Es gibt wenige Dinge im Leben, die mir weniger Spaß machen als Urlaubsplanung. Sehr zum Verdruss meiner Frau. Also begannen wir irgendwann im Frühjahr doch mit der Ideensammlung. Wir bestellten Reiseführer der Wallonie (Belgien). Erkundigten uns nach Camping in Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch (Wales). Fragten den kroatischen Kollegen Pukšec nach Kroatien aus. Und fuhren: nach Frankreich.
Entschieden haben wir das wenige Tage vor Abfahrt. Was für uns sehr früh ist. Vor ein paar Jahren hatten wir mal eine Schwedenfähre gebucht, allerdings war dann für Skandinavien Regen angesagt. Kurz vor Kassel rief die Fährgesellschaft an und fragte, wo wir blieben. Wir sagten, wir seien lieber Richtung Italien gefahren, dort scheine die Sonne, man könne ablegen. Diesmal also Frankreich statt Belgien/Großbritannien/Kroatien.
Sonntags wollten wir los, samstags besorgte meine Frau noch schnell einen Reiseführer für den Nordosten Frankreichs. Dass wir in Südfrankreich landen würden, konnte ja keiner ahnen. Im Grunde mögen wir vieles am Reisemobilreisen nicht. Meine Frau die Chemieklobenutzung. (Das sind die besten Stellplätze für Reisemobile in Frankreich)
Erster Stopp: Gratis-Stellplatz neben dem Gasthaus Laubenheimer Höhe mit perfekter Aussicht!
Bild: Holger Karkheck

Ich das Chemiekloentleeren (wir haben da eine klare Aufgabenverteilung). Und wir beide: Campingplätze mit Parzellen in Gefängniszellengröße (wie damals am Iseo-See in Italien, wir hätten doch nach Schweden fahren sollen).
Warum wir trotzdem immer wieder so Urlaub machen? Weil eines alles aufwiegt: die Freiheit. Die Freiheit, jederzeit selbst entscheiden zu können, wohin die Reise geht. Noch ’ne Nacht bleiben? Nö, hat geregnet. Oder: Ja, der Sohn hat gestern einen Kumpel kennengelernt und sich für heute wieder mit ihm im Pool verabredet.

Spontaner Stopp in Mainz

Auf der Hinfahrt nach Irgendwo stoppten wir abends spontan bei Mainz. Wir aßen Maultaschen, und als der Sohn (6) maulig wurde, schickten wir ihn raus auf den Spielplatz mitten in den Weinbergen. Er galoppierte auf einem Plüschpony in den Sonnenuntergang und schwang ein imaginäres Lasso. Mal ehrlich: Was ist eine Weinkönigin gegen den rheinland-pfälzischen Lucky Luke?
Auf der kostenlosen Stellplatzwiese des Restaurants stand ein schwarzer Kastenwagen neben uns. Links der Kloklappe klebte ein Bibelzitat: "So kam ich zu dem Schluss, dass es für den Menschen nichts Besseres gibt, als fröhlich zu sein und das Leben zu genießen." Ich sagte zu meiner Frau: "Siehste!" Sie sagte: "Apropos Kloklappe: Wo entleeren wir eigentlich hier das Chemieklo?"
Durch Metz (120.000 Einwohner) fließt die Mosel, die hier Moselle heißt.
Bild: Holger Karkheck

Wir fuhren nach Metz, parkten direkt neben der deutschen Garnisonskirche, die nach der Annexion der Stadt nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) erbaut worden war – für die protestantischen Preußen im katholischen Exil.
Der Sohn fragte, was eine Annexion sei. Wir sagten: "Das ist kompliziert." Und begannen erst mal mit der jüngeren Besatzungsgeschichte: "Wer hat den Zweiten Weltkrieg angefangen?" Sohn: "Putin?" Vater: "Nee, der andere." Sohn: "Olaf Scholz?" Vater: "Nee, der mit dem Bart!" Sohn: "Adolf Hitler!" Na bitte, geht doch.
In der Senfstadt Dijon probierten wir verschiedene Sorten … Eis, weil es so heiß war. Nachts begann der Regen. Morgens hielt der Sohn einen Wasserbecher aus dem Seitenfenster des Joa und wartete, bis er voll war. Das ging schnell. Auf den Sitzflächen der Campingstühle standen Pfützen. Wir fuhren weiter.

