Formel E: Nick Heidfeld exklusiv
Ich wurde nicht rausgeschmissen!

Nick Heidfeld spricht im Exklusivinterview mit AUTO BILD MOTORSPORT über die Hintergründe seines Teamwechsels und die Erwartungen für Saison zwei.
Bild: Frederik Hackbarth
- Frederik Hackbarth
Herr Heidfeld, neue Saison, neues Team, neues Glück?
Nick Heidfeld: Ja, das hoffe ich doch! Letztes Jahr war das Glück nicht unbedingt auf meiner Seite. Oft ist es da bereits an der Vorbereitung gescheitert. Als Team und als Fahrer hätte man sicher das ein oder andere verhindern können.
Als Quittung gab es am Ende Gesamtrang zwölf. Noch beim Auftakt sahen Sie wie ein Titelkandidat aus, hätten fast gewonnen – wenn Nico Prost in der letzten Kurve des Rennens nicht die Tür zugemacht hätte...
Das erste Rennen in Peking würde ich einfach unter Pech abhaken. Ich habe nichts anders machen können, würde wieder in die Lücke stechen und hoffen, dass der andere Fahrer sich diesmal anders verhalt. Bei einigen anderen Dingen und Chancen, wo wir hätten gewinnen können, lag es aber einfach an der Vorbereitung.
Haben Sie deswegen das Team gewechselt?

Im Fokus: Nicht nur bei den Fans sondern auch beim Team Mahindra war Heidfelds Unterschrift begehrt
In den Medien entstand zunächst der Eindruck, bei Venturi habe man Sie durch Jacques Villeneuve ersetzt...
Das kann man Venturi selbst fragen, dann muss ich es nicht erzählen. Ich für meinen Teil weiß jedenfalls, wie es abgelaufen ist.
Ihr Nachfolger bei Venturi ist dennoch ein alter Bekannter für Sie: Mit Villeneuve sind Sie lange in der Formel 1 gefahren, 2006 sogar zusammen bei BMW.

Nach einem eher erfolglosen Jahr bei Venturi gibt der Deutsche fortan für einen indischen Rennstall Gas
Es gibt da also kein böses Blut?
Wie gesagt: Es ist ja nicht so, dass ich bei Venturi rausgeschmissen wurde. Das Team wollte gerne mit mir weitermachen.
Ihr neuer Teamkollege ist Bruno Senna, auch ein ehemaliger Formel-1-Fahrer. Wie läuft es mit ihm?
Bruno kenne ich vor allem aus meiner Zeit bei Lotus (2011; d. Red.) und auch letzte Saison als Konkurrent in der Formel E. Die Zusammenarbeit hier bei Mahindra lief von Anfang an, sowohl mit dem Team als auch mit Bruno sehr offen, professionell und locker ab.
Bevorzugen Sie beide bei der Abstimmung des Autos eine ähnliche Richtung und könnte ein fehlender Konsens in diesem Sektor dem Team womöglich schaden?

Neuer Teamkollege: Heidfeld fährt ab sofort an der Seite von Bruno Senna, beide kennen sich aus der F1
Neu ist diese Saison der Antrieb, die Teams dürfen selbst entwickeln. Auf welches Konzept hat man bei Mahindra gesetzt?
Wir haben einen Motor und vier Gänge. Es gibt im Feld alles, von einem Gang ohne Getriebe bis hin zu zwei, drei und vier Gängen – und sogar Lösungen mit zwei Motoren.
Und nun beten alle, dass ihr Konzept auf Anhieb sitzt...
Genau, denn wir können das ganze Jahr über nicht reagieren. Daher denke ich auch, dass es Unterschiede geben wird, wenngleich diese nicht zu dramatisch sein sollten. Wir haben alle immer noch die gleiche Batterie und dürfen alle nur 28 Kilowatt im Rennen benutzen. Das schränkt schon enorm ein.
Wie schätzen Sie das Kräfteverhältnis unter den Teams ein?
Das ist vorab immer sehr schwer zu sagen. Wenn ich es probieren müsste, würde ich tippen, dass Renault e.dams vorne ist, vor Virgin und ABT - auch in dieser Reihenfolge. Und ich hoffe natürlich, dass wir da vorne auch mitspielen können.
Stichwort ABT – dort fährt mit Daniel Abt der einzige andere Deutsche neben ihnen in der Formel E. Wie ist ihr Verhältnis?

Im Gespräch: ABMS-Reporter Frederik Hackbarth und Nick Heidfeld am Rande der Testfahrten in England
Sie haben ihr Sportwagen-Engagement angesprochen: Wie ist der Leistungsschub in der Formel E im Vergleich zum normalen Rennauto?
Die Leistung wird viel konstanter abgegeben und ist leichter zu dosieren als beim Verbrennungsmotor, bei dem es immer viel Feintuning braucht, damit er sauber anspricht und sich nicht verschluckt. Beim Elektromotor ist das einfacher zu kontrollieren. Das Drehmoment steht früher zur Verfügung und ist komplett gerade. So haben wir trotz weniger Leistung, keinen Slicks und fast 900 Kilogramm Gewicht, Starts von 2,8 Sekunden. Die Beschleunigung ist also trotzdem gut, eben weil das Drehmoment schnell da und leicht zu kontrollieren ist.
Leicht zu kontrollieren ist ein gutes Stichwort. Man sieht in der Formel E kaum ausbrechende Autos. Wie kommt's?

Schon eine Umstellung: Die Elektroflitzer der Formel E unterscheiden sich stark von herkömmlichen Autos
Wie schätzen Sie das Standing der Formel E nach einem Jahr ein?
Die Formel E wird und wurde als Serie sehr ernst genommen, gerade nach der ersten Saison. Ich finde, es war mehr als beachtlich, was man hier auf die Beine gestellt hat.
Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Strecken der Serie?
Ich mag sie sehr und das war mit ein Grund, warum ich hier dabei sein wollte. Nach vielen Jahren kennt man die meisten Strecken schon. Für mich als Fahrer ist es immer spannend auf neue Strecken zu kommen, um was zu erleben, zu lernen und neue Kurven zu fahren. Die Sicherheit könnte bestimmt noch verbessert werden, aber das ist eben das zweischneidige Schwert: Dafür haben wir Stadtkurse, die mehr Spaß machen und auch vom Konzept der Serie besser zur Formel E passen. Denn wir kommen sowieso nicht mit 300 Sachen angeknallt wie die Formel 1.
Die Formel-E-Saison beginnt am Samstag (24.10.) in Peking. Lesen Sie morgen in unserem großen Special zum Saisonstart bei AUTO BILD MOTORSPORT, mit welchen Erwartungen der andere Deutsche in der Serie, Daniel Abt, in das zweite Jahr geht.
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