kimi Antonelli beim nächsten Großen Preis von Brasilien bereits als Weltmeister anreisen würde, wäre wahrscheinlich ausgelacht worden. Der Italiener steckte damals mitten in seiner ersten Formel-1-Saison, musste sich gegen erfahrene Konkurrenten behaupten und vor allem beweisen, dass Toto Wolff mit seiner Entscheidung für den jungen Nachfolger von Lewis Hamilton richtiglag.
Inzwischen wissen wir: Der Mercedes-Teamchef lag richtig. Antonelli ist gerade einmal 20 Jahre alt, hat neun Saisonsiege auf dem Konto und sich in Mexiko vorzeitig zum jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte gekrönt.
Und trotzdem gibt es offenbar noch Dinge, die den Italiener mehr beeindrucken als seine eigene Erfolgsgeschichte. Zum Beispiel einen 40 Jahre alten Lotus. Genauer gesagt den Lotus 98T, mit dem Ayrton Senna 1986 zwei Grands Prix gewann und achtmal auf Poleposition fuhr. Schwarz-gold lackiert, mit einem Renault-Turbo, der im Qualifying weit über 1000 PS mobilisierte, und einem Fahrverhalten, das heutigen Piloten einiges abverlangen dürfte. Schließlich mussten die Fahrer damals noch selbst schalten und auf den Leistungsschub des Turbos warten.
Antonelli durfte jetzt in diesem Lotus Platz nehmen und war anschließend ziemlich begeistert.

Was Antonelli bei der Familie Senna erlebt hat

Der Mercedes-Pilot besuchte vor dem Brasilien-Grand-Prix gemeinsam mit seinem Vater Marco das frühere Familienanwesen Fazenda Dois Lagos in Tatuí. Empfangen wurde er unter anderem von Bruno Senna, dem Neffen des dreimaligen Weltmeisters, der zwischen 2010 und 2012 selbst in der Formel 1 gefahren ist. Die Familie zeigte Antonelli das Anwesen, auf dem Ayrton Senna viel Zeit verbrachte, führte ihn durch die Räumlichkeiten und ließ ihn sogar einen Blick in dessen ehemaliges Zimmer werfen. „Ich dachte nur: Wow, Ayrton war wirklich hier“, berichtet Antonelli später.

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Der Höhepunkt wartete allerdings in der Garage. Dort stand der Lotus 98T, mit dem Senna 1986 die Konkurrenz regelmäßig im Qualifying düpierte. Antonelli durfte in das enge Cockpit klettern und ausprobieren, wie sich der Arbeitsplatz seines großen Vorbilds vor vier Jahrzehnten angefühlt haben muss.
Natürlich könnte man das Ganze als gelungenen PR-Termin vor dem Großen Preis von Brasilien abhaken. Ein junger Weltmeister besucht die Familie einer Rennfahrerlegende, es entstehen ein paar schöne Fotos, und die sozialen Netzwerke bekommen neues Material. Nur würde man Antonelli damit vermutlich nicht gerecht. Denn seine Begeisterung für Senna ist keineswegs erst mit dem WM-Titel entstanden.

Warum Antonelli gleich zweimal an Sennas Grab war

Schon als Antonelli im vergangenen Jahr erstmals als Formel-1-Fahrer nach São Paulo kam, führte ihn einer seiner Ausflüge nicht zur Rennstrecke, sondern auf den Friedhof Morumbi. Dort liegt Senna begraben, der am 1. Mai 1994 beim Großen Preis von San Marino tödlich verunglückte. Antonelli besuchte das Grab zunächst allein und kehrte später mit seinem Coach zurück. Die beiden lasen ein Buch und verbrachten einige Zeit abseits des Trubels, der die Formel 1 sonst begleitet.
Mit den Senna-Farben auf dem Helm zollt Antonelli seinem großen Idol beim Brasilien-GP Respekt.
Bild: Mercedes
Ein paar Tage später fuhr der Mercedes-Pilot in Interlagos auf den zweiten Platz und feierte damit sein bis dahin bestes Formel-1-Ergebnis. Seinen Rennhelm überließ er anschließend der Sammlung der Familie Senna. Ob ihn der Besuch am Grab schneller gemacht hat? Wohl kaum. Aber er zeigt, dass Senna für Antonelli mehr ist als ein berühmter Name aus der Vergangenheit, den man bei passenden Gelegenheiten erwähnt.
Das ist insofern bemerkenswert, als Antonelli seinen Helden nie persönlich kennenlernen konnte. Als Senna 1994 in Imola starb, war der Italiener noch nicht einmal geboren. Erst zwölf Jahre später kam er zur Welt.

Ein Helm erinnert an Sennas berühmtesten Heimsieg

Wie sehr Antonelli seinem Vorbild verbunden ist, zeigt sich auch beim diesjährigen Brasilien-Grand-Prix. Denn für das Rennen in Interlagos hat er einen besonderen Helm gestalten lassen, der an Sennas ersten Heimsieg vor genau 35 Jahren erinnert. Und wer die Geschichte der Formel 1 kennt, weiß, warum gerade dieser Triumph bis heute einen besonderen Platz einnimmt.
1991 hatte Senna in Interlagos endlich die Chance, vor seinem Heimpublikum zu gewinnen. Doch ausgerechnet in der Schlussphase streikte das Getriebe seines McLaren. Nach und nach verabschiedeten sich die Gänge, bis praktisch nur noch der sechste übrig blieb. Auf den langen Geraden war das zu verschmerzen, doch in den langsamen Kurven musste Senna seinen Rennwagen mit viel Gefühl und möglichst hoher Drehzahl am Laufen halten. Trotzdem brachte er den McLaren als Sieger ins Ziel und war anschließend so erschöpft, dass ihm selbst das Hochheben des Pokals schwerfiel.
Antonellis Helmdesign erinnert an diesen Kraftakt und greift neben den brasilianischen Nationalfarben auch die damalige Getriebegeschichte auf. Bleibt die Frage, ob der Italiener seinem Idol an diesem Wochenende auch sportlich nacheifern kann. Die Chancen stehen jedenfalls nicht schlecht: Neun Grands Prix hat Antonelli in diesem Jahr bereits gewonnen. Ausgerechnet in Interlagos könnte er seinen zehnten Saisonsieg feiern – dort, wo Senna 1991 mit nur einem funktionierenden Gang einen seiner größten Triumphe erlebte.