Bei uns gelten sie als spießige Pampersbomber, Handwerker-Limousinen oder Päckchen-Shuttle, doch in China sind Großraumlimousinen gerade das ganz große Ding. Und wer einmal im LiAuto Mega gesessen hat, der versteht auch warum.
Denn mehr noch als der Xpeng 9X, der Denza D9, der Zeekr 009 oder der Volvo EM90 – als einziger, nun ja, europäischer Mitbewerber – steht er für eine coole, luxuriöse und extrem fortschrittliche Interpretation jenes Konzepts, das VW 1949 mit dem Bulli groß rausgebracht hat. Und setzt obendrein bei der Technik neue Maßstäbe.
Das beginnt bei einem Design, das den Mega weit in die Zukunft beamt. Wo heute noch die braven Soccer-Mums am Steuer sitzen, bringt damit Captain Future seine Kinder zum Fußballtraining: Nicht nur, dass die Chinesen ihren Van nach dem Vorbild von Apple, deren Philosophie sie ohnehin näher sind als Audi, nur in drei Farben (Schwarz, Weiß oder Gunmetall-Grau) anbieten.
LiAuto Mega
Der Van kommt auf ein Gewicht von knapp drei Tonnen.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Er hat zudem die aalglatte und schnörkellose Schnauze eines Hochgeschwindigkeitszuges, der man nicht einmal so recht die Scheinwerfer ansehen kann. Die Flanken sind kerzengerade, und das messerscharf abgeschnittene Heck verjüngt sich wie weiland beim Tropfenwagen des seligen aerodynamik-Pioniers Edmund Rumpler.

Mega-Reichweite von 700 Kilometern

Das sieht nicht nur mega-cool aus, sondern hat auch einen Sinn. So hat der ehemalige Porsche-Designer Ben Baum den cw-Wert auf 0,215 gedrückt und damit sogar den Taycan geschlagen. Auch das ist ein Grund, weshalb der Mega auf eine Mega-Reichweite von mehr als 700 Kilometern kommen soll.
Der andere Grund dafür ist freilich die 800-Volt-Batterie mit einer Kapazität von 103 kWh, die aber neben den 710 Kilometern noch einen weiteren Bestwert bietet. Die maximale Ladeleistung liegt bei 552 kW. Und anders als bei uns kann man die in China sogar nutzen. Denn LiAuto hat selbst bereits die ersten 500-kW-Lader aufgestellt und verspricht dort binnen zwölf Minuten den Strom für 500 Kilometer. Da erscheint selbst der frisch geliftete Taycan als Trödler.
LiAuto Mega
AUTO BILD-Reporter Thomas Geiger hat den LiAuto Mega unter die Lupe genommen.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Und der Mega macht nicht nur an der Steckdose Tempo. Sondern mit einem 210 PS starken E-Motor an der Vorder- und einer 333-PS-Maschine an der Hinterachse und zusammen 542 Nm schnellt das Raumschiff in 5,2 Sekunden auf Tempo 100 und surrt danach weiter bis auf 180 km/h.

