Die Geschichte des Autobauers Karmann in Osnabrück muss womöglich in Teilen ganz neu geschrieben werden. Am 10. Januar 1980 rollte dort der letzte Käfer vom Band, 1303 Cabrio in Marsrot.
Jetzt, gut 42 Jahre später, fährt noch mal was Luftgekühltes aus einer der Karmann-Hallen. War der letzte Käfer also nur der vorletzte? Fest steht: Die Kultauto-fabrik hat damit nichts zu tun.
Malte Ottehenning und Ben Rasche sind 25 Jahre jung und beste Freunde seit der Schule. Beide kommen aus Osnabrück, beide brauchen ein Projekt.
Zwei Freunde, ein Projekt: Malte Ottehenning (rechts) und Ben Rasche und ihr Baja Bug vorm ehemaligen Karmann-Werk in Osnabrück.

Das war schon mit 17 so, als sie einer Lincoln-Stretchlimo einen Fünfliter-Ford-V8 implantierten und die Fuhre zum Campingmobil umbauten. Oder nach dem Abi, als sie durch die USA tourten und dafür einen alten Schulbus in ein Wohnmobil verwandelten.

Treffen im ehemaligen Fuhrpark von Karmann

Wir treffen die beiden in einer Halle gegenüber von Tor 2 der heutigen Volkswagen Osnabrück GmbH in der Narupstraße. "Hier war mal der Fuhrpark von Karmann untergebracht", sagt Malte.
Jetzt parken hier private VW mit Luftkühlung, vor und hinter dem Gebäude wartet Altblech darauf, dass es wachgeküsst wird, auch die weiße Stretchlimo.
Guter Klang ist alles: Fächerkrümmer- Abgasanlage von CSP, gut sichtbar.

Das neueste Altblech von Malte und Ben ist eigentlich nigelnagelneu. Drei Jahre hat es gedauert, bis dieser – ja, sollen wir Käfer sagen? – so dasteht wie hier und heute, bis er so glänzt und faucht und röhrt. "Dabei haben mich zwischenzeitlich alle für verrückt gehalten", sagt Malte.

Baja Bug für 1000 Euro

Am 5. Oktober 2019 haben die Jungs irgendwo an der Nordsee einen schwarzen Baja Bug auf den Anhänger geladen, Kaufpreis: 1000 Euro und eine Kiste Bier.
"Eigentlich waren wir nur scharf auf die Anbauteile für den Baja Bug und den Kfz-Brief, in dem der komplette Umbau eingetragen war." Der Zustand von Bodengruppe und Häuschen, die mit 26 Schrauben verbunden den Käfer ergeben? Bröselig!
Sieht von unten so gut aus wie von oben: Malte (l.) hat alles neu gebaut, Ben ging beim Schulkumpel "in die Lehre".

Also weiteren Käfer kaufen, einen 1303 aus Holland. Der wiederum stand super da, kaum Rost.
Jetzt folgt das, was alle Käfer-Schrauber kennen. Bodengruppe sandstrahlen, also entrosten, Häuschen strippen, also Kotflügel, Türen, Hauben, Scheiben – raus, runter, schleifen. 

Learning by Doing

Malte hat nach dem Abi erst eine Lehre zum Marketingkaufmann bei Mercedes in Osnabrück gemacht und ab 2019 den Kfz-Mechatroniker mit Schwerpunkt Karosserietechnik im gleichen Autohaus drangehängt. Kumpel Ben ist da schon mitten im BWL-Studium in Bremen, kann nur am Wochenende helfen.
Malte arbeitet also bis kurz nach 16 Uhr im Autohaus, dann weiter in der alten Karmann-Halle, in der sein Vater und Kumpels an alten Karmännern schrauben. Zum Glück. Erstens bekam er Tipps aus erster Hand, zweitens durfte er sich im Teilelager bedienen.
Nennt ihn bloß nicht "Käfer SUV"! Obwohl: Liegt höher, hat breitere Kotflügel, Kuhfänger – wie ein SUV.

Aber das, was den Breitbau-Käfer ausmacht, das war Learning by Doing. Die beiden hatten die GFK-Anbauteile für solch einen Baja Bug gut verkaufen können, mussten aber jetzt alles aus Blech selbst zusammendengeln.
Dafür gab es nur ein Maß, aber keine Vorlage. "Ich habe aus zwei Kotflügeln einen gemacht, alle zwei Zentimeter aufgeschnitten, damit ich ihn breit bekomme", erklärt Malte. Auch den Motordeckel hinten hat er aus Blech gefertigt, in der Hälfte abgeschnitten, umgebördelt.

Drei Jahre Bauzeit

Weil irgendwann mehr Arbeit übrig war als Geld, kam Ben ins Spiel, schrieb über 100 Briefe an Firmen, warb um Sponsoren. Und hatte Glück: Reifenhändler Bohnenkamp und Chinareifen-Marke Sailun geben Geld, dürfen mit dem Baja Bug werben.
"Das Thema Sponsoring hatte ich zum Glück gerade im Studium", sagt Ben.
Nach drei Jahren ist der Bug bis auf Kleinigkeiten fertig; es fehlen noch Trittbretter (natürlich Eigenbau) und der Segen des TÜV. Dabei haben die Jungs gar nicht geplant, dass er derart perfekt wird: "Eigentlich wollten wir nur die Balkan Rallye mitfahren, dann ist es so eskaliert."
Mittlerweile geht auch Malte zur Uni, studiert Industrie-Design. Das erste eigene Auto hat er schon mal fertig, demnächst will er es mit seinen Professoren in 3D vermessen: "Dann kann man die Kotflügel aus GFK nachbauen."
Was wohl der große Nachbar Karmann dazu sagen würde?

Der original Baja Bug.

Das ist der Baja Bug

Er war die günstigere Alternative zum Buggy: Ende der 1960er-Jahre kam in Kalifornien erstmals ein Baja Bug auf die Straße. Spenderfahrzeug war ein Käfer mit "stehenden Augen". Kotflügel und Hauben wurden durch GFK-Teile ersetzt, längere Stoßdämpfer und größere Räder sorgten für die Höherlegung. Baja 1000 hieß übrigens eine Rallye im mexikanischen Bundesstaat Baja California.