Jaguar Type 00: erste Mitfahrt im Jaguar-Prototypen
Vom E-Type zum Elektro-GT: Jaguar erfindet sich neu

Kein Auto hat in letzter Zeit so viel Wind gemacht wie der neue Jaguar Type 00. Und wer hoffte, die Studie sei hoffnungslos überzeichnet, den belehren die Briten jetzt eines Besseren. Sie meinen es ernst und bitten deshalb schon mal zur Mitfahrt im Prototyp.
Bild: Jaguar
Eine Hochzeit unter Stars, ein Fail von Taylor Swift oder einfach nur eine coole Katze aus China – es braucht nicht viel, um das Internet durcheinanderzuwirbeln. Doch mit einem Auto-Thema gelingt das nur selten. Umso nachhaltiger war deshalb die Aufregung, als Jaguar vor genau einem Jahr in einer ziemlich woken Kampagne und einer ziemlich mutigen Farbe den Type 00 enthüllt hat.
Das Coupé mit barockem Format und avantgardistischem Design sollte den Aufbruch in die elektrische Zukunft markieren. Und damit nur ja niemand an der Ernsthaftigkeit des Neubeginns zweifeln konnte, haben sie auch noch ihr Markenzeichen abgeschafft, den Schriftzug erneuert – und die Produktion der aktuellen Modelle eingestellt.
Zwölf Monate später hat man sich zwar ein wenig an das Design gewöhnt, zumal Audi mit dem Concept C einer ganz ähnlichen Linie folgt. Aber die Wogen haben sich längst nicht geglättet. Schließlich haben die Briten mittlerweile nicht nur einen neuen Chef, sondern brauchen womöglich auch einen neuen Designer. Denn seit Tagen gibt es widersprüchliche Schlagzeilen über den Verbleib von Gerry McGovern.

Neuanfang mit Ansage: Der Jaguar Type 00 soll die Marke komplett elektrisch neu erfinden.
Bild: Jaguar
Allerhöchste Zeit also, mal wieder den Blick aufs Produkt zu lenken und noch einmal zu unterstreichen, dass sie es ernst meinen: Der Chef und die Mannschaft stehen voll hinter dem Projekt, das Design ist – Mr. McGovern hin oder her – längst fertig, der Umbau der Fabrik in Solihull fast abgeschlossen, und für ein Zurück wäre es jetzt ohnehin zu spät. Bevor deshalb je nach Perspektive Zweifel am Kurs aufkommen oder Hoffnungen auf einen Kurswechsel keimen, haben sie schnell zur Erstbegegnung mit dem jüngsten ihrer bislang 150 Prototypen geladen und damit ihr Versprechen vom Neuanfang erneuert.
Jaguar Type 00: Technik mit Ansage
Klar ist aus dem überschwänglichen Coupé mittlerweile ein Viertürer geworden. Doch an seiner Überschwänglichkeit hat das rund 5,30 Meter lange Raumschiff nichts verloren: Die Haube ist noch immer endlos lang, das Dach flach wie bei einem Sportwagen, das Heck weiterhin ungewöhnlich schräg, und auch das Serienauto steht auf mächtigen 23-Zöllern.
Aber auch unter dem Alublech pflegt Jaguar den Übermut: Der Motor im Bug kommt mit den beiden an der Hinterachse zusammen auf mehr als 1000 PS, der Sprint auf Tempo 100 gelingt in weniger als vier Sekunden, und Schluss ist erst bei 260 km/h. Und damit dem Jaguar so schnell nicht die Puste ausgeht, gibt es einen Akku, der mit 120 kWh für über 700 Kilometer (WLTP) reichen soll.

Die Zahlen können sich sehen lassen: 120-kWh-Akku, über 700 km laut WLTP.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Dass Elektroautos mit Leistung wuchern, haben wir allerdings spätestens seit dem Model S Plaid oder dem Lucid Air gelernt. Deshalb will Jaguar mehr bieten als pure Beschleunigung und schreibt sich Fahrfreude auf die Fahnen. Und obwohl der elektrische GT meilenweit in die Zukunft schaut, soll in ihm der Spirit eines E-Type genauso weiterleben wie der eines XJ. Den Komfort einer Limousine und die Agilität eines Sportwagens wollen sie vereint haben – und dabei nicht das riesige Format, sondern auch das üppige Gewicht ausblenden.

