Ferraris Aufbruchstimmung hat sich von der Präsentation auch auf die Rennstrecke übertragen… Fakt ist: Frisch rasiert gab Nummer-1-Jockey Sebastian Vettel beim ersten Testtag in Barcelona seinem Ferrari SF90 gleich am ersten Vormittag schon die Sporen und brannte eine 1.18,1 Minuten in den Asphalt des Circuit de Catalunya. Mehr noch: Mit 169 Runden absolvierte der Deutsche auch die meisten Umläufe der Konkurrenz, fuhr damit fast drei GP-Distanzen. Und das am ersten Tag!
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Das Bedeutende daran: Trotz der neuen Regeln, die die Autos um rund 1,5 Sekunden langsamer machen sollen, war Vettel damit nur knapp eine Sekunde langsamer als zum Ende (!) der Wintertests im Vorjahr. Allerdings: Damals fuhr er seine schnellste Runde mit Hypersoft-Reifen, diesmal auf mittelweichen Sohlen. Ein Umstand, der der Konkurrenz das Fürchten lehrt.
Red Bull hatte mit Max Verstappen (ebenfalls auf medium) auf Rang vier schon 1,3 Sekunden Rückstand, Lewis Hamilton war im Mercedes (auf hart) ganze zwei Sekunden langsamer. Die Zeit von 1.18,5 Miinuten von McLaren-Pilot Carlos Sainz nahm kein Experte wirklich ernst. Der Spanier hatte offenbar abgetankt und frische, weiche Gummis aufgezogen. Wichtiger: Mit Romain Grosjean (Haas) auf Rang drei und Kimi Räikkönen (Alfa Romeo) auf Rang fünf waren gleich beide Ferrari-B-Teams in Schlagdistanz.
Red Bull
Red Bull war nur auf den Geraden schneller als Ferrari
Nico Hülkenberg jedenfalls wirkte nicht gerade begeistert ob der flotten Vettel-Rundenzeit. „Die ist schon überraschend“, sagt er auf Nachfrage von AUTO BILD MOTORSPORT. „Brutal schnell.“ Von seinem eigenen Renault schwärmte der Emmericher jedenfalls weniger. „Ich glaube schon, dass er mehr Power hat, aber der neue Heckflügel wirkt wie ein Bremsfallschirm. Da spürt man das kaum.“ Und weiter: „Die neuen Autos sind keine komplett anderen ,Tierchen‘ und es stimmt, dass uns noch ein wenig was fehlt auf die Spitze.“
Beeindruckt zeigte sich auch Red Bull-Teamchef Christian Horner. „Diese Zeiten sind schon eindrucksvoll, wenn man bedenkt, dass sie schon wieder schneller sind als letztes Jahr.“ Der Brite lobt aber auch sein eigenes Team, dass nach Problemen mit der Elektronik-Ansteuerung am Vormittag doch noch gut zum Fahren kam. Horners Wink mit dem Zaunpfahl an Ex-Motorenparter Renault: "Wir hatten noch nie so ein gutes Packaging des Motors wie jetzt mit Honda." Sein Chef Helmut Marko ergänzt gegenüber AUTO BILD MOTORSPORT: "Es gab keinerlei Probleme mit unserem Motor."
Zurück zu Ferrari. Fakt ist: Beobachter an der Strecke bescheinigen der roten Göttin tatsächlich eine gute Balance. Das gibt auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff zu. „Ich habe die Zeiten gesehen und der Ferrari scheint sehr gut ausbalanciert zu sein“, sagt der Österreicher. „Aber man muss diszipliniert bleiben. Beim Test geht es um mehr als um Zeiten.“ Aber er verrät auch: „Ich bin ein Berufspessimist und muss mich zusammenreißen, dass ich meine Ingenieure nicht ständig mit meinen Sorgen störe.“
Immerhin: Ein Teil, das ihm Angst macht, hat Wolff an noch keinem der anderen Autos gesehen. Aber: „Die Frontflügel am Ferrari und Sauber sind interessant“, bekennt er. Bei beiden sind die hinteren Flaps nach außen hin entweder absteigend oder abgeschnitten. Eine interessante Lösung, um mehr Luft um die Vorderräder nach außen abzulenken.
Mercedes hat zum Test sein ganzes Programm aufgefahren: Im Gepäck hat das Silberteam das Standard-Motorhome für die Europarennen und ein neues, noch größeres Techniker-Labor. Ferrari dagegen kam mit seinem kleinen und unscheinbaren Test-Motorhome. Und einem offenbar stolzen neuen Teamchef. Mattia Binotto fotografierte am Morgen erstmal das kleine Testzeit und wirkte dabei so stolz, als wolle er sagen: Hier herrsche ab jetzt ich. Überhaupt: Die Körpersprache des ehemaligen Technikchefs hat sich im Vergleich zum Vorjahr komplett geändert. Der Italiener wirkt jetzt zuversichtlich, optimistisch, stark.
Stark ist offenbar auch Lewis Hamilton. Auf der Strecke sowieso, aber nun auch noch mehr auch am Körper. „Er hat noch mehr Muskeln aufgebaut“, verrät Wolff. Das kann er sich erlauben, weil das Mindestgewicht der Autos um zehn Kilo angehoben wurde. Wolff: „Ich habe Lewis auch mental noch nie so stark aus einer Winterpause zurückkommen sehen.“
Doch auch Vettel wirkt relaxt und mit sich im Reinen. Die Zeiten, als er bei Ferrari alleine dastand, sind dank Binotto vorbei. Er weiß mehr denn je, was er will: den WM-Titel in Rot.
Das Klassement am ersten Testtag
1. Sebastian Vettel (Ferrari): 1:18.161 Min. (169 Runden)
2. Carlos Sainz (McLaren-Renault): 1:18.558 Min. (119)
3. Romain Grosjean (Haas-Ferrari: 1:19.159 Min. (65)
4. Max Verstappen (Red-Bull-Honda): 1:19.426 Min. (128)
5. Kimi Räikkönen (Alfa-Romeo-Ferrari): 1:19.462 Min. (114)
6. Daniil Kvyat (Toro-Rosso-Honda): 1:19.464 Min. (77)
7. Sergio Perez (Racing-Point-Mercedes): 1:19.944 Min. (30)
8. Valtteri Bottas (Mercedes): 1:20.127 Min. (69)
9. Lewis Hamilton (Mercedes): 1:20.135 Min. (81)
10. Nico Hülkenberg (Renault): 1:20.980 Min. (65)
11. Daniel Ricciardo (Renault): 1:20.983 Min. (44)

Von

Bianca Garloff