Es sind 36 Grad im Schatten. Am Himmel über den sanften Hügeln im Nordosten Sloweniens braut sich eine dunkle Gewitterwand zusammen. Slowenische Toskana nennt man diese bezaubernde Landschaft, in der in diesem Jahr die Neuheiten der Marken Carthago und Malibu präsentiert werden. Nicht weit entfernt von hier, in Odranci und Ormož, liegen nämlich die beiden Produktionswerke der Aulendorfer Firma. Letzteres öffnete erst im Frühjahr 2023 seine Pforten und wurde speziell für den Bau von Malibu Vans errichtet. Dazu haben wir Fragen.
Welche Vorteile hat eine reine Spezialisierung auf Vans in einem Produktionswerk?
Anton Fetscher, Geschäftsführer Technik: Sie müssen davon ausgehen, dass ein Reisemobil in Relation zu einem Van Faktor zwei oder drei mehr Arbeitsinhalt hat. Und das auszubalancieren, ist sehr schwierig. Deswegen ist es immer besser, verschiedene Reisemobile, egal ob Teilintegrierte, Integrierte, Malibu oder Carthago, zusammen zu bauen, als wenn immer wieder ein Van dabei ist. Das ist immer ein bisschen störend, weil andere Taktzeiten laufen, weil davon natürlich mehr pro Tag produziert werden. Und auf zwei Bändern zuzusteuern mit der Vorfertigung, hat auch seine Nachteile und bringt Störungen mit sich. Das haben wir jetzt eliminiert, indem wir die beiden Produktionen auseinandergezogen haben.
Interessant, dass es so viel effizienter ist, die Bauformen zu trennen.
Anton Fetscher: Es sind ja auch ganz andere Bauweisen. Sie bauen ein Reisemobil quasi von innen heraus auf und dann die Hülle drumherum. Ein Van ist genau das Gegenteil. Da kriegen Sie die Hülle und bauen innen aus.
Bernd Wuschack, Markus Kern, Anton Fetscher (alle Carthago) und AUTO BILD REISEMOBIL-Redakteurin Jenny Zeume (v. l.)
Bild: AUTO BILD / Jenny Zeume

Wie viele Vans sollen pro Jahr entstehen, wenn das Werk komplett angelaufen ist?
Anton Fetscher: Wir haben das Werk zunächst auf einschichtigen Montagebetrieb ausgelegt. Und da werden wir bei der jetzigen Werkerdichte, also wie viele Mitarbeiter können wir pro Tag einsetzen, bei etwa 3500 Fahrzeugen landen. Das hängt jetzt allerdings davon ab, wie die Produktentwicklung weitergeht. Dann wären wir in der Lage, in den Zweischichtmodus zu gehen. Ich würde mal sagen, 5000 bis 5500 Vans sind aktuell mit der Ausbaustufe möglich. Aber Sie haben ja gesehen: Wir haben rund um das Gelände auch noch Freifläche. Da ist noch Potenzial.
Wie realistisch sind denn die Zahlen? Ihr Reisemobilwerk in Odranci läuft ja nach eigenen Angaben aktuell nur auf 70 Prozent aufgrund der Lieferschwierigkeiten bei den Chassis. Kann die Kapazität im Vanwerk überhaupt ausgeschöpft werden?
Markus Kern, Geschäftsführer/CEO: Kurzfristig ist der Übergang in den Zweischichtmodus sicherlich nicht realistisch. Da wir davon ausgehen, dass mittelfristig die Lieferstabilität wieder hergestellt wird, sowohl in der Chassisversorgung als auch in der generellen Teileversorgung, denken wir, dass wir innerhalb eines Jahres wieder deutlich höhere Stabilitäten in der Versorgungskette haben. Und dann sehen wir eine Auslastung dieses Werks im Einschichtbetrieb bei 3000 bis 3500 Fahrzeugen. So sehen auch unsere Planungen aus. Tendenz steigend. Welche exogenen Faktoren letztendlich auf uns einprasseln, wissen wir nicht.
Bernd Wuschack, Geschäftsführer Marketing, Vertrieb und Aftersales: Die Zahl von 3000 Fahrzeugen ist realistisch. Die Marke Malibu, die zwar schon zehn Jahre am Markt besteht, läuft seit Beginn an, drastisch ausgedrückt, im Standgas. Das liegt daran, dass wir die ersten zwei, drei, vier Jahre gebraucht haben, um die Marke einzuführen, das Händlernetz aufzubauen. Und dann sind wir schon fast in die Phase gekommen, wo wir in unserem bestehenden Werk ans Limit gekommen sind. Das heißt, wir haben die Ausbringung von Malibu Van und Reisemobil nie an die Stückzahlen geschafft, die dann der Markt nachgefragt hat. Insofern tut sich für uns jetzt eine große Chance auf, den Handel passend zur Nachfrage zu bedienen. Klar, jetzt haben wir die Versorgungsengpässe durch Pandemie, Lieferketten und, und, und. Und die interessante Frage, die sich jeder stellt, ist: Wie ist das tatsächliche Angebots-Nachfrage-Verhältnis jetzt realistisch am Markt? Das wissen wir alle nicht ganz genau. Aber wir spüren schon, dass insbesondere die Marke Malibu einen Nachfragesog hat. Und das international. Um eine Vorstellung zu geben: Wir haben im Moment nicht mal 100 verkaufbare Malibu Vans in Deutschland am Markt. Die Marke findet so gut wie nicht statt. Und dieses Thema müssen wir jetzt, verbunden mit einer neuen Marketingstrategie, wieder neu reaktivieren. Der Markenanklang ist hoch, die Attraktivität des Produkts auch.
