Das Gaspedal schreit förmlich nach mehr, also senkt sich mein rechter Fuß immer weiter in Richtung Bodenblech oder besser Carbon. Ein kleiner Schlenker im Heck, der sich leicht abfangen lässt, und ab geht’s in Richtung nächster Kurve. Im Ohr immer dieses leise und irgendwie doch laute Surren des Elektromotors in meinem Rücken. Dieses Auto elektrisiert auch Nicht-Rennfahrer und vermittelt so viel Spaß wie ein großes Kart auf einer noch größeren Kartbahn. Ein spanischer Kollege kann sein Glück kaum fassen und schreit seine Freude bei der Rückkehr in die Garage nicht ganz jugendfrei raus: „Mein Gott, ist das geil!“
Wir sind auf dem Circuito Mallorca, und das Gefährt in unseren Händen ist ein Porsche 99X Electric. Vorm Saisonstart der 10. Formel-E-Saison am 13. Januar in Mexiko City bekommen ein paar ausgewählte Reporter eine Kostprobe vom Fahrgefühl in einem Formel-E-Rennwagen. Konkret pilotieren wir den Porsche der zweiten Generation, der bis 2022 zum Einsatz kam und im Rennmodus immerhin 299 PS (220 kW) mobilisiert.
Dieser Porsche hat 2022 in Mexiko gewonnen
Unsere Tracktesterin fuhr den Gen2-Porsche auf dem Circuit Mallorca.
Bild: Porsche
Die vermitteln in diesem futuristisch aussehenden Formel-Rennwagen ein Gefühl, das süchtig macht. Denn der Elektroantrieb ohne Gangwechsel und die gutmütigen Profilreifen von Michelin erlauben es auch Normalo-Autofahrern wie mir, diesen Renner einigermaßen flott zu bewegen. So flott jedenfalls, dass die Fliehkräfte in lang gezogenen Kurven an meinem Nacken zerren und ich auf der langen Geraden bis auf knapp 200 km/h beschleunige.
„Das Auto verzeiht viel und kündigt rechtzeitig an, wenn du es überm Limit bewegst“, hat mir mein Instruktor, Ex-Formel-E-Pilot André Lotterer, vorher eingetrichtert. „Versuch es einfach zu genießen!“ Das tue ich.
Aber zunächst zurück in die Box: Per Kippschalter aktiviere ich den Motor, linken Fuß auf die Bremse, Drehregler auf Mode 1 stellen. Langsam tippe ich aufs Gaspedal und rolle los. In meinem Blickfeld der Schutzbügel Halo, an dem ich erstaunlich gut vorbeischauen kann.
AUTO BILD MOTORSPORT-Reporterin Bianca Garloff im Rennoverall vor dem Porsche 99X Electric.
Bild: Porsche
Pit Limiter aus, Vollgas an. Normalerweise beschleunigt so ein Rennwagen in 2,8 Sekunden von 0 auf 100. Ganz so schnell bin ich nicht, aber auch mich drückt es in den Schalensitz, der eigentlich Porsche-Werksfahrer Pascal Wehrlein gehört. Schneller als gewünscht naht die erste Kurve. Rechtzeitig malträtiere ich mit dem linken Fuß die Bremse. Ohne ABS blockiert schnell mal ein Vorderrad, und mich schiebt es dann geradeaus. Fix die Bremse lösen, einlenken und doch noch rumrollen um die Kurve.
Von der Rekuperation bei der Verzögerung spüre ich nichts. Zum Glück auch nicht von den 800 Volt in meinem Heck.
Formel-E-Fahrer: Wie ein Löwe im Käfig
Ich werde mutiger, bremse später, drücke stärker aufs Gas. Allein: Wir haben Runde fünf von sieben, und ich merke langsam meine Unterarme und Hände. Grund: Der Rennwagen hat keine Servolenkung. Hier ist noch echte Arbeit am Lenkrad gefragt. Als ich mental also bereit bin für schnelle Rundenzeiten, bremst mich die Physis eines Nicht-Profis ein. Vor allem in engen Kurven, durch die ich das 900-Kilogramm-Geschoss regelrecht prügeln muss. Kein Wunder, dass ein Kollege später konstatiert: „Das ist der anstrengendste Tracktest, den ich je gemacht habe.“
Porsches ehemaliger Formel-E- Pilot André Lotterer stand als Coach zur Verfügung.
Bild: Porsche
Auch André Lotterer gibt zu bedenken: „Und jetzt stell dir das mal auf Stadtkursen vor – eine Stunde lang. Dazu mit permanent rutschenden Reifen – da fühlst du dich wie ein Löwe im Käfig.“
Ich mag mir das gar nicht ausmalen. Zumal die Formel-E-Rennwagen der dritten Generation über bis zu 476 PS verfügen. Solche Elektrobiester am Limit zu bewegen, im Duell und mit Blick auf das Energiemanagement, das braucht nicht nur echte Profis am Steuer, sondern fast schon Bodybuilder.