Es braucht nur ein paar hundert Meter, elf Sekunden Zeit und ein Zucken in rechten Fuß, dann hat man keine Fragen mehr – zumindest, wenn die auf einer einsamen Landstraße in den französischen Seealpen liegen und mindestens 30 Kilometer vom Ausgangspunkt entfernt sind. Denn dann kann man den neuen McLaren Artura Spider buchstäblich mit allen Sonnen genießen. Zum Beispiel in den Tunnels auf der D6 in den Gorges du Loup.
Während sich die Hartschale über dem Kopf im Nu hinten zum Motor faltet, und die E-Maschine im 7,4 kWh großen Akku vergebens nach dem letzten bisschen Strom stöbert, fliegen die Finger über den Touchscreen und aktivieren die neue Launch Control, die weniger auf Speed ausgelegt ist als auf Spektakel.
Wenn sich dann der Fuß senkt, wackeln die Wände, aus dem Heck schlagen Flammen, aus den Radkappen quillt der qualm und während sich aus dem grob gehauenen Granit der Tunneldecke die ersten Kiesel lösen, schießt der McLaren schneller davon, als die Bröckchen auf ihn niederprasseln könnten.

Viel Sucht-Potenzial: McLaren Artura Spider

McLaren macht den Artura zum Roadster und setzt seine Kunden an die frische Luft.
Bild: McLaren
Natürlich ist das pubertär und politisch völlig inkorrekt. Aber es ist leider wie so viele Sünden eben auch wunderbar sinnlich und hat deshalb auch so ein großes Sucht-Potenzial. Und keine Sorge, der Artura kann ja auch anders. Unten in Monaco auf der obligatorischen Runde ums Casino, das Hôtel de Paris und durch den Formel-1-Tunnel hat sich der Artura Spider noch manierlich von seiner vernünftigen Seite gezeigt, hat mit seiner schneidigen Form und seiner schillernden Farbe um Aufmerksamkeit geheischt, nur um die Passanten dann maximal zu irritieren, nachdem er ihre Blicke gefangen hat.
Denn einen Supersportwagen, der mit seinem elektrischen Hilfsantrieb flüsterleise durch die Straßenschluchten surrt, daran müssen sie sich hier erst noch gewöhnen. Selbst wenn spätestens nach 30 Kilometern Ende ist mit der E-Mobilität und wieder der Benziner brüllt.
Aber jetzt, wo die Stadt hinter uns liegt und auch die innervolle Autoroute 8, jetzt ist es vorbei mit der Vernunft. Der Artura in seinem Element und räubert durch die Radien wie einst ein gewisser Walter Röhrl in seinem Audi S1. Oder Herr Aaltonen in seinem Mini, wenn man den Briten die Ehre erweisen will.
Hacke, Spitze, Hacke, Spitze und mit den Fingerkuppen immer an den aus Karbon gefrästen Schaltwippen der rasend schnellen Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe hinter dem Lenkrad, so springt der Artura förmlich durch die Serpentinen, hechtet die Hügel hinauf und schießt sie jenseits der Kuppe wieder herunter, bis die Bremsscheiben vor Hitze knistern und über dem Heck die Luft zu flirren beginnt.
Tempowarner ist natürlich serienmäßig an Bord und auch dringen notwendig bei dem Temperament des Autos.
Bild: McLaren
Da genießt man nicht nur den Sound der neun Sportauspuffanlage, die 20 Prozent mehr Crescendo in die Kabine spült. Sondern da spielt der Spider auch einen weiteren Vorteil aus, der ihn von vielen Konkurrenten unterscheidet: sein geringes Gewicht. Denn wie immer setzt McLaren seine Sportwagen auf eine strenge Diät.
Schon das Artura Coupé ist ein Leichtgewicht, und selbst mit dem aufwändigen Verdeck, seinen acht E-Motoren und dem großen Deckel auf dem Heck stehen nur 62 Kilo mehr auf der Waage. Am Ende ist der Artura als Spider deshalb mit seinen 1457 Kilo leichter als mancher Konkurrent als Coupé , und von den offenen Mitbewerbern trennten ihn bis zu 82 Kilo. Er beschleunigt deshalb nicht nur besser, ja bissiger als manch andere Supersportler, sondern vor allem lässt er sich mit weniger Kraft und sehr viel enger an der Ideallinie fahren.

