Nehmen wir doch einmal an, Sie wären routinierter Sportfahrer, hätten Hunderte Nordschleifenrunden auf der Sohle, einen 911 GT3 der ersten Serie zu Hause und würden Ihr neuestes Fahrwerks-Set-up gerade beim freien Fahren in Hockenheim auf Scherz und Gieren prüfen. Die Bremspunkte sitzen, die Linie passt, zum Scheitel powern Sie immer entschlossener heraus, als sich im Rückspiegel plötzlich ein "Kollege" heranarbeitet. Kein Porsche-Kumpel, der auf neuerem Material unterwegs ist; kein Ferrari Schnösel, der mit Boxen-Crew und Co seine Bestzeiten setzt; und auch keine dieser Über-Vetten, die ohnehin alles plätten, was nicht gerade KTM X-Bow R heißt. Nein, es ist ein schnöder Golf, der seinen Grinse-Grill immer tiefer unter Ihren Heckspoiler schiebt. Der auf der Geraden in Ihren Windschatten schlüpft und Sie ausgerechnet auf der Bremse, der Paradedisziplin eines jeden Porsche, dann tatsächlich knackt, ehe er Ihnen im Anschluss rotzfrech davontrötet.

So kompakt die Hülle, so hoch das Potenzial

Reine Phantasie? Liebe GT3ler: Leider nein! Denn Kompakte wie Golf R, BMW M235i und Mercedes A 45 AMG bieten nicht nur hohen Unterhaltungswert im Serientrimm, sondern vor allem mehr Tuning-Potenzial als jede andere Fahrzeugklasse. Bis zu vier Rundstrecken-Sekunden lassen sich an ihnen herausschrauben – das behaupten zumindest AC Schnitzer, GAD Motors und Oettinger Sportsystems. Also Vorhang auf für einen Vergleich der ganz schnellen Krümel!
Oettinger Golf R 400hp
Auf der gezeiteten Runde vertrauen Oettinger und Schnitzer dem extrem griffigen Dunlop Direzza 03G.
Bild: Lena Barthelmess / AUTO BILD
Oettinger Golf R 400hp Es hat seinen Grund, weshalb wir im Einstiegs-Szenario ausgerechnet den Golf von Oettinger gewählt haben. Schließlich hat er bereits hinlänglich bewiesen, dass er die Großen ärgern kann: Mit grandiosen Bremsen, klebrigen Direzzas, einem nicht mehr ganz so harten Fahrwerk und der großen Leistungsstufe, die mit geändertem Lader, größerer Downpipe und neuer Elektronik 400 PS und 500 Newtonmeter aus dem Zweiliter quetscht.
AC Schnitzer ACS2 Sport
Schicke 19-Zöller und Motorhauben-Abdeckung fürs Foto, 18-zöllige Direzzas und 380 PS fürs Zeiten.
Bild: Lena Barthelmess / AUTO BILD
AC Schnitzer ACS2 Sport Ganz ähnlich sieht es mit der Schnitzer-Anlage aus, die das herbdunkle Singen der langen Reihe mitndruckvollen, bassigen Zwischentönen anfettet und ihre Klanggewalt dabei so unverhohlen laut demonstriert, dass selbst Oettinger nur die Zweitstimme bleibt. Grenzlegal ist das Edelstahlgeflecht jedoch nicht; einzig der vorgeschaltete 200-Zellen-Kat, der einen nicht ganz unerheblichen Teil zur kraftvollen James-Hetfield-Akustik beiträgt, wird hierzulande keinen Weg in die Papiere finden. Macht nichts, schließlich drückt Schnitzer auch ohne Sportkat 380 PS und 538 Nm aus dem Reihensechser heraus, was ziemlich genau jenen Werten entspricht, die ein kommender M2 ab Werk leisten könnte.
GAD A 45 AMG
Als Einziger im Vergleich tunt GAD direkt im Motorsteuergerät.
Bild: Lena Barthelmess / AUTO BILD
GAD A 45 AMG Der A 45 AMG von GAD Motors wirkt vom Datenblatt her deutlich konservativer; und das, obwohl er mit seiner grellgrünen Folierung, der „Edition 1“-seitigen Komplettverspoilerung und dem fahrwerksseitigen Tiefgang um rund 40 Millimeter keineswegs Gefahr läuft, neben Schnitzer und Oettinger als Mauerblümchen zu versanden. Dennoch: GAD modifiziert zurückhaltender als die Konkurrenz; einerseits, um den ohnehin deftigen Basispreis eines A 45 AMG nicht bis über die Schmerzgrenze hinaus zu strapazieren; andererseits aber auch, weil der Mercedes im Gegensatz zu M235i und Golf R längst nicht so viel Spielraum fürs große Handwerk lässt. Sein Motor drückt bereits serienmäßig 181 PS pro Liter. Das Performance-Fahrwerk ist härter als manch nachträgliche Clubsport-Lösung. Und soundtechnisch herrscht ob der freizügig ballernden, metallisch röchelnden und zum Gangwechsel lasziv rotzenden Abgasanlage ohnehin kein Handlungsbedarf mehr.

Fazit

von Manuel Iglisch
Gemessen an der jeweiligen Basis hatte Oettinger den weitesten, Schnitzer den anspruchsvollsten und GAD schlicht den schwersten Weg. Der A 45 AMG bleibt ein zwiespältiger Tuning-Patient, aus dem GAD mit gezielten Maßnahmen zwar das Möglichste herausholt, aber ohne am Ende so ganz die Performance der beiden anderen zu erreichen. Gerade der Oettinger-Golf erstaunt einmal mehr. Nicht nur, weil er fast fünf Sekunden schneller ist als die Serie, sondern weil er dabei fast so fahrbar bleibt wie selbige. Am Ende führt dennoch kein Weg am ACS2 Sport von Schnitzer vorbei, der mit seinem herausragenden Handling nicht nur die Vergleichs-Gegner und alle bislang getunten M235i, sondern auch den serienmäßigen BMW M4 plättet – schräger geht‘s kaum!