Gebrauchtwagen-Angebot: Ferrari 612 Scaglietti (2004)
Dieser Ferrari ist nichts für Zartbesaitete

Der Ferrari 612 Scaglietti war lange Zeit eines der unbeliebtesten Modelle aus Maranello. Doch langsam erkennen nicht nur Sammler die Vorzüge des V12-Gran Turismo!
Bild: AutoSL GmbH
Er war lange Zeit das hässliche Entlein im Ferrari-Portfolio – die Rede ist vom 612 Scaglietti. Während der Vorgänger 456 GT mittlerweile zum Klassiker gereift ist (erst kürzlich wurde Luca di Montezemolo, der ehemalige Verwaltungsratsvorsitzende von Ferrari, in einem 456 GT bei einer Filmpremiere in London vorgefahren), steckt das Image des 612 Scaglietti irgendwo zwischen "unästhetischer Bruder des 599 GTB" und "unbedeutender Youngtimer" fest. Zu Unrecht!
Denn die Zutaten des 612 Scaglietti stimmen: Elegantes Pininfarina-Design (was würden viele Ferrari-Fans für eine erneute Zusammenarbeit mit dem legendären Designhaus geben), ein 5,7-Liter-V12 (auf Wunsch mit Handschaltung) und dank der vier Sitzplätze sogar so etwas wie Alltagstauglichkeit – zumindest für einen Ferrari.
Der 612 Scaglietti hatte nur ein Problem: Anfang der 2000er-Jahre war das Ferrari-Portfolio mit 360 Modena, später F430, 599 GTB und Co so ansprechend, dass der viersitzige 612 bei den Kunden einfach hinten überfiel. 20 Jahre nach seinem Debüt beginnen jedoch nicht nur Sammler, die Vorzüge des eleganten 2+2-Sitzers zu erkennen. Der 4,90 Meter lange 612 ist nach dem Karosseriebauer Sergio Scaglietti benannt, der für viele frühe Ferrari-Modelle verantwortlich war, und punktet neben seinem hervorragend gealterten Design vor allem mit einem betörenden Antrieb. Unter der Aluhaube steckt ein 5,7 Liter großer V12-Sauger, der als Frontmittelmotor verbaut ist.

Der 5,7-Liter-V12 gilt als sehr zuverlässig, was im Übrigen auf das ganze Auto zutrifft – zumindest für einen Ferrari.
Bild: AutoSL GmbH
540 PS und 320 km/h Topspeed
Mit 540 PS und 589 Nm hat der 612 Scaglietti im Jahr 2004 die meisten Supersportwagen in Grund und Boden gefahren. 100 km/h liegen nach 4,2 Sekunden, 200 km/h nach nur 12,7 Sekunden an. Die Höchstgeschwindigkeit gab Ferrari seinerzeit mit 320 km/h an. Werte, die auch heute noch beeindrucken. Übrigens genauso wie das gigantische Tankvolumen von 108 Litern!
Im Jahr 2007 legte Ferrari anlässlich des 60. Firmenjubiläums das auf 60 Exemplare limitierte Sondermodell 612 Sessanta auf, das neben Mehrausstattung vor allem an der charakteristischen Zweifarblackierung zu erkennen war.
Auf den ersten Blick könnte man den vom Händler "AutoSL GmbH" aus Düsseldorf inserierten Ferrari 612 Scaglietti für eines dieser seltenen und wertvollen Sondermodelle halten. Doch die edle Bicolor-Lackierung mit der klangvollen Bezeichnung "Avorio over Blu Scozia" trügt, denn bei diesem Exemplar handelt es sich um einen normalen 612 Scaglietti. Wobei "normal" in Bezug auf Ferrari natürlich immer relativ ist.

Die mehrteiligen Felgen sind nicht original. Sie stammen von Tuner Novitec, passen aber hervorragend zum Look des 612 Scaglietti.
Bild: AutoSL GmbH
Das angebotene Exemplar stammt aus dem Präsentationsjahr 2004 und hat somit schon stolze 21 Jahre auf dem Buckel. In dieser Zeit wurde der 612 allerdings nur 57.850 Kilometer gefahren, was einer jährlichen Laufleistung von nicht mal 2800 Kilometern entspricht. Zudem verspricht der Händler, dass das Scheckheft dieses Scaglietti lückenlos bei Ferrari gestempelt wurde.
Orginalfarbe oder nachlackiert?
Die Zweifarblackierung ist zwar auffällig, aber dennoch edel. Gleiches gilt für den Innenraum allerdings nicht. Das gesamte Cockpit des Ferrari ist mit türkisem Leder ausgekleidet, sogar der Teppich passt farblich. Die einzige Auflockerung im Interieur sind in Wagenfarbe lackierte Teile am Armaturenbrett. Ein Look, der sicherlich nicht jedermanns Geschmack trifft, aber ziemlich sicher einzigartig ist. Es ist allerdings unklar, ob der 612 das Werk Maranello in dieser Farbkombination verlassen hat oder ob einer der Vorbesitzer ihn im Nachgang überarbeiten ließ.

Nichts für schwache Nerven: Der gesamte Innenraum ist mit türkisem Leder ausgekleidet. Speziell, aber sicherlich nicht jedermanns Geschmack.
Bild: AutoSL GmbH
Nicht serienmäßig sind die mehrteiligen Novitec-Felgen, die heutzutage jedoch unter zeitgenössischem Tuning verbucht werden können. Leider handelt es sich bei diesem Exemplar nicht um einen der gesuchten Handschalter, denn anders als den Nachfolger FF gab es den 612 Scaglietti wahlweise mit manuellem Getriebe mit offener Schaltkulisse oder mit der damals hochmodernen F1-Schaltung. Wobei angeblich nur 199 Autos mit offener Schaltkulisse ausgeliefert wurden.
Entsprechend gesucht und teuer sind 612 Handschalter heute, wobei das Angebot an gebrauchten 612 Scaglietti grundsätzlich überschaubar ist. Verglichen mit den meisten Modellen aus dieser Zeit ist der 612 Scaglietti preislich immer noch interessant – obwohl die Kurse zuletzt bereits angezogen haben. Die günstigsten Exemplare starten in Deutschland bei knapp unter 80.000 Euro. Angesichts des ehemaligen Basis-Neupreises von 268.300 Euro geht der 612 damit aber immer noch als Schnäppchen durch.
Preis leicht oberhalb des üblichen Marktwerts
Das hier gezeigte Exemplar aus Düsseldorf soll 118.890 Euro kosten und liegt damit leicht über dem aktuellen Marktpreis. Ernsthafte Interessenten könnten aufgrund der extrem auffälligen Farbkombination aber eine gute Verhandlungsgrundlage haben. Doch wie immer gilt: Nicht vom vermeintlich "günstigen" Preis locken lassen, denn der 612 Scaglietti ist eben nicht nur in Bezug auf Design und Antrieb ein echter Ferrari, sondern auch im Unterhalt. Auf der anderen Seite gilt: Viel günstiger wird es einen Frontmittelmotor-V12-Ferrari zukünftig nicht mehr geben, und der 612 Scaglietti wurde lange Zeit zu Unrecht als hässliches Entlein verkannt.
Fazit
Auch ich habe den Ferrari 612 Scaglietti lange Zeit verkannt, mittlerweile gefällt mir der große 2+2 mit dem famosen V12 aber richtig gut. Dieses Exemplar ist mit seiner Zweifarblackierung und dem grellen Innenraum zwar alles andere als elegant, doch genau das macht den Reiz aus. Einen zweiten 612 Scaglietti wie diesen werden Sie nicht finden.
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