Fahrwerk nicht Porsche-like

Leider haben sich die Chinesen zwar einen Porsche-Designer geholt, aber keine Fahrdynamiker aus Weissach. So flott der Mega in der Theorie auch sein mag, lässt man es mit dem Raumschiff deshalb in der Praxis lieber langsam angehen. Das üppige Format von 5,35 Metern, das Gewicht von knapp drei Tonnen, die wolkenweiche Luftfederung und eine vergleichsweise softe Servolenkung zwingen zu Ruhe und Umsicht, statt Lust auf Raserei zu machen.
Aber das Fahren ist ohnehin Nebensache in einem Land, in dem auf der Autobahn maximal 120 gilt und man in der Stadt meist doch nur im Stau steht. Die wahren Qualitäten des Mega erlebt man deshalb bei jedem Tempo.
LiAuto Mega
Der Radstand von 3,30 Metern ermöglicht im Innenraum viel Beinfreiheit.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Da ist zuallererst das unerreichte Raumgefühl. Denn obwohl sie in allen drei Reihen eher feudale Fauteuils montieren als schnöde Sessel, reicht es bei 3,30 Metern Radstand für konkurrenzlos viel Beinfreiheit: In der Mitte ist sie besser als im neuen Siebener und selbst in der dritten Reihe noch besser als im Fünfer, und zwar in der chinesischen Landversion.
Dazu wird in der ersten Reihe mit 16 Stempeln massiert, und selbst in der zweiten Reihe kann man die Sitze um mehr als 90 Grad neigen und neben der Lehne auch die Seitenwangen und die Beinauflage kuschlig wärmen. Und egal wie viel Platz sich die Insassen gönnen: Selbst bei voller Bestuhlung fasst der Kofferraum noch über 1000 Liter. Auch in dieser Disziplin ist der LiAuto tatsächlich mega.

Kino auf Rädern

Und dann wäre da noch das Infotainment. Wo uns die Chinesen schon bei gewöhnlichen Kleinwagen und normalen SUV was vormachen, legen sie hier noch mal einen drauf: Die Instrumente verschwinden in einem kleinen Display direkt im Lenkrad und machen so Platz für einen riesigen Bildschirm, der sich breit und brillant bis vor den Beifahrer in seinem liegefreundlichen Queen-Sessel spannt, und hinten klappt trotz Panoramadach ein 15,7 Inch großes OLED-Display von der Decke, das zudem die Sitze der Hinterbänkler passend zum Soundtrack des Unterhaltungsprogramms vibrieren lässt und so den Effekt der über 2000 Watt starken Dolby-Anlage noch verstärkt.
LiAuto Mega
Wie in der Formel 1: Im Lenkrad ist ein Display verbaut.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
So geht Kino auf Rädern. Bedient wird das alles – ChatGPT sei Dank – im natürlichen Dialog, zumindest wenn man Chinesisch kann, oder – und da wirkt der ach so futuristische Mega dann plötzlich ein bisschen altmodisch – mit einer Gestensteuerung, wie sie BMW mit der "Neuen Klasse" gerade wieder abschafft.
Und damit beim digitalen Overklill nur ja nichts stört, haben die Chinesen den Mega so gut isoliert, dass er der leiseste Van der Welt sein will. Selbst in einer Maybach S-Klasse, so versprechen die Entwickler, geht es dagegen laut zu.
LiAuto Mega
Kinofeeling im Auto. Die Rücksitze vibrieren passend zum Ton des Films, der über einen 15,7 Inch großen OLED-Display abgespielt werden kann.
Bild: Thomas Geiger / AUTO BILD
Drinnen mag es mucksmäuschenstill sein, draußen macht der Mega dagegen um so mehr Lärm: Seit er im letzten Frühjahr in den Handel kam, ist er bei Firmen und Familien in Guangzhou oder Beijing das Gesprächsthema Nummer 1 und verkauft sich trotz der stattlichen 559.800 RMN oder umgerechnet 74.000 Euro bestens.
Und bei den Autobossen in Wolfsburg, München oder Stuttgart wird über ihn diskutiert. Weil sie einerseits für die Chinesen gerne selbst so ein cooles Konzept hätten und weil sie anderseits Angst haben, dass dieses Ufo irgendwann mal bei uns landen könnte.
Diesem Van gehört die Zukunft. So wie vor bald einem halben Jahrhundert mal Chrysler mit dem Voyager und Renault mit dem Espace erfinden jetzt gerade die Chinesen die Großraumlimousine neu und machen aus dem verstaubten Pampersbomber ein begehrliches Fahrzeugkonzept. Cooles Design, zukunftsweisende Feature und konkurrenzlose Akkutechnik – damit hätte der Mega auch bei uns beste Chancen. Wenn nur der Preis nicht wäre.