Gebrauchtwagen-Test: Mercedes Marco Polo
Baut Mercedes den besseren Camper?

Der Mercedes Marco Polo wollte nie bloß ein VW-California-Konkurrent sein. Mit edlem Ambiente, Pkw-Komfort und cleverem Campingausbau setzte er eigene Akzente. Doch wie schlägt sich der Stern-Camper heute als Gebrauchter?
Bild: Daimler AG
Inhaltsverzeichnis
Eine echte Kampfansage war die komplett neu konstruierte Generation des Mercedes Marco Polo bei ihrem Stapellauf. Der 5,14 Meter lange Camper sollte von Anfang an mehr sein als ein schwäbischer California-Klon. Bereits bei seiner Vorstellung umwehte den kompakten Camper teils eine kräftige Business-Class-Note.
Für die 2015 eingeführte Generation des Marco Polo schnürte Mercedes zusammen mit Westfalia verschiedene ausgewogene Ausstattungslinien. Die Basis "Activity" wirkt recht robust, baut auf dem Vito auf. Die feineren Varianten nutzen die V-Klasse als Basis.
In Summe blieb die Baureihe ein stets kostspieliges, aber verführerisches Angebot für Reisemobilisten mit gehobenen Ansprüchen. Wer sich heute für einen gebrauchten Marco Polo aus der bis 2019 gebauten ersten Serie der Baureihe 447 interessiert, sucht kein rollendes Ferienhaus mit Stehhöhe und sperrigem Alkoven, sondern ein stilvolles Mini-Apartment, das souverän Stadtverkehr, Landpartie und Urlaubslangstrecke samt Campingeinsatz unter einen Hut bekommt. Doch wie schlägt sich solch ein Marco Polo mit ein paar Jahren auf dem Buckel und sechsstelligem Kilometerstand?
Das ist er: Charakteristisch ist die noble, zugleich unaufgeregte Art. In Wagenfarbe lackierte Stoßfänger, fette 19-Zoll-Leichtmetallräder und ein geschmackvolles Farbprogramm machen unseren Testwagen zu einer coolen Alternative zur Oberklasse-Limousine oder dem XL-SUV, was die oft recht geringe Camper-Nutzungsquote erklärt. Das Schlafhubdach bleibt eingeklappt tiefgaragentauglich, alles wirkt wie aus einem Guss.

Luftiger Fond im Loungestil als edles Sitz- und Wohnabteil.
Bild: AUTO BILD/Tom Salt
Erfreulich ist die solide Gesamtanmutung. Ein Eindruck, der sich auch nach knapp sieben Jahren bei unserem gut 127.000 Kilometer gelaufenen Gebrauchten bestätigt. Rost ist, im Gegensatz zu den mäßig konservierten Vorgängern, eher selten und bei ungepflegten oder zuvor beschädigten Fahrzeugen ein Thema. Die Stärke des Marco Polo ist und bleibt sein Ambiente. Er ist edel wie eine Lounge, in manchem Detail dekadent. Robuste Oberflächen, aufwendige umlaufende Metallgriffkanten, eine Ambientebeleuchtung sowie eine Küchenzeile in Klavierlackoptik heben ihn deutlich vom rustikalen Charme ausgebauter Kleintransporter ab.
