Interview: Polizei NRW über Billigteile von Temu sowie Tuning, Poser und Raser
Polizei: "Da ist auch der Tuner plötzlich ein Poser."

Bild: AUTO BILD
Kai Schiffer ist ein erfahrener Verkehrssicherheits- und Tuningexperte bei der Polizei Nordrhein-Westfalen. Am Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP NRW) leitet er Seminare zu Themen wie Pkw-Tuning und zur technischen Überprüfung von Krafträdern. Seine langjährige Tätigkeit im Streifen- und Verkehrsdienst verschafft ihm einen tiefen Einblick in die Tuningszene.
Auf der Essen Motor Show 2024 trafen wir Kai Schiffer am Stand der Initiative "Tune it! Safe!" und des Reifenherstellers Hankook. Die seit 2005 bestehende Kampagne setzt sich für sicheres und legales Tuning ein und wird von Hankook als Hauptsponsor unterstützt. Im Gespräch gibt Kai Schiffer Einblicke in aktuelle Trends, Herausforderungen und Entwicklungen im Bereich des Fahrzeugtunings.
AUTO BILD: Welche aktuellen Tuning-Trends bereiten der Polizei bei Kontrollen die größten Kopfschmerzen?
Kai Schiffer: Eigentlich sind es die Billigteile, die über Anbieter wie Temu erhältlich sind. Es gibt einen gewissen Trend, dass solche Teile gekauft werden. Das ist ganz konträr zu dem, wofür wir stehen. Wir möchten, dass seriöse Teile verwendet werden, die abgenommen werden können. Mir sind selbst schon Distanzscheiben untergekommen, die tatsächlich bei Temu bestellt wurden. Diese sind natürlich um ein Vielfaches günstiger, erreichen aber niemals die Standards, die hierzulande gelten.
Ein generelles Problem sind eben diese Billigteile. Wir achten darauf, dass das Tuning ordentlich gemacht ist und den Vorschriften entspricht. Aber Tuning an sich sehen wir durchaus positiv. Es ist ein schönes Hobby, und ich mag die Leute, die ihr Fahrzeug wirklich kennen – die wissen, wo die Stärken und Schwächen liegen und was repariert werden müsste. Solche Leute sind mir viel lieber als diejenigen, die ein Leasingfahrzeug einfach nur nutzen, von A nach B fahren und sich nicht um ihr Auto kümmern.
Wir stehen für seriöses Tuning und wollen mit der Szene in Kontakt treten und uns austauschen. Problematisch wird es allerdings bei der Gruppe der sogenannten Poser. Sie nerven innerstädtisch, machen Lärm, driften oder fahren Donuts. Diese Leute wollen vor allem sehen und gesehen werden. Das ist eine Gruppe, gegen die wir konsequent vorgehen.
Am gefährlichsten sind allerdings die Raser. Unser Innenminister [Anm. d. Red.: Herbert Reul, CDU] findet dafür klare Worte. Es gibt mittlerweile viele Gerichtsverhandlungen, in denen Mordmerkmale im Raum stehen – etwa nach Unfällen durch illegale Rennen. Das ist eine besonders problematische Entwicklung.
Vor dem Gesetz sind alle gleich, doch in der Szene wird zwischen Posern und Tunern unterschieden. Wie bewertet die Polizei diese Differenzierung? Kann man die Lager noch so klar trennen, oder vermischen sich die Szenen immer mehr?
Der Tuner – wenn er sich mal dazu verleiten lässt, zu zeigen, was er an Leistung hat – kann natürlich auch zum Poser oder Raser werden. Kleine Schnittmengen gibt es im Einzelnen natürlich immer. Aber das pauschal zu betrachten? Nein. Es gibt Einzelfälle, in denen sich das vermischt – gerade wenn es Gruppendynamik gibt. Wenn man nebeneinander steht, die Motoren aufheulen lässt oder den Kavalierstart hinlegt, dann vermischen sich die Gruppen.
Da ist auch der Tuner plötzlich ein Poser. Die tatsächlichen Tuner, mit denen wir im Austausch stehen, distanzieren sich aber strikt von solchem Verhalten. Sie schütteln bei Tuningtreffen oft den Kopf und sagen: "Leute, ihr macht uns etwas kaputt." Diese Differenzierung ist also für viele innerhalb der Szene sehr wichtig.
Elektroautos sind in der Tuningszene noch schwach vertreten. Beobachten Sie bei Kontrollen eine Zunahme von getunten E-Autos, und wenn ja, durch welche Mängel fallen sie auf?
Bei Elektroautos ist das Tuning natürlich etwas eingeschränkt. Rad- und Reifenmöglichkeiten sind da sehr begrenzt. Da kann man gar nicht so viel machen wie bei Verbrennerfahrzeugen – zum Beispiel aufgrund des Gewichts.
Was ich bei Elektroautos eher beobachte, ist, dass an der Optik gearbeitet wird, etwa durch spezielle Lackierungen. Technische Veränderungen, etwa am Motor oder am System, sind noch recht selten. Das liegt daran, dass man sich dabei leicht das ganze System zerschießen kann.
Bei einem System wie dem von Tesla kommt man gar nicht so leicht rein. Und wenn doch, fällt das der Firma über die Fernwartung auf. Im schlimmsten Fall lässt sich das Fahrzeug dann gar nicht mehr starten. Ich glaube, die Möglichkeiten sind aktuell noch recht begrenzt. Die Individualisierung bei Elektroautos findet bisher überwiegend im optischen Bereich statt. Da sind die Grenzen einfach enger gesteckt.
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