Kapitän an Steuermann: "Ruder hart backbord!" Steuermann an Maschinenraum: "Halbe Kraft voraus." Dann heißt es abwarten, bis das Schiff auf Linkskurs einschwenkt und es die Maschine mit Beschleunigung versorgt. Einen Lincoln Continental Mark IV fahren ist wie auf der Brücke stehen, den Blick nach vorn an den Horizont des Lebens geheftet, der nicht mehr fern ist, denn Lincoln-Lenker sind in den USA meist nicht mehr die Jüngsten. Statt Continental wäre der Name Oceanliner passender. Sein Bremsweg (knapp 60 Meter aus Tempo 100) hat etwas Maritimes, im Wedelparcours stampft er wie in kabbeliger See, dazu geht die Lenkung so indirekt wie bei der "United States", weshalb sie auch ordentlich früh bewegt werden muss, sonst fliegen die Pylonen. Überhaupt mussten wir vorsichtig antesten, ob der Riese (Länge 5,80 m) überhaupt durchpasst mit seinem vorragenden Bug.
Lincoln Continental Mark IV
Wedeln kann man das nicht nennen, eher schwimmen. Die Ersatzrad-Kontur am Heck ist übrigens Schwindel.
Dafür hat der Continental Mark IV sechs Sitze, nicht schlecht für ein Coupé. Auf guter Straße federt der Lincoln wie ein fliegender Teppich, auf welliger Bahn wie eine Wippe, die sich gar nicht mehr einkriegen will. Unterdessen flüstert und summt der V8 vor sich hin, untermalt von dunklem Brabbeln. Dass er aus 7,5 Litern nur 205 PS holt, sehen wir ihm nach, weil er es zum Glück nie schafft, die Besatzung mit rabiater Beschleunigung zu erschrecken. Andererseits finden wir den Testverbrauch von 22 Litern reichlich unbescheiden. Dafür bewegt er sich so sanft, so weich, so milde und ist dabei so zuckersüß eingerichtet – er überträgt das Prinzip des Marshmallows aufs Auto. Was gab es 1976 alles an Bord? Klimaautomatik, Tempomat mit Tasten im Lenkrad, Abbiegelicht, automatisches Abblenden, elektrische Sitzverstellung. Beeindruckend. Manches davon verkaufen uns Neuwagenhersteller noch heute als den letzten Schrei. Der Lincoln – er wurde nie nach Deutschland exportiert – ist der Vornehmere im Vergleich mit dem Cadillac Eldorado hier, auch weil seine Karosserie befestigt ist wie eine Burg, mit Zinnen, Ecken und Kanten und einem kleinen dorischen Tempel am Bug, nach Rolls-Royce-Muster. Wer sagt denn, nur die Chinesen würden kopieren? Es fehlt bloß noch der Wassergraben drumherum. Kann man beim Lincoln von Stil sprechen? Durchaus, denn Stil muss ja nicht schön sein. Und es gab ja auch mal eine Zeit, als wir nichts dabei fanden, Schlaghosen zu tragen und im Gesicht Koteletten, die wie Schrubberbürsten aussahen.

Tage des Donners: Muscle Cars


Fazit

Liebhaber amerikanischer Straßenkreuzer schnalzen mit der Zunge: Einen prächtigeren Barockbau hat nur noch Stutz hingekriegt. Der Lincoln ist ein Auto zur Vermeidung des Fahrgefühls. Erstaunlich: Er wurde im Vergleich Zweiter bei der Beschleunigung. Dennoch reicht es für ihn nur zum vierten Platz in der Sachwertung. Aber wer kann, wer will bei ihm schon sachlich bleiben?