Zwei Supersportler im Vergleich

McLaren 600LT, Mercedes-AMG GT R Pro: Test

Zwei Supersportler im Duell

Sie sind die Spitzen ihrer Baureihen: McLaren 600LT und Mercedes-AMG GT R Pro. AUTO BILD SPORTSCARS hat die beiden Sportler verglichen.
Manche Tage fangen echt mies an: Du stehst extra früh auf, aber dann macht dir der Verkehr einen Strich durch die Rechnung, und du verpasst deinen Termin. Was ein Glück, wenn dein Date wartet. In diesem Fall beide Dates, denn auch nach einer Stunde Verspätung stehen McLaren 600LT und Mercedes-AMG GT R Pro noch geduldig in der Boxengasse des Lausitzrings und glitzern verheißungsvoll in der noch verhalten strahlenden Vormittagssonne.

Der GT R ist ein brachialer Frontmotor-Sportler

Lange Schnauze, Fahrgastzelle weit hinten: Das Layout ist auf den ersten Blick als AMG GT R zu erkennen.

Es sind die beiden schärfsten Klingen, die AMG und McLaren derzeit zu bieten haben, und sie reflektieren kokett die Strahlen, als würden sie sich wohlig räkeln. Das matte Selenitgrau magno mit der grell-grünen Kriegsbestreifung des GT R Pro erzeugt interessante Lichtreflexe, das saftige Luminair Grün springt weniger dezent direkt ins Auge – zwei Wege, ein Ziel: Aufmerksamkeit erzeugen. Check. Auch sonst beschreiten die beiden gänzlich unterschiedliche Pfade, um an das einende Ziel zu gelangen: höchsten Fahrspaß zu erzeugen durch extremes Tempo längs und quer, unterfüttert mit Erfahrungen und Techniken aus dem Motorsport, dargeboten auf zwei verschiedene Arten. Ganz klassisch im Fall des AMG mit Frontmotor-Transaxle-Heckantrieb-Layout, geprägt von langer Schnauze, rundlichem Coupé-Heckabschluss und zurückversetzter Fahrgastzelle. Daneben neoklassisches Mittelmotorlayout mit weit vorgerückter Fahrgastkuppel und angedeuteter Keilform.

Beim 600LT ist der Arbeitsplatz deutlich reduzierter

Das Design des McLaren wirkt etwas verspielter, im Innenraum ist er aber deutlich reduzierter.

Modern ist dagegen das Design des Engländers, das unterschiedliche Reaktionen auslöst; beliebig, sagen wenige, verspielt, meinen andere, viele empfinden es als wohltuend unaggressiv, andere sehen das Gegenteil. Der Benz triggert eher wohlmeinende Aussagen: klassisch-sportlich, nicht sehr mutig, Bewährtem vertrauend. Aber geschenkt, wir setzen uns mal rein. GT R steht für pure Performance, Pro zieht die Schraube noch ein ganzes Stück weiter an, doch sitzt man drin, umgibt einen schiere Opulenz statt karger Askese. Es blitzt und blinkt Mercedes-typisch, die sanft ansteigende, extrem breite Mittelkonsole, das Mikrofaser-Lenkrad ist ein ganz schönes Trumm – das Cockpit des AMG ist eindrucksvoll, aber auch dick aufgetragen. Der Platz nach links und rechts ist überschaubar, die Ellbogen nehmen bisweilen Kontakt zu Mitteltunnel und Türverkleidung auf. Drei Dinge wecken dagegen sofort den Sportsgeist: die schaligen Sitze, der Käfig inklusive Vierpunktgurten (die man parallel zu den Dreipunktern nutzen kann) und der auffällige gelbe Drehknopf unter den Lüftungsdüsen oberhalb der Mittelkonsole. Dahinter steckt die Traktionskontrolle, die wir schon im GT R schätzen gelernt haben.

Ein Artikel aus AUTO BILD SPORTSCARS

Die Opulenz des McLaren 600LT liegt im Verzicht. Schon der erste Blick verrät, dass es hier nie darum ging, möglichst viele Funktionen unterzubringen. Hier gibt es ein dünneres Lenkrad mit je zwei Hebeln links und rechts dahinter sowie eine Schaltwippe, ein TFT-Display für Fahrdaten, einen Zentralmonitor für Navi, Radio, Klima und Heizung sowie vier Drehregler zwischen den Sitzen für Fahrdynamik und Start. Das sind im Großen und Ganzen alle Bedienelemente des McLaren – und gerade das hat seinen besonderen Reiz.

LT markiert die sportliche Spitze im McLaren-Programm

Stabil: Statt auf das sonst übliche Airbrake-System setzt der 600LT auf einen feststehenden Heckflügel.

Der sich auch sofort offenbart, sobald man sich durch die neckisch öffnende Tür über die breiten Schweller gewuchtet hat, kurz jedes Mal mit immer der gleichen Stelle des linken Oberschenkels am Carbonrand der Sitzschale hängen bleibt und endlich hinter dem Lenkrad sitzt. Denn abgesehen davon, dass man nichts vermisst, ist die Sitzposition sehr sportlich tief, weit vorn und auf Anhieb perfekt. Umgeben von viel nacktem Carbon, den Blick nach vorn auf Lenkrad und den dahinter einladend wartenden Horizont gerichtet, will man einfach endlich nur losfahren. Schließlich steht LT für Longtail, was bei McLaren auf den F1 zurückgeht und ein verlängertes Modell bezeichnet, das die sportliche Spitze markiert. Der 600LT ist zudem rund 100 Kilo leichter als ein 570S Coupé und hat – wie alle Longtails – eine aerodynamisch besonders ausgefeilte Karosserie, die auf einen feststehenden Flügel statt der sonst üblichen Airbrake setzt. Serienmäßig kommt er auf extra klebrigen Pirelli P Zero Trofeo R-Reifen – sehr zielorientiert, sehr kompromisslos, sehr geil.
Das Fazit von Ralf Kund: "Zwei Highend-Sportler der ganz besonderen Art! Der GT R Pro kämpft mit scharfem Fahrwerk und Volldruckmotor, der McLaren kontert mit Drehorgel und allerfeinstem Handling." Wie sich die beiden Supersportler auf der Rennstrecke schlagen, erfahren Sie in der Bildergalerie.

Zwei Supersportler im Vergleich

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