Für Party-Smalltalk ist der Job von Jürgen Uedelhoven (61) im Grunde ungeeignet. Auf die Frage "Und was machst du so?" müsste er so ausweichend antworten wie ein Agent.
Jürgen Uedelhoven ist im Geheimdienst der Automobilindustrie. Bei ihm in Gaimersheim, im Dunstkreis bzw. den Dunstringen von Ingolstadt, sitzen seine UE Studios. 180 Mitarbeiter schrauben und schreinern hier, in einem unscheinbaren Gewerbegebiet, an der automobilen Zukunft. Bauen Showcars und Prototypen für Messen. Weltweite Visionen, made in Bavaria.
Jürgen Uedelhoven
Genesis Mint Concept: Idee eines Luxus-E-Autos für die Stadt, ausgestellt auf der New York Auto Show 2019.

Bild: Holger Karkheck

Zuletzt entstand in den hermetisch abgeriegelten Hallen der ID.Life von VW, präsentiert auf der IAA vergangenes Jahr in München.
Zum Volkswagen-Konzern pflegt Uedelhoven eine lange Beziehung. Angefangen hat für ihn damals alles mit dem Ur-TT von Audi. Heute stehen seine Autos auf Shows in Genf (Koenigsegg Gemera, 2020), in New York (Genesis Mint Concept, 2019) oder London (Rolls-Royce Vision Next 100, 2016). (Diese Concept-Cars sind Autos wie von einem anderen Stern)

Blaupause für den Ioniq 5

Manches bleibt eine Idee, einiges wird schnell zur Realität. So wie das Hyundai 45 EV Concept, das Uedelhoven als Blaupause für den Elektro-SUV Ioniq 5 baute.
"Heute konstruieren wir Prototypen komplett digital", sagt Uedelhoven. Noch vor wenigen Jahren sei das anders gewesen. "Türverkleidungen haben wir von Hand in den Prototyp hineinmodelliert." Heute kämen solche Teile fix und fertig aus dem 3D-Drucker. Passt, wackelt nicht und hat nur so viel Luft wie nötig.
Porsche
Den Fond des Porsche 911 GT3 stattet Uedelhoven mit Carbonteilen aus.

Bild: Holger Karkheck

Für ihren Job müssen Uedelhoven und seine Mitstreiter viel können – vor allem zurückhaltend sein. Der Star sind stets die Autos und die Automarken.

Uedelhoven fuhr Talbot-Matra Murena

Was nicht bedeutet, dass Jürgen Uedelhoven das Unscheinbare schätzt. Ganz im Gegenteil. Er sei schon immer etwas anders gewesen, sagt Uedelhoven. Andere fuhren Käfer, er hatte als Student einen Talbot-Matra Murena, einen dreisitzigen Kunststoff-Sportwagen aus Frankreich. "Ein Arme-Leute-Ferrari mit 90-PS-Motor. Ging 180, aber bei Seitenwind lebensgefährlich zu fahren", sagt Uedelhoven und lacht. Er hat’s überlebt.
Was man nicht von allen sei-nen Autos behaupten kann. 2013 baute er für den Film "I, Robot" mit Will Smith den Audi RSQ – ein Zukunftsfahrzeug, das heute sehr irdisch als Stunt-Wrack in seiner Halle steht.
Porsche
Als neues Geschäftsfeld will Uedelhoven zukünftig Porsche verfeinern.

Bild: Holger Karkheck

Rund 50 Prozent seines Geschäfts macht Uedelhoven heute noch mit den Nachbarn von Audi. Inzwischen lassen aber auch Hyundai oder Mercedes bei ihm fertigen. Die großen Designer wie Luc Donckerwolke oder Marc Lichte gehen bei ihm ein und aus. Manche nennt er Freunde, genau wie Neo Rauch, den Künstler.
Denn irgendwann entdeckte Uedelhoven seine Liebe zur großen Bühne. Also der wirklichen Bühne, nicht der auf Messen. Theater, Oper – wenn in Bayreuth oder Salzburg ein technisch aufwendiges Requisit gebraucht wird, dann rufen sie den Jürgen an. Ob ein sieben Meter hohes Skelett oder, wie vergangenes Jahr, ein Auto, das aus zehn Meter Höhe auf den Bühnenboden knallt – "ich sag immer erst mal, dass wir das hinkriegen".

Kreative technische Lösungen

Viel Geld lasse sich mit dem Bühnen-Engagement nicht verdienen. Es gehe ihm, sagt Uedelhoven, um etwas anderes, Höheres: "Wenn wir die Kunst fördern, sind wir in anderen Bereichen auch gut. Und wenn wir die Kunst nicht mehr ernst nehmen, sind wir ein Land von vielen."
Einmal hat er für eine Inszenierung sogar einen Reichsadler gebaut, der von der Decke fiel. "Als Aufhänger haben wir ein Kofferraumschloss genommen", sagt Uedelhoven. Außen hui und innen hui, wenn man so will. Denn hinter dem schönen Schein stecken oft kreative technische Lösungen.
Jürgen Uedelhoven
Taschenlampen als Scheinwerfer kommen bei Bühnen-Autos für die Oper zum Einsatz.

Bild: Holger Karkheck

Was die Zukunft bringt? "Autodesign ist heute austauschbar geworden", sagt Uedelhoven. "Und wenn die Fahrzeuge dann irgendwann auch noch autonom fahren, wird alles noch austauschbarer." Heute gehe es nur noch darum, immer größere Bildschirme einzubauen. "Für welchen Content denn?" Uedelhoven schüttelt den Kopf. Weniger wäre mehr, findet er.
Kurz: Wieder ein bisschen mehr Mut könne nicht schaden. Sagt’s und rückt sein braunes Cordsakko zurecht.

Zur Person: Jürgen Uedelhoven

Sein Vater hatte eine Firma für Modellbau in Ingolstadt. Sohn Jürgen übernahm sie 1990. Er selbst ist Diplom-Ingenieur für Maschinenbau. Fährt privat Porsche.