Maserati ist zurück im Motorsport! 16 Polepositions, 12 Siege, Titel: Die Italiener sind aktueller Meister in der GT2 European Series. Haben sich gegen so namhafte Boliden wie den Mercedes-AMG GT2, KTM X-Bow GT2, Lamborghini Huracán Super Trofeo Evo2 und Audi R8 LMS GT2 durchsetzen können. Das geht nicht einfach mit ein bisschen Power, Flügeln und bunten Aufklebern. Da muss man mehr investieren.
Als man 2021 den MC20 präsentierte, war klar, der hat das Zeug zum Rennwagen. Das Team in Modena hat sich nach der Abkoppelung von Ferrari komplett neu sortiert und auch das Thema Motorsport wieder reaktiviert. Und so entstand der Maserati GT2, schlicht und einfach, ohne MC20. Ein waschechter Rennwagen, keine aufgemotzte Straßenversion wie beim AMG GT2. Nein, dieser Maserati ist Hardcore-Motorsport.
Maserati GT2 Stradale
Die meinen das wirklich ernst, die Italiener. Zentralverschluss, Keramikbremse und Michelin Cup 2 R mit MGT-Kennung. Grip und Pedalgefühl? Mega!
Bild: Maserati
Schade, dass sich die Italiener nicht getraut haben, auch eine GT3-Version zu bauen. Vielleicht besinnt man sich demnächst, wir werden es sehen. Auf jeden Fall waren die Maseratisti so von den Renn-Erfolgen beflügelt, dass man schnell die Idee vom Straßen-GT2 auf dem Tisch liegen hatte. Die anderen machen das schließlich auch so, siehe AMG GT Black Series. So kam es zum GT2 Stradale.

Im Maserati GT2 Stradale von der Rennstrecke auf die Straße

Wie viel Motorsport steckt denn wirklich drin? Bei der Optik ist der Stradale tatsächlich näher am Renn-GT2 als am Basis-MC20. Dafür sorgen unter anderem eine länger nach vorne gezogene Spoilerlippe für mehr Anpressdruck. Am Heck erfüllt diese Aufgabe ein aufgesetzter, vom Rennwagen abgeleiteter Flügel. Dreifach verstellbar, versteht sich. Aerodynamisch optimiert agiert auch der Heckdiffusor. Maserati verspricht bei 280 km/h bis zu 500 Kilo Abtrieb für den ganzen Heck-Aero-Zinnober. Übrigens, der Kofferraumdeckel wurde dafür verstärkt. Und: Die zerklüftete Fronthaube ist eins zu eins vom Rennwagen.
Motor
V6, Biturbo, Mitte hinten längs
Hubraum
2991 ccm
Leistung
471 kW (640 PS) bei 7500/min
max. Drehmoment
720 Nm bei 3000–5500/min
Antrieb
Hinterrad, 8-Gang-Doppelkupplung
L/B/H
4669/2178/1222 mm
Leergewicht
1365 kg
0-100 km/h
2,8 s
Spitze
324 km/h
Verbrauch
11,6 l SP/100 km
Preis
ab 310.000 Euro 
Der Dreiliter-Nettuno-V6-Biturbo hat im Stradale 10 PS mehr als im MC20, die Rennwagen-Power variiert je nach BoP (Balance of Performance). Trotz der vielen Anbauten soll das Gewicht gesunken sein, offiziell um 60 Kilo. Großen Anteil daran haben die Schmiederäder in 20 Zoll mit Zentralverschluss (19 kg leichter als MC20). Darauf montiert sind in der Basis Michelin Cup 2 in 245/35 und 305/30. Verzögerung mit Keramik.
Innen? Der Fahrmodus-Regler für die Programme "Wet", "GT", "Sport" und "Corsa" ist griffgünstig positioniert. Mit den Performance-Paketen (ab 12 500 Euro) sind die Modi plus ABS und ESP noch mal spezieller abgemixt, dazu Cup-2-R-Reifen und spezielles Differenzial. Im teureren der beiden Pakete ist ein Corsa-Evo-Mode mit vierstufiger Traktionskontrolle.
Maserati GT2 Stradale
V6-Biturbo namens Nettuno, 640 statt 630 PS im normalen MC20. Erreicht wurde die Leistungssteigerung per Eingriff an Elektronik und Auspuff.
Bild: Maserati
Flügeltür auf, reingleiten in die Carbon-Sitzschale. Hosenträgergurt festgezurrt, am Lenkrad den Startknopf gedrückt. Im Stand klingt der V6 ziemlich dünn, gar nicht wie ein GT2 mit 640 PS. Und auch die ersten Meter sind eher verhalten, er hat nicht das explosive Temperament, das wir erwartet hätten. Kein Wunder, der "GT"-Modus ist aktiv. Zwei Klicks weiter auf "Corsa", und der Stradale erwacht.

