Ob sich die traditionsreiche Sportzeitung „La Gazzetta dello Sport“ bewusst war, welche Wunden sie mit ihrer Schlagzeile nach Kimi Antonellis WM-Triumph aufriss? „Kimi Antonelli ist Formel-1-Weltmeister – dank seines Talents, seines Autos und weil er nicht in einem Ferrari fahren musste.“
Ein Satz, der die Verantwortlichen in Maranello mitten ins Herz getroffen haben dürfte. Bei den Ferrari-Fans dagegen scheint er kaum Schmerzen auszulösen. Denn die feiern Antonelli trotzdem.
Das war nicht immer so. Frühere italienische Formel-1-Piloten wie Jarno Trulli, Riccardo Patrese oder Giancarlo Fisichella gewannen ebenfalls Rennen außerhalb eines Ferrari-Cockpits. Doch statt uneingeschränkter Begeisterung gab es häufig Missmut. Schließlich hatten sie den italienischen Nationalstolz auf vier Rädern geschlagen.

Formel-1-Weltmeister Antonelli: Italien jubelt einem Mercedes-Piloten zu

Bei Antonelli gelten plötzlich andere Regeln. Schon bei seinem Heimsieg in Monza spielten sich bemerkenswerte Szenen ab. Ferrari-Fans in roten Shirts und mit roten Kappen jubelten einem Mercedes-Fahrer zu. Einem Piloten, der nicht das springende Pferd auf seinem Auto trägt, sondern im Silberpfeil Geschichte schreibt.
Jahrzehntelang schien in Italien ein ungeschriebenes Gesetz zu gelten: Wer die Formel 1 liebt, liebt Ferrari. Doch Antonelli stellt diese Gleichung auf den Kopf.
Kimi fährt nicht für Ferrari. Aber er fährt für Italien.
Kimi Antonelli ist Weltmeister. In Italien feiern ihn sogar viele Ferrari-Fans, obwohl er für Mercedes fährt.
Bild: Manuel Eletto/Sutton Images
Damit bringt er die traditionellen Fanlager durcheinander. Denn plötzlich lautet die Frage nicht mehr nur Ferrari oder Mercedes. Sondern: Kann man beiden die Daumen drücken?
Sogar Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni würdigte Antonellis WM-Titel als außergewöhnlichen Erfolg und Anlass für nationalen Stolz.
Auch Tennisstar Jannik Sinner gehört zu seinen Bewunderern. Schon nach Antonellis erstem Grand-Prix-Sieg im März in China schwärmte er bei der Siegerehrung in Indian Wells von einem besonderen Tag für Italien. Es sei fantastisch, wieder einen so jungen Italiener ganz oben zu sehen. Von Ferrari sprach er nicht.
Dabei hat Antonelli weit mehr geschafft als einen gewöhnlichen Formel-1-Erfolg. Der Junge aus Bologna, ausgerechnet in unmittelbarer Nachbarschaft zur Ferrari-Heimat Maranello, beendete eine 73-jährige Durststrecke.
Zuletzt hatte Alberto Ascari 1953 den WM-Titel nach Italien geholt. Damals selbstverständlich in einem Ferrari.

Ferrari unter Druck: Die Tifosi haben einen neuen Liebling

Ein Mercedes-Pilot als italienischer Nationalheld! Für Ferrari ist das eine völlig neue Situation.
Ein italienischer Formel-1-Weltmeister im Silberpfeil: Antonelli stellt die traditionellen Fanlager auf den Kopf.
Bild: Clive Rose/Getty Images
Zumal die Antonelli-Begeisterung längst auch Maranello erreicht hat. Bereits im März berichtete der Fernsehsender Rai aus der Ferrari-Heimat. Dort bekannten sich selbst eingefleischte Anhänger des Cavallino Rampante offen zu ihrer Sympathie für den Mercedes-Youngster.
Die Botschaft: Ferrari bleibt die große Liebe. Aber über Kimi darf man sich trotzdem freuen.
Ein Fan begründete seine Begeisterung damit, dass Antonelli als Italiener die italienische Flagge hochhalte.
Genau darin liegt Ferraris Problem. Antonelli braucht keinen roten Rennwagen, um die Herzen seiner Landsleute zu erobern. Er schafft es sogar im Cockpit des großen Rivalen Mercedes.
Eine ungewöhnliche Konstellation, die auch international Aufmerksamkeit erregt. Schon im Sommer beschäftigten sich italienische Medien mit der Frage, ob Antonellis Aufstieg die traditionellen Fanlager dauerhaft verändern könnte. Die französische Zeitung „Le Monde“ beschrieb die neue Spannung zwischen Ferrari-Treue und Antonelli-Begeisterung.
Für Ferrari wächst damit der Druck. Denn irgendwann werden die Tifosi ihren neuen Helden wohl auch im roten Auto sehen wollen.

Bernie Ecclestone: Antonelli muss irgendwann zu Ferrari

Eine Vorstellung lässt die Herzen vieler italienischer Formel-1-Fans besonders schnell schlagen: Kimi Antonelli im Ferrari!
Ex-Formel-1-Boss Bernie Ecclestone (95) ist überzeugt, dass es irgendwann so weit kommt.
Der Brite zu F1-Insider.com: „Ferrari hat keine Wahl, sie müssen es tun. Und Kimis Herz schlägt italienisch. Wenn er weiter gewinnt, und davon bin ich überzeugt, wird er auch aus Liebe zu seinem Land zu Ferrari wechseln.“
Für Ferrari könnte Antonelli damit eines Tages mehr sein als nur ein weiterer Spitzenfahrer. Er wäre die Verbindung zwischen dem italienischen Nationalstolz und der größten Leidenschaft der Tifosi.
Die Frage ist deshalb nicht mehr, ob diese Traumhochzeit stattfindet. Sondern wann.