Unser Reporter Thomas Geiger ist im Jaguar Type 00 mitgefahren.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Soweit man es vom Beifahrersitz aus beurteilen kann, ist der Bote der Zukunft tatsächlich ein faszinierendes Fahrerauto, das ruhig und gelassen über das Highspeed-Oval gleitet und danach überraschend handlich und agil über den Handling-Kurs wedelt, ohne dass Herbstlaub die Traktion oder Kopfsteinpflaster den Komfort stören würden. Die smarte Luftfederung und die Allradlenkung machen hier gleichermaßen einen guten Job.
Design, Markt und Risiko
Aus Ingenieursperspektive haben die Briten also tatsächlich einen starken Job gemacht. Doch kurz danach beginnen die Probleme: Das Design mag – soweit man es unter der Tarnung erkennt – einzigartig sein und aus der Masse herausstechen. Und wirft man im Geheimen einen Blick auf das Serienauto, findet man vom neuen Grill ohne Jaguar-Signet über die lange Haube bis zum fensterlosen Heck und den breiten Kerben an der Kehrseite vieles von der Studie wieder. Doch sie haben der Form viel Funktion untergeordnet.
So gut man bei 3,20 Metern Radstand und speziellen Fußgaragen in der Batterie auch sitzt und so sehr man sich bei nicht einmal 1,40 Metern Höhe über erfreulich viel Kopffreiheit wundert – der Einstieg durch die schmalen Türen gerät mühsam. Und wie man aus diesem Fond vor dem Grand Hotel stilvoll aussteigen soll, müssen die Briten erst noch erklären.

Über 1000 PS, Luftfederung und Allradlenkung versprechen echte Fahrfreude.
Bild: Jaguar
Außerdem dürfte man auch in Gaydon bemerkt haben, dass die elektrische Euphorie seit dem Projektstart vor vier Jahren spürbar abgekühlt ist. Gerade in der Oberklasse sind viele Kunden skeptisch gegenüber E-Autos – erst recht in den USA, wohin Jaguar traditionell die meisten Fahrzeuge verkauft. Doch während Bentley und Porsche gerade zurückrudern und ihre Verbrenner verlängern, lässt die neue Architektur der Briten gar keinen anderen Antrieb mehr zu.
Mit dem Type 00 wird Jaguar deutlich teurer
Hinzu kommt das wirtschaftliche Risiko. Nicht nur, dass die Händler seit über einem Jahr keine Neuwagen mehr im Showroom stehen haben und auch im kommenden Jahr keine bekommen werden. Mit der Serienversion des Type 00 wird Jaguar zudem deutlich teurer – ziemlich genau doppelt so teuer. Rund 150.000 Euro Grundpreis stehen im Raum. Statt auf Masse setzt man künftig auf Klasse und will eine Lücke besetzen, die man zwischen deutscher Oberklasse und britischem Ultra-Luxus sieht.

Endlos lange Haube, flaches Dach und 23-Zoll-Räder prägen den Auftritt.
Bild: Jaguar
Marketing-Manager Tom Bury weiß, dass dieser Weg kein Spaziergang wird. Doch er weiß auch, dass es so wie bisher nicht weitergehen konnte. "Wir hatten tolle Autos, aber miserable Zahlen", zieht er einen Schlussstrich unter die letzten Kapitel der bislang 90-jährigen Jaguar-Geschichte. Deshalb führt für ihn am Neuanfang kein Weg vorbei.
Und auch wenn es von außen anders wirken mag, scheint der Druck intern begrenzt. Es geht beim ersten Auto der neuen Ära nicht um Stückzahlen, sondern um Positionierung – und darum, Jaguar wieder ins Gespräch zu bringen. Und zumindest das ist in den vergangenen zwölf Monaten eindrucksvoll gelungen.
Fazit
Ist das ein Neubeginn oder der Anfang vom Ende? Sicher ist: Jaguar hält Wort und bringt den Type 00 trotz aller Widerstände als elektrischen Gran Turismo in Serie. Nach der ersten Mitfahrt im Prototyp steht fest: An Technik, Antrieb und Abstimmung wird der Erfolg nicht scheitern. An das Design werden wir uns gewöhnen. Die größte Herausforderung liegt bei den Kaufleuten – sie müssen im dicht besetzten Oberhaus erst noch die richtige Nische finden.
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