Technische Daten
V 200 d | V 250 d | V 250 d 4Matic | |
|---|---|---|---|
Motor | Vierzylinder/vorn längs | Vierzylinder/vorn längs | Vierzylinder/vorn längs |
Ventile/Nockenwellen | 4 pro Zylinder/2 | 4 pro Zylinder/2 | 4 pro Zylinder/2 |
Hubraum | 2143 cm³ | 2143 cm³ | 2143 cm³ |
Leistung | 100 kW (136 PS) bei 3800/min | 140 kW (190 PS) bei 3800/min | 140 kW (190 PS) bei 3800/min |
Drehmoment | 330 Nm bei 1200/min | 440 Nm bei 1400/min | 440 Nm bei 1400/min |
Höchstgeschwindigkeit | 182 km/h | 200 km/h | 199 km/h |
0-100 km/h | 15,5 s | 10,9 s | 11,9 s |
Tank/Kraftstoff | 57 l/Diesel | 57 l/Diesel | 70 l/Diesel |
Getriebe/Antrieb | Sechsgang man./Hinterrad | Siebenstufenautomatik/Hinterrad | Siebenstufenautomatik/Allrad |
Länge/Breite/Höhe | 5140/1928/1980 mm | 5140/1928/1980 mm | 5140/1928/1980 mm |
Kofferraumvolumen | ab 670 l | ab 670 l | ab 670 l |
Leergewicht/Zuladung | 2385/715 kg | 2440/660 kg | 2490/610 kg |
Anhängelast (gebremst/ungebremst) | 2000, 2500/750 kg | 2000, 2500/750 kg | 2000, 2500/750 kg |
Das hat er: Der Kern des Marco-Polo-Konzepts ist der variable Innenraum, der auf Paare und maximal vierköpfige Familien zugeschnitten ist. An Bord ist ein Küchenblock mit einem zweiflammigen Gaskochfeld, 40-Liter-Kompressorkühlfach sowie Spüle mit Frisch- und Abwassertank (38 und 40 Liter). Dazu gibt es Stauräume in diversen Seiten und Unterschränken sowie Schubladen. Alle Einbauten klappern selbst auf welligen, geflickten Nebenstraßen wenig, Mercedes und Westfalia haben solide Arbeit geleistet.

Der Zustand der elektrisch absenkbaren Rückbank ist stark abhängig von der Vornutzung.
Bild: AUTO BILD/Tom Salt
Geschlafen wird auf zwei Ebenen: Die serienmäßige Schlaffunktion umfasst eine schienengeführte zweigeteilte Rückbank mit langsamen, aber elektrisch absenkbaren Lehnen für eine 1,93 x 1,13 Meter große Liegewiese sowie ein Schlafdach mit 2,05 x 1,13 Meter großer Liegefläche auf Tellerfedern. Das ergibt zwei vollwertige Schlafplätze für Erwachsene und zwei weitere Plätze für zwei Kinder oder Jugendliche.
Goodies wie Standheizung, Ambientebeleuchtung, Steckdosen und USB-Ports, Strom und Duschanschluss außen sowie ein schienengelagerter Tisch komplettieren je nach Konfiguration das alltagstaugliche Büro- und Reisemobilkonzept.
So fährt er: Geschmeidig. Was den Marco Polo endgültig vom reinen Campingbus zum vollwertigen Reisemobil mit Pkw-Gefühl erhebt, ist sein Fahrverhalten. Passend ist der 2,1 Liter große Vierzylinder-Common-Rail-Diesel. Er läuft kultiviert und durchzugsstark, wirkt auch unter Last wenig angestrengt und erfüllt die Abgasnorm Euro 6. Die Automatik sorgt, wenn ihr Öl nicht verschlissen ist, für sanfte Schaltvorgänge und harmoniert mit dem bulligen Drehmomentverlauf des Diesels.
Wer einen jüngeren Marco Polo (ab 2019) findet, trifft häufig auf den neueren OM 654. Der modernere Diesel läuft kultivierter und genügt auch auf langen Etappen hohen Ansprüchen an Effizienz und Reisekomfort. Die Kehrseite ist ein deutlich höherer technischer Aufwand rund um die Abgasreinigung. Ärger entsteht daher eher im Umfeld von Sensorik und Emissionskontrolle als am Motor selbst. Unter dem Strich zählt der OM 654 dennoch zu den empfehlenswerten Antrieben der Baureihe.

Mit optionalem Sportfahrwerk und Breitreifen gibt der Marco Polo eine erstaunlich agile Vorstellung ab.
