Formel 1: Zoff bei Red Bull
Webber allein gegen alle

Vor dem Rennen in São Paulo will man bei Red Bull nichts von einer Stallorder zu Gunsten von Mark Webber wissen. Der fühlt sich benachteiligt und teilt kräftig gegen Sebastian Vettel und sein Team aus.
Mindestens fünfzig Journalisten-Augen warten am Donnerstagnachmittag in der engen Red- Bull-Hospitality des Autodromo Jose Carlos Pace in São Paulo auf eine Antwort von Mark Webber (34). Ob er sich an diesem GP-Wochenende schon mit seinem Teamkollegen Sebastian Vettel (23) über mögliche Szenarien im Rennen unterhalten hätte oder dies noch vorhabe, war die Frage. Webber schaut vielsagend in die Runde, sagt aber nichts. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Denn noch immer wartet der Australier, der auf WM-Rang zwei 14 Punkte Vorsprung auf Vettel hat, auf die Schützenhilfe seines Teams und seines Teamkollegen. Doch die viel diskutierte Stallorder wird nicht kommen. Weil Red Bull-Boss Dietrich Mateschitz lieber den Titel verliert, als einen seiner Piloten auf eine für ihn unsportliche Art und Weise für den anderen fahren zu lassen. Und weil Sebastian Vettel mit 25 Punkten Rückstand auf Fernando Alonso zwei Rennen vor Schluss immer noch Chancen auf den Titel hat.

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Webber mit Rücktrittsgedanken?
Webber ist mittlerweile so frustriert, dass er Fahrerlagergerüchten zufolge mit Rücktrittsgedanken spielt, sollte er doch noch den Titel gewinnen. Das hat er angeblich einem Fahrerkollegen anvertraut. Gegner Webbers behaupten sogar: Sollte er kein Weltmeister werden, wird Red Bull sich von dem aufmüpfigen Australier trennen, obwohl sie erst im Sommer den Vertrag bis Ende 2011 verlängert haben. So oder so: Der Stallkrieg könnte Red Bull den Titel kosten. Erstens, weil Webber auf und neben der Strecke immer mehr von seiner Souveränität verliert. Zweitens, weil Ferrari-Fahrer Felipe Massa (29) Fernando Alonso (29) seine Hilfe im WM-Kampf jetzt sogar offiziell anbietet. Massa: "Ich habe 2007 schon einmal einen Teamkollegen auf dem Weg zum Titel vorbeigelassen. Ich bin ein professioneller Fahrer." Teamchef Stefano Domenicali bekräftigt gegenüber ABMS: "Die Beziehung zwischen Fernando und Felipe ist tatsächlich okay – auf einer professionellen Ebene. Ehrlich gesagt habe ich noch nie Teamkollegen gesehen, die Freunde sind. Sie müssen zusammenarbeiten und das tun sie. Es gibt keine Geheimnisse, alles ist offen. Und am Samstagabend vor dem Rennen hat Felipe uns und auch Fernando sogar zum Abendessen bei ihm zu Hause eingeladen."
Domenicali weiter: "Wir arbeiten mit Felipe seit vielen Jahren zusammen und wollen ihn natürlich für die Gegenwart und die Zukunft motiviert halten. Er soll sich weiter als Teil dieser Familie fühlen. Deshalb habe ich nach Hockenheim (wo Massa Alonso den Sieg überlassen musste; d. Red.) unter vier Augen mit ihm gesprochen, ihm versucht die Situation zu erklären und ihn weiter zu pushen. Denn unter der Reaktion einiger Medien hatte er schon etwas gelitten. Dazu kommt: Mit Fernando als Teamkollegen ist es wirklich nicht leicht. Aber Felipe ist mental sehr stark. Immer, wenn er abgeschrieben wurde, kommt er zurück. So wie letztes Jahr nach seinem schweren Unfall. Und er wird auch im nächsten Jahr wieder die gleichen Chancen haben wie Fernando." Ein Problem könnte der kleine Brasilianer aber haben. Ein Staatsanwalt aus São Paulo hat angekündigt, Massa einsperren zu lassen, wenn er Alonso erneut passieren lassen sollte. Hintergrund: In Brasilien gibt es ein Sondergesetz, das die Interessen von Sportfans schützt und ihr Recht, einen fairen Wettkampf zu sehen. Eine Stallorder oder – noch schlimmer – einen freiwilligen Verzicht auf ein besseres Ergebnis könnte man als Verstoß dagegen interpretieren.
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