Ausgerechnet der  Hummer H3 in der Faszinations-Rubrik? War der nicht untermotorisiert? Das gilt tatsächlich für die meisten Exemplare des 2005 bis 2010 gebauten H3, denn sie kamen mit dem 3,7-Liter-Fünfzylinder zu uns – eine Übernahme aus dem Midsize-Pick-up Chevrolet Colorado, wie die restliche Technik auch. Leiterrahmen und Blattfeder-Starrachse hinten inklusive.
Allerdings wiegt der im Heimatland bei Handwerkern beliebte Colorado, meist schlicht ausgestattet, nicht übermäßig viel. Für ihn ist der 223-PS-Fünfzylinder eine angemessene Motorisierung. Im 430 Kilogramm schwereren H3 aber hat er zu kämpfen und säuft, wenn man ihn nicht amerikanisch fährt.
Hummer H3 Alpha
Seltene Motorisierung im H3, da sie nur zwei Jahre lang angeboten wurde: der 5,3-Liter-V8 mit lässig dargereichten 305 PS.

Die Kritik sehr wohl vernehmend, schiebt die zum GM-Imperium zählende Marke im Jahr 2008 den H3 Alpha nach, mit 305 PS starkem 5,3-Liter-V8, bewährt in diversen Konzernmodellen. Wundersamerweise verbraucht er kaum mehr als der weit schwächere Fünfzylinder. Leider ist er 12.000 Euro teurer als der 3,7-Liter; bei uns kostet er 2008 ab 48.990 Euro.
Nach nur zwei Jahren stellt GM die gesamte Marke ein; auch die H3-Fertigung in Louisiana schließt die Tore – Opfer der Bankenkrise, die den Absatz solcher Spaßautos zusammenbrechen lässt. Und jetzt stehen wir vor einem 2009er Exemplar, stellenweise mit dem unvermeidlichen pickeligen Chrom, aber insgesamt prima erhalten. Wir nehmen Platz auf noch immer festem Ledergestühl ohne Risse.
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Kultivierter V8 säuselt vor sich hin

Einem Dreh am klassischen Zündschlüssel folgt ein kurzes Begrüßungsschnauben, danach säuselt der V8 kultiviert vor sich hin. Den klopsartig dicken Fahrstufenwählhebel der Vierstufen-Wandlerautomatik auf D geschoben, und der stattliche Geländewagen setzt sich mit der erwarteten Mischung aus Mühelosigkeit und Gelassenheit in Bewegung.
Das ist exakt die Sorte Souveränität, die US-Car-Fans so mögen. Sound bietet er mit dem Serienauspuff nicht, aber da gibt es reichlich Wohlklingendes von den üblichen Verdächtigen (Magnaflow, Borla, Flowmaster und weitere Anbieter halb legalen Klangdopings).
Hummer H3 Alpha
Eine verschränkungsfreudige Hinterachse erinnert an Land-Rover-Klassiker.

Der kleine Hummer ist natürlich nicht wirklich klein: Der eher europäischen Länge von 4,78 Metern stehen 1,99 Meter Breite gegenüber. Die Übersicht nach rechts vorn ist ebenfalls ein Risiko für Nachbars Pudel, aber weit erträglicher als beim Geldtransporter-ähnlichen großen Bruder H2 (Breite 2,06 Meter, ohne Spiegel). Auch Fondpassagiere sehen mehr als im H2, sind die Seitenscheiben doch nicht ganz so winzig und nicht ganz so tief angebracht.

Stolze Preise für Ersatzteile

Wie kommt man auf solch ein in unseren Breiten exotisches Fahrzeug? "Ich wollte ursprünglich einen H2", sagt Eigner Emre Aksoy (26), Maschinenbautechniker aus Ahrensburg bei Hamburg. "Mir gefällt das unmissverständlich Männliche seiner Form. Aber angesichts der Breite des H2 von deutlich über zwei Metern kamen mir doch Zweifel an seiner Alltagstauglichkeit."
Die Preise für Hummer-spezifische Ersatzteile sind kein Sonderangebot, musste der US-Car-Fan erfahren. Antriebsteile aber sind Standard-Regalware, mit denen jeder US-Teileversender dienen kann, alles bürgerlich gepreist. "Die Tankrechnungen tun schon ein bisschen weh, gerade in jüngster Zeit."
Hummer H3 Alpha
Gut erhaltenes Leder, aber unser Foto-Exemplar ist nur 86.000 km gelaufen. Typisch H3: Alu-Look-Einlagen und Fahrstufen-Wählklops.

