Unsere Dauertest-Beziehung zum Hyundai Tucson war zu kurz. Zum einen wurde der Wagen für seine Langstreckenqualitäten von allen Kollegen geschätzt und hätte deshalb gern länger bleiben dürfen; zum anderen hat er sich auf der 100.000-Kilometer-Distanz einfach nichts Kritisches zuschulden kommen lassen, sodass unser Fazit ziemlich positiv ausfällt. Aber der Reihe nach. Zum Dauertestauftakt am 28. Juni 2016 ist "unser" Tucson gerade sechs Wochen alt und hat 2893 Kilometer auf der Uhr. Und neben dem stärksten Motor – 2.0 CRDi 4WD mit 185 PS – auch ausstattungsseitig fast alles an Bord, was die Vorfacelift-Preisliste des koreanischen Kompakt-SUV damals zu bieten hat: Sechsstufen- Automatik (2050 Euro), Sicherheitspaket (1100 Euro), Lederpaket (1600 Euro) sowie Mineraleffektlackierung in Ultimate Red (590 Euro.) Das klingt zunächst gar nicht so üppig, allerdings liegt diesem optionalen Aufbau die Topausstattung Premium zugrunde. So addiert sich der Testwagenpreis zum Startzeitpunkt auf 43.540 Euro. Ohne das Fazit vorwegzunehmen: Preis und Gegenwert stehen hier in einem sehr guten Verhältnis zueinander.

Kommentare zur Automatik reißen nicht ab

Hyundai Tucson 2.0 CRDi 4WD
Der Zweiliter-Diesel ist kräftig, aber etwas durstig. Leider versandet einiges seiner Kraft im Wandler der Automatik.
Seine erste echte Bewährungsprobe besteht der Tucson im August 2016. Für unsere große Kaufberatung stellt er sich den anderen Varianten der Modellpalette im direkten Vergleich. Und da fällt vor allem auf, dass schon die 136-PS-Version des Zweiliter-Diesels kaum weniger ambitioniert zur Sache geht, sich der Kraftfluss mit dem Sechsgang-Handschaltgetriebe zudem besser dirigieren lässt. Dafür bietet unser Dauertester die größeren Reserven, und der Wandler bestärkt die Komfortzone. Ein Sportler ist unser Tucson gewiss nicht, also alles auf Entspannung. Auf die Automatik bezieht sich auch einer der ersten Einträge im Dauertesttagebuch: "Merkwürdiges Runterschalten, oberhalb von 2000 Touren geht es nicht ohne Ruck" – hier soll die Motorbremswirkung mitgenutzt werden. An sich eine nette Idee, in der Umsetzung aber wenig geschmeidig. Kommentare zu diesem Thema ziehen sich durchs ganze Fahrtenbuch.
Gebrauchtwagensuche: Hyundai Tucson
Und beim Resümieren stellen wir fest: Das ist denn auch der größte Kritikpunkt über die 100.000 Kilometer. Daneben sorgt die Lichtanlage für Negativeinträge. Die funktioniert an sich tadellos, aber die Mischtechnik aus sehr gutem LED-Abblendlicht und trübem Halogen-Fernlicht erntet wiederholt Kopfschütteln. Seit dem Facelift im Sommer 2018 stehen nun auch Voll-LED-Scheinwerfer für 900 Euro in der Preisliste – eine klare Kaufempfehlung.
Mehr zum Thema: Die Dauertest-Rangliste mit allen Testergebnissen

Der Tucson beweist sich als Held des Alltags

Der kann überzeugen
Auch im Hängerbetrieb meisterte der Tucson problemlos lange Strecken, bergauf wie bergab.
Aber zurück zu unserem "Alten". Für die Kollegen der AUTO BILD ALLRAD ist es unverständlich, warum das kräftige Kerlchen in Verbindung mit der Wandlerautomatik maximal 1,9 Tonnen an den Haken nehmen darf, als Handschalter hingegen 2,2 Tonnen. Eine Erklärung seitens Hyundais gibt es dafür nicht, und auch für das überarbeitete Modell gilt die Reduzierung. Hierbei ist es aber nötig, das ESP abzuschalten und hart auf dem Gas zu bleiben, weil die Lamellenkupplung des Semipermanent-Allrads in dieser Extremsituation nur wenig Moment an die Hinterräder durchlässt. Ansonsten gibt's im Winterbetrieb wenig zu meckern: fünf Sekunden Vorglühzeit bei minus 23 Grad, zum Warmwerden braucht er dann recht lange, und bei einstelligen Temperaturen ist das Dieselnageln vernehmlich.Alle weiteren Kritiken lassen sich als Bagatelle abtun: Den einen Kollegen nervt die Denkpause zwischen dem Drücken des Startknopfs und der Aktivierung des Anlassers; ein anderer mokiert sich nach (sehr) langer Regenfahrt über das Ticken des Heckwischerrelais; und der lahme Motor der elektrischen Heckklappe ärgert den ein oder anderen Kollegen, der mal kurz an den Kofferraum will. Außerdem gesellen sich in der zweiten Nutzungshalbzeit gelegentliche Schnarr- und Zirpgeräusche zum Portfolio der Auffälligkeiten.

Auch als Reiseauto voll tauglich

Ist Ihnen bis hierher etwas aufgefallen? Niemand meckert über die Reisetauglichkeit des Tucson. Weil es nix zu meckern gibt: Der Wagen bietet vier Erwachsenen – 1,86 Meter und größer – auch auf langen Strecken genügend Komfort und Raum. Dazu trägt das Fahrwerk mit seiner gemütlichen Auslegung bei, trotzdem ist der Tucson auf kurvigen Landstraßen kein Fahrspaßverweigerer. Einzig um die teils grob kommunizierenden 19-Zöller würden wir künftig einen Bogen machen. Insgesamt bringt es ein Kollege mit den Worten "ein angenehmes Reiseauto" ganz schlicht auf den Punkt. Um Kilometerstand 65.000 verliert der Tucson dann sukzessive seine Spurtreue, wird spürbar empfänglich für Spurrinnen, und das Lenkrad wird unruhig. Ein untrügliches Indiz, dass die Niederquerschnittsreifen ihr Verschleißlimit erreicht haben. Der Wechsel auf Winterreifen schafft Abhilfe, einen neuen Satz Sommerreifen gibt's im folgenden Frühjahr. Die 28 Monate in Redaktionsdiensten sah man dem Tucson kaum an. Die Kofferraumteppiche zeigten Fusselbildung, und in der Perforation der Ledersitze hatten sich Krümel dauerhaft eingenistet. Aber das ist Meckern auf ganz hohem Niveau.

Bildergalerie

Hyundai Tucson 2.0 CRDi 4WD im Dauertest
Hyundai Tucson 2.0 CRDi 4WD im Dauertest
Hyundai Tucson 2.0 CRDi 4WD im Dauertest
Kamera
Hyundai Tucson 2.0 CRDi 4WD im Dauertest

Fazit

von

Attila Langhammer
Wir hatten schon attraktivere und sportlichere Dauertester; aber selten einen derart stoisch guten Praktiker wie den Tucson. Und auch jetzt noch erinnern wir uns gern an den treuen Begleiter. Auf allen Wegen.

Von

Attila Langhammer