Bildergalerie

Kamera
Mit dem Reisemobil nach Frankreich

Auf Google Maps und in der Stellplatz-App Park4Night guckten wir nach schönen Übernachtungsmöglichkeiten. Es war ein bisschen wie Camping-Lotto. Und wir hatten viele Richtige.
Hätten wir bei längerer Planung das Dörfchen Goncourt mit seinem kostenlosen Gemeindestellplatz direkt an der Maas kennengelernt? Oder das Dörfchen Arc-en-Barrois, siehe rechts? Wohl kaum.
In Beaune im Burgund überraschten uns zwei Dinge. Erstens ein Gewitter. Zweitens die Gattin/Mutter, als sie zum Essen sechs Weinbergschnecken bestellte. "Igitt", sagte der Sohn. "Igitt", sagte der Vater.
Jeder kennt Paris. Aber waren Sie mal in Arc-en-Barrois?
Bild: Holger Karkheck

Igitt sagten alle zum Wetter. Am nächsten Morgen lernten wir auf unserem Parkplatz einen britischen Anwalt kennen, der für
eine Investmentfirma arbeitet. Er wohnt seit der Pandemie in seinem selbst ausgebauten blauen Iveco-Kastenwagen und tingelt durch Europa. Hinten drin diverse Fahrräder und Snowboards. Vorn das Büro, also sein Laptop. Ich sagte zu meiner Frau, ich wolle auch so leben. Der Sohn sagte: "Aber erst wenn ich mit der Schule fertig bin." Ein paar Wochen später wurde er eingeschult.

Französische Campingplatzmarke Huttopia

In Arnay-le-Duc lernten wir durch Zufall eine französische Campingplatzmarke kennen und schätzen: Huttopia. Die betreiben naturnahe Plätze mit Schwimmbad, Bar und großzügigen Stellplätzen.
Der Sohn ging baden, ich radeln. Und fuhr durch Orte, die in keinem Reiseführer stehen: Vailly (294 Einwohner), Foissy (165), Culètre (102). Es ging über grüne Hügel, vorbei an gelben Strohballen, weißen Kühen – und welligen Wahlplakaten aller möglichen Couleur, die um Stimmen der … Moment … 561 hier ansässigen Franzosen buhlten.
Abends regnete es wieder. Die gerade gewaschene Kleidung hängten wir ins Cockpit unseres Reisemobils, woraufhin die Scheiben beschlugen. Vom Hagelgewitter nachts machte ich mit dem Handy kleine Videos, damit mir das zu Hause jemand glauben würde. Es gab eine amtliche Gewitterwarnung für die Zeit von 22.01 Uhr bis 1.59 Uhr. Was mich zu zwei Fragen führte: a) Wie präzise arbeitet der französische Wetterdienst? Und b): Geht so ein GFK-Aufbau noch als faradayscher Käfig durch? Ist man in ihm somit bei Blitzeinschlägen sicher?
Für manche Dörfer ist der Joa gerade noch kompakt genug.
Bild: Holger Karkheck

Wie auch immer, wir überlebten, aber wollten Sonne. Also beschlossen wir am nächsten Morgen, aus der Region Grand Est (Großer Osten) nach Südfrankreich zu fahren.
Wir landeten in Saint-Martin-d’Ardèche, einem kleinen Ort direkt an der … genau: Ardèche. Ehrlich gesagt hatten wir uns zuvor nie mit diesem Teil Frankreichs beschäftigt. Um dann festzustellen, dass wir den landschaftlichen Höhepunkt unserer Tour erreicht hatten. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Weit oberhalb der Ardèche schlängelt sich die D 290, eine 38 Kilometer lange Panoramastraße, die "Autofahrern atemraubende Ausblicke" biete, wie Reiseführer Google verriet.

Reisefreiheit neigt sich dem Ende entgegen

Während also unten auf der Ardèche die Paddler paddelten, ruderte ich mit dem Lenkrad hin und her auf der kurvigen Strecke.
Wir schlugen unser Zelt beziehungsweise Wohnmobil wieder auf einem Huttopia-Campingplatz auf. Natur, Schwimmbad, Bar. Kannten wir ja schon.
Langsam neigte sich unsere Reisefreiheit dem Ende entgegen. Wir überlegten, was wir alles an Köstlichkeiten mit nach Hause nehmen sollten. Bei unserem vorigen Frankreichbesuch (damals wollten wir eigentlich nach Polen) waren wir in der Champagne gewesen – und hatten die 3,5 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht vermutlich leicht überschritten angesichts der Kisten voller Souvenirs.
Schönste Straße der ganzen Tour: Die D290 ist eine 38 km lange Panoramaroute oberhalb der Ardèche.
Bild: Holger Karkheck

Und diesmal? Auf dem Rückweg würden wir noch einmal durchs Burgund kommen. "Chardonnay", hauchte ich meiner Frau ins Ohr. "Pinot noir", antwortete sie. Und beides klang nach Liebesbekundung – was es in gewisser Weise ja auch war. Dazu Käse aus der Markthalle in Beaune, die wir schon von der Hinfahrt kannten. Ein paar Wurstwaren aus dem Elsass. Uns lief das Wasser im Mund zusammen.
Und dann kam die Nachricht eines Kollegen aus Hamburg. Just an diesem Tag gebe es bei Lidl in Frankreich eine famose Küchenmaschine. Ob wir ihm vielleicht den kleinen Gefallen tun könnten, eine solche mitzubringen? Der kleine Gefallen füllte die Heckgarage fast komplett aus.
"Nächstes Jahr fahren wir nach Norwegen", sagte ich auf der Rückreise. "Oder nach Albanien", sagte meine Frau. "Egal, Hauptsache, es gibt da keinen Lidl", sagte ich.