Bild: AUTO BILD/Tom Salt
Wer viel auf Langstrecken unterwegs ist, schätzt die ordentliche Dämmung und das moderne LED-Licht. Der Marco Polo fährt sich wie ein großer Van, taugt auch als Zugfahrzeug für größere Pferdeanhänger und Caravans. Allerdings ist die Bodenfreiheit eingeschränkt. Seitenwind kann bauartbedingt spürbar sein, Mercedes bot einen Seitenwind-Assistenten. Der Dieselverbrauch liegt je nach Fahrweise zwischen sieben und zehn Litern auf 100 Kilometer.
Gefällt uns
- Durchdachtes Innenraumkonzept
- Fahrkomfort sehr hoch
- Optionaler Allrad
Gefällt uns nicht
- Teils Aufstelldachprobleme
- Hohes Preisniveau
- Komplexe Elektronik
Das macht Ärger: Mercedes bot zwei Jahre Neuwagengarantie und 30 Jahre Durchrostungsschutzgarantie. Der OM-651-Diesel zeigt bei hohen Laufleistungen teils Injektorprobleme und verkokte AGR-Ventile. Die Steuerkette ist ab 200.000 Kilometern teils gelängt, viel Kurzstrecke setzt dem Diesel-Partikelfilter zu. Lager des Fahrwerks können bei höheren Laufleistungen besonders an der Hinterachse verschlissen sein. Schlecht laminierte Hubdächer (Blasenbildung) und undichte Glasdächer über dem Fahrerhaus machten in der Vergangenheit häufiger Ärger. Es gab einen KBA-Rückruf wegen Problemen mit der Zusatzbatterie.
Bei beiden Dieselmotoren (OM651 und OM655) können im Alter Probleme mit der AdBlue-Abgasnachbehandlung auftreten. Zu den bekannten Fehlerquellen zählen NOx-Sensoren (teuer!), AdBlue-Dosierung und Komponenten des SCR-Systems. Entsprechende Warnmeldungen im Kombiinstrument sollten ernst genommen werden, da sie im Extremfall einen Liegenbleiber verursachen können.
Das kostet er: Wer einen Marco Polo sucht, sollte genau hinschauen: Die günstigsten Angebote um 35.000 bis 40.000 Euro betreffen meist Activity- oder Horizon-Varianten mit Aufstelldach, aber ohne die komplette Camping-Einrichtung. Für einen Marco Polo mit Küche, Schränken und vollwertigem Camper-Ausbau werden in der Regel mehr als 40.000 Euro fällig. Attraktive Fahrzeuge mit starker Motorisierung, Allradantrieb oder überschaubarer Laufleistung kosten oftmals deutlich mehr. Für maximal drei Jahre alte Marco Polo mit maximal 50.000 km Laufleistung werden schon mindestens 60.000 Euro fällig.
Günstig war der Marco Polo nie – und billig wird er wohl auch nicht mehr. Die Baureihe zählt zu den wertstabilsten Vertretern ihrer Klasse, weshalb selbst ältere Fahrzeuge mit hohen Laufleistungen noch erstaunlich hohe Preise erzielen. Für Käufer ist das Fluch und Segen zugleich: Der Einstieg bleibt teuer, der weitere Wertverlust dürfte sich jedoch in Grenzen halten.
Unterhaltskosten
Testverbrauch | 8,0 l D/100 km |
|---|---|
CO2 gem. NEFZ-Zyklus | 184 g/km |
Inspektion | 400-1100 Euro |
Haftpflicht* | 477 Euro |
Teilkasko* | 998 Euro |
Vollkasko* | 2296 Euro |
Kfz-Steuer (Euro 6) | 220 Euro |
Ersatzteilpreise*
Lichtmaschine (AT) | 1374 Euro |
|---|---|
Anlasser (AT) | 1020 Euro |
Wasserpumpe | 679 Euro |
Zahnriemen | entf., Steuerkette |
Nachschalldämpfer | 499 Euro |
Kotflügel vorn links, lackiert | 1310 Euro |
Bremsscheiben und -klötze v. | ab 595 Euro |
Infotainmentbildschirm | ab 875 Euro |
4 Sommerreifen (Dimension 245/45 R 19 Y) | 1200 Euro |
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