Bis zu 5000 Vans sollen in dem nagelneuen Werk in Slowenien pro Jahr gebaut werden.
Bild: Malibu

Welche Kunden sind denn Ihre Zielgruppe, nach der sich die neue Marketingstrategie richtet?  
Alexander Wehrmann, Leiter Marketing, Kommunikation und PR: Also wenn Sie mich ganz persönlich fragen, dann ist grundsätzlich eine Definition einer bestimmten Zielgruppe heutzutage fast schon nicht mehr möglich. Weil einfach Anforderungen und Möglichkeiten so unterschiedlich und divers sind. Es gibt ganz viel Potenzial bei Malibu bei Interessenten, die diese Urlaubsform noch gar nicht auf dem Schirm haben, die aber jetzt ihr Mindset verändert haben über die letzten zwei Jahre. Und die gilt es auch zu identifizieren. Weil es diese klare Einteilung und Clusterung nach Schubladen meiner Meinung nach gar nicht mehr gibt.
Bernd Wuschack: Das, was hinter der ganzen Philosophie steht, sowohl für die Marke Carthago als auch Malibu, ist immer der Premiumansatz. Wir sind hier qualitätsführend, auch im Vansegment. Sprich, der Kunde ist immer der Qualitätsbewusste, der Werterhaltende. Das ist eine Zielgruppe, die wir in den Fokus nehmen und die es auch im Vanbereich gibt. Wir sprechen eine Gruppe an, die speziell einen Van möchte, aber darin das Maximale an Qualität, Ausstattung und Komfort sucht. Den Kunden möchten wir bedienen. Und der ist nicht unbedingt sehr jung.
Ab wann besteht denn ein Fahrzeug bei Ihnen nicht mehr die Qualitätskontrolle?
Anton Fetscher: Wir haben in den letzten Jahren mehr und mehr Quality Gates eingeführt. Das heißt, wir verriegeln nicht die Qualität ganz hinten, sondern gehen früher in die Einzelteilabnahme, um Fehler so früh wie möglich zu erkennen, schnellstmöglich nachzuarbeiten und hinten, am Ende des Bandes, den Van fertigstellen zu können. Das hat auch etwas mit Effizienz zu tun, denn wenn Sie ein Fahrzeug rausfahren und wieder reinholen, nacharbeiten – das ist nicht gut fürs Fahrzeug, und auch nicht gut für die Effizienz. Wir haben jetzt interne Qualitätsrichtlinien, wo wir den Mitarbeitern vorschreiben: Das ist noch gut, das   nicht mehr.
Bernd Wuschack: Mit diesen Quality Gates kommt noch ein ganz wichtiger Aspekt hinzu: die Nachhaltigkeit. Durch die Teilung der Qualitätskontrollen kriegen die Nacharbeiten auch nur die ab, die es verursacht haben. Und die Mitarbeiter lernen damit. Was man auch klar sagen muss: Die beste Qualität kommt immer dann raus, wenn die ganze Kette kein Loch hat. Sobald es Lieferschwierigkeiten gibt, Fehlteile gibt, man muss Fahrzeuge im schlimmsten Fall  vom Band nehmen, nacharbeiten: Das sind meistens die Lücken,
wo Fehler passieren können. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, die Lieferketten waren die letzten zwei Jahre instabil. Da betreiben wir schon einen riesigen Aufwand, um trotzdem noch dieses Qualitätslevel zu gewährleisten.
Schön der Reihe nach: So sieht Serienfertigung im Reisemobilbau aus.
Bild: AUTO BILD / Jenny Zeume

Welche Kriterien sind Ihrer Kundschaft bei der Aufbautechnik und Ausstattung besonders wichtig?
Bernd Wuschack: Die Qualitätsphilosophie, die wir fahren, das ist das, was die Kunden auch bei uns suchen. Das ist nicht nur Selbstzweck. Das ist das Argument für unser Produkt. Die Carthago-DNA. Was möchte der Kunde am Ende? Der möchte Sorglosigkeit, aber auch Werterhalt, und er möchte dieses elegante, eigenständige Design. Das sind die drei Themen, die wir verwirklichen, indem wir qualitativ hochwertige Materialien einsetzen und diese genauso hochwertig verarbeiten. Und indem all unsere Karosserieverbindungen sehr aufwendig gestaltet sind. Der Standard im Reisemobilbau ist, dass sie eine Karosserie punktuell verschrauben. Dazwischen kommt
ein Dichtstoff, und dann hält es. Total simpel. Wir arbeiten da anders. Nämlich mit Tragholmen, mit Profilen, die dreiseitig verklebt werden. Zum einen, um ein Höchstmaß an Dichtigkeit zu erreichen, zum anderen für Stabilität und damit Langlebigkeit. Das ist außerdem auch ein Thema, das zur Geräuschvermeidung beiträgt. Da sind an ganz vielen Stellen Maßnahmen, die die Themen Qualität, Sorglosigkeit, Langlebigkeit und Werterhalt erfüllen.
Gibt es denn spezielle Ausstattungselemente, die immer wieder gefragt sind?
Bernd Wuschack: Das ist grundverschieden. Erstens bei den Kunden und zweitens auch bei den Fahrzeugtypen. Natürlich kann ich in einen Van weniger reinpacken als in einen Carthago s-plus. Gehen wir mal von Letzterem aus: Da ist in der Regel die komplette Preisliste drin. Diese Kunden reisen aber auch anders. Die wollen autark sein, sie wollen das Höchstmaß an Komfort und Unabhängigkeit. Ein Vankunde hingegen weiß, dass alles, was er an Bord hat, begrenzt ist. So wählen die Kunden auch ihre Ausstattung aus.
In Odranci entstehen Reisemobile von Carthago und Malibu.
Bild: AUTO BILD / Jenny Zeume

Wie viel Spielraum hat denn die Entwicklung bei der Gestaltung neuer Grundrisse? Wie experimentell kann man werden?
Markus Kern: Wie Herr Wuschack sagte: In einem Van ist der Bauraum begrenzt. Da gibt es im besten Fall drei Längen. Und letztendlich ist unser Ziel, das angenehmste Wohngefühl für unsere Kunden herzustellen und auch da die Carthago- bzw. Malibu-DNA umzusetzen. Darum: Beim Van ist der Spielraum sehr begrenzt. Und je größer ein Reisemobil wird, desto größer sind auch die Spielräume und Gestaltungsmöglichkeiten.
Bernd Wuschack: Um mal von der Technik wegzurücken: Bei uns ist die Entwicklungsabteilung keine Abteilung, die im Keller sitzt, irgendwas vor sich hin entwickelt und dann sagt: Wir haben da was ganz Tolles erfunden. Sondern wir ticken da als Unternehmen schon sehr marktnah. Das heißt auch, die Köpfe, die das Ganze vorantreiben, sind am Markt. Und insofern setzen wir Marktanforderungen oder unsere Einschätzungen zum Markt entsprechend mit der Entwicklung um. Und da sind die Möglichkeiten zunächst einmal ganz groß. Wenn wir irgendwo einen neuen Trend sehen, von dem wir überzeugt sind, oder einen eigenen entwickeln, dann setzen wir den um. Wenn
es in unsere Produktphilosophie passt.
Die Marke Carthago ist bereits seit vielen Jahren am Markt, Malibu erst etwa zehn Jahre. Wie hat sich denn die Kundschaft in dieser Zeit verändert?
Bernd Wuschack: Da müssen wir auch zwischen den beiden Marken unterscheiden. Carthago ist deutlich länger am Markt, da nehmen wir den deutlichen Wandel noch extremer wahr. Wir haben glücklicherweise einen großen Anteil an Eigenkunden, die unserer Marke treu sind. Durch unsere Baureihen haben wir Aufsteigerkunden, die im Laufe der Jahre auf ein größeres Modell schielen. Der Anteil liegt zwischen 30 und 35 Prozent. Was wir zunehmend mehr wahrnehmen, sind Kunden, die neu zur Marke und die auch mit anderen Vorstellungen kommen. Die sich viel mehr darüber informieren, was ist das für ein Hersteller, was für eine Marke. Die kommen nicht von der letzten Verschraubung in der Heckgarage links, weil sie seit Jahrzehnten Reisemobilisten sind. Die gehen ganz anders an das Thema heran. Und das ist unsere Herausforderung, beide Zielgruppen zu erreichen mit dem gleichen Produkt. Auch bei Malibu, obwohl wir mit den Produkten noch nicht so lange im Markt sind, merken wir die Entwicklung schon auch. Aber wir können für die Marke noch keinen Status quo feststellen, der sich verändert. Da sind wir eigentlich noch in der Markenentwicklung und im Veränderungsprozess. Da kann man sa-gen, dass wir es geschafft haben, eine etwas jüngere Zielgruppe anzusprechen. Und auch wir machen es ganz pragmatisch fest an den Inzahlungnahmen, die stattfinden, wir erreichen eine Käuferschicht, die aus anderen Produktbereichen kommt, aus anderen Marken, die anders ans Produkt herangeht.