Die Technik ist weniger komplex als die des (luftgefederten) großen H2, die Bedienung denkbar einfach: Die SUV-übliche Allradkupplung lässt sich hier über eine Taste im Cockpit sperren. Über eine weitere Taste in der Mittelkonsole lässt sich die Geländeuntersetzung elektrisch einlegen; ein mechanisches "Klonk!" von unten sorgt dann für Erheiterung.

Respektables Geländetalent

Diese Untersetzung hat es in sich: 4,03:1 – das ist richtig kurz, auf Wrangler-Rubicon-Niveau und befähigt zum Felsenklettern. Mit den aufgezogenen BF Goodrich All-Terrain kraxelt er Steilhänge langsam, aber verlässlich hoch.
Die angegebene Steigfähigkeit liegt bei 60 Prozent. Und erst diese Hinterachse: Die Starrachse ist so beweglich, dass sie in voller Verschränkung aussieht, als sei sie gebrochen – ein Fahrwerk, das auch stark gewellten Untergründen folgen kann, ohne die Schlupfregelung bemühen zu müssen. Im Zusammenwirken mit guten Böschungswinkeln und zumindest durchschnittlichen 215 Millimeter Bodenfreiheit ergibt das ein respektables Geländetalent. Weitere Vorteile gegenüber den großen Brüdern: die halbwegs präzise Lenkung und der unerwartet kleine Wendekreis.
Hummer H3 Alpha
Der H3 ist nicht handlich im europäischen Sinne, aber mit halbwegs präziser Lenkung.

Klassische Schwachpunkte des H3 sind der mäßige Rostschutz (an diesem Exemplar nachgebessert), wirre Elektronikausfälle (an diesem Exemplar nicht zu beobachten) und die erwähnten Chrompickel – die kennen wir auch vom H2, offenbar stammen die Teile vom gleichen Zulieferer. Nicht vergessen: Keines dieser Autos ist heute weniger als zwölf Jahre alt.
Seinerzeit haben wir am Standard-H3 die langen Bremswege und die etwas grobmotorisch agierende Schlupfregelung kritisiert. Das gilt auch für den Alpha, aber mit dem V8 ergibt der "Kleine" das harmonischste Auto der Marke.
Ja, der Understatement-Hummer ist der beste.

Technische Daten und Preis: Hummer H3 Alpha 5.3 V8 (2009)

Motor: V8-Zyl., Benziner, v. längs
Hubraum: 5327 cm3
Leistung: bei 1/min 224 kW (305 PS) bei 5200/min
Drehm.: bei 1/min 434 Nm bei 4000/min
Radaufh.: v. Einzelrad mit Schraubenfedern; h. Starrachse an Blattfedern
Reifengröße: 265/75 R 16
Getriebe: Vierstufen-Wandleraut. mit Unters.
Allrad/Kraftvert.: semiperm. üb. el. ger. Mehrscheibenkuppl., man. sperrbar/v:h 0:100-50:50
L/B/H: 4782/1989/1872 mm
Radst./Wendekreis: 2841 mm/links 12,1 m, rechts 11,4 m
Geländewerte: Böschungsw. 38° v., 35° h., Rampenw. 24°, Bodenfr. 215 mm
Ladevol.: 500-1577 l
Leergewicht/Zuladung: 2330/392 kg
Anhängelast: gebr./ungebr. 2448/750 kg
0–100 km/h: 8,2 s
Spitze: 158 km/h
Normverbr.: 14,5 l S/100 km
Tankinhalt: 87 l
Preis (2009): 48.990 Euro

Die Geschichte der Marke Hummer

Die TV-Dauerpräsenz des Militärautos HMMWV (genannt Humvee oder Hummer, 1983-2010) zur Zeit des Irak-Kriegs führte 1992 zur Zivilversion Hummer H1: Einzelradaufhängung, Permanentallrad, Torsen-Achssperren, 2,19 m breit, kaum leiser als die Militärversion, sechsstellige Preise. GM kaufte Hummer 1998 und brachte 2002 den rein zivilen H2: einen Chevrolet Silverado mit Kombikarosserie und Luftfederung, 2,06 m breit.
Hummer H3 Alpha
Ziviler H1 (1992-02): hier ein 5.7 V8 von 1996.

Der kleinere H3 kam 2005 als Kombiversion des Pick-ups Colorado – leider 430 kg schwerer und mit dem 3,7-Liter-Fünfzylinder untermotorisiert. Den H3 Alpha mit 5,3-Liter-V8 auf diesen Seiten schob GM 2008 nach; 2010 war im Gefolge der Bankenkrise zunächst Schluss, bis GM die Marke 2021 mit dem bis zu 1000 PS starken Elektro-Hummer EV wiederbelebte.

Von

Rolf Klein