Das Maserati-Fahrwerk ist gut abgestimmt

Der Beat im Rücken ist deutlich kerniger, die Schaltzeiten des Tremec-Achtgang-Doppelkupplungsgetriebes ziemlich derb. Unter 2000/min schlummert zwar noch ein zarter Anflug von Ladedruck-Karenz, danach jedoch hängen die Verdichter verzugfrei an der Kette, rotieren simultan zum Takt der Gasstöße und wirbeln derart stürmisch in lichte Höhen, dass man trotz dickem Schaltbalken immer wieder an den Begrenzer ditscht.
Und wenn das Szenario einmal passt, dann erfährt man, was in Sachen Schaltruck maximal möglich ist. Bei aller Liebe, das ist etwas too much. Könnte mir vorstellen, dass das Auto beim Schalten in der Kurve etwas aus der Linie schlittert. Doch hier und heute passt alles, Traktion Stufe zwei, das steifere Fahrwerk mit seinen Unibal-Gelenken ist richtig gut abgestimmt. Bewegt sich da, wo man es braucht, bietet aber auch viel Stabilität.
Maserati GT2 Stradale
Straßen- und stadttauglich? Auf jeden Fall! Guter Komfort, entspanntes Getriebe, der V6 kann auch harmlos.
Bild: Maserati
Die neu kalibrierte Lenkung ist leider etwas leichtgängiger als vermutet, auch die Lenkübersetzung ist speziell auf der Rennstrecke einen Tick zu groß. Dennoch: Hat man sich erst mal an die Gegebenheiten gewöhnt, geht es ziemlich heftig und immer auf der Ideallinie zur Sache. Die Traktionskontrolle regelt fein, ESP off ist aber auch kein Problem, sofern die Reifen genügend warm sind. Die Cup-2-R-Gummis kleben wie Slicks, die neue, für den GT2 Stradale entwickelte Keramikbremse beeindruckt mit viel Biss und dennoch genügend Gefühl, ist sehr nah an den Porsche-Anlagen dran. Nach zehn Runden hab ich den GT2 Stradale verstanden, das Paket könnte am Sachsenring die 1:30 knacken.
Doch der Italiener kann auch anders, kann leise Töne, softes Federn. Von der Rennstrecke hinunter zur spanischen Küste, Serpentinen, schnelle und mittelschnelle Kurven, holpriges Gelände, das alles lässt den GT2 Stradale ziemlich kalt. Die Rundumsicht ist für so einen Koffer richtig gut, Navi und Musik sind gut über CarPlay zu bedienen. Und: Mit 310.000 Euro ist dieser GT2 Stradale beinahe ein Schnäppchen; zumindest gemessen daran, dass es sich hier um einen abgeleiteten Rennwagen handelt.
Fatto bene! Glückwunsch zu diesem Auto. Auf den ersten Blick ist das alles ziemlich oldschool, V6-Biturbo ohne E-Boost, bisschen Farbe, dicke Flügel und dann noch GT2 hintendrauf geklebt. Doch dieser Stradale ist alles andere als eine Mogelpackung. Klar, von der Performance ist das wahrscheinlich nicht auf dem Niveau eines 911 GT3 RS oder AMG GT Black Series. Doch das Ding fährt richtig gut und schnell. Wir sind gespannt, was das Paket auf der Uhr wert ist.