McLaren Artura Spider: 605 PS Systemleistung

Treibende Kraft ist dabei das bekannte Doppel aus einem V6-Turbobenziner mit drei Litern Hubraum und einem E-Motor, der schon mit jenem Axial-Flux- Prinzip konstruiert ist, an dem Mercedes für den erste eigenständigen Stromer bei AMG noch tüftelt.
McLaren setzt seine Sportwagen auf eine strenge Diät.
Bild: McLaren
Während die E-Maschine nach wie vor 95 PS leistet und mit 225 Nm zu Werke geht, hat McLaren aus dem Verbrenner mit neuer Software noch einmal 20 PS mehr heraus gekitzelt und die Leistung auf 605 PS gesteigert. Deshalb stehen jetzt 700 PS und 720 Nm in Datenblatt, die sich einen feuchten Kehricht um die paar Kilo mehr scheren, die das Bikini-Top auf die Waage bringt: Egal ob Spider oder Coupé - der Sprint von 0 auf 100 gelingt hier wie dort in 3,0 Sekunden, Tempo 200 wischt nach 8,4 Sekunden über den digitalen Tacho und wenn die Raserei bei 330 km/h ein Ende findet, dann hat auch die stabilste Föhnwelle längst ihren Halt verloren und die Haare stehen waagrecht in Wind.
Apropos Gleichstand: Das Update für den Antrieb gibt es auch fürs Coupé. Und zwar nicht nur für die neuen Autos. Denn auch wenn der Start des Artura ein bisschen holprig ist, weil die Briten wie derzeit so viele Hersteller lange mit der Software zu kämpfen hatten, zahlt sich das eigene Ethernet zwischen den Steuergeräten des Supersportwagens jetzt aus. Schließlich könne sie so die Software auch over the air updaten und so bereits ausgelieferten Coupés ebenfalls mehr Leistung spendieren. Das hat es so bislang noch bei keinem anderen Hersteller gegeben.
Ganz nebenbei ermöglicht das neue Datennetzwerk auch neue Funktionen, die selbst bei Kleinwagen mittlerweile Standard sind, im Supersportwagen aber eher selten angeboten werden. Wer wirklich will, kann deshalb jetzt auch eine Spurverlassenswarnung bestellen oder die Elektronik für Blick in den toten Winkel nutzen.
Der Artura Spider wird von einer kombination auf V6-Turbobenziner mit drei Litern Hubraum und einem E-Motor angetrieben.
Bild: McLaren
Nur der Tempowarner ist natürlich serienmäßig an Bord – und nervt gewaltig, was nicht an der Technik liegt, sondern am Temperament des Autos und der moralischen Inkompetenz des Fahrers. Aber wie soll man sich auch zurückhalten in einem Auto, das aus oder Schraube „Speed“ schreit und nichts kennt als den Drang nach vorne?
Wie ernst es die Briten meinen mit der Raserei, das zeigt ein Detail, das heute selbstverständlich sein sollte, Produktchef Jamie Christophine aber trotzdem eine eigene Folie im PDF-Satz zum Spider wert ist: Die kabellose Ladeschale fürs Handy. Schließlich ist der Artura ein Auto, das dynamisch gefahren werden will. "Und das Letzte, was Sie da brauchen, ist ein umherfliegendes Smartphone." Deshalb liegt das Telefon bei McLaren auf dem Mitteltunnel, sondern steckt darin fest – und bleibt immer an seinen Platz, egal wie wild der Spider in die Kurven stürmt.

McLaren Artura Spider: 273.073 Euro

Zwar hat man es wahrscheinlich längst auf die Sonnenseite des Lebens geschafft, wenn man sich einen McLaren leisten kann. Deshalb sollten auch die rund 25.000 Euro kein Hindernis sein, um die der Spider mit seinen 273.073 Euro teurer ist als das Coupé. Zumal es dafür einfach mehr Gefühl und Grandezza gibt und man obendrein auch noch besser gesehen wird auf dem Boulevard der Eitelkeiten.
Wer einen McLaren Artura Spider sein eigen nennen will braucht mindestens 273.073 Euro auf dem Konto.
Bild: McLaren
Aber ein bisschen Sommer könnte bei der Testfahrt trotzdem nicht schaden. Oder wenigstens etwas weniger Regen. Denn auch wenn man das Glasdach auf transparent schaltet, kann es das Open-Air-Gefühl nicht ersetzen. Aber der nächste Tunnel kommt bestimmt. Und spätestens dann ist das Dach wieder offen. Selbst wenn es nur für ein paar hundert Meter ist. Schließlich dauert der Striptease ja nur elf Sekunden - und es braucht nur einen Gasstoß im Granitgewölbe, damit er sich lohnt.
Sturmwarnung über England – wenn wir das im Wetterbericht hören, dann greifen wir genervt zur Regenjacke. Aber wenn die Nachricht von McLaren kommt statt vom Meteorologen, dann steigt die Vorfreude. Denn wie bei jedem Spider gehen die Mundwinkel nach oben, wenn das Dach runter kommt. Und wenn das Auto dann noch so schlank ist, so sportlich, stark und schnell, dann erst recht. Selten hat ein Sturm aus England so viel